Memento mori – lebendig die Toten und an den Tod erinnern

Memento mori – lebendig die Toten und an den Tod erinnern

Eine November-Blog-Aktion im Blog von Petra Schuseil und Annegret Zander

Kaum sind wir im November angekommen, gedenken wir in vielfältiger Form all derer, die uns vorausgegangen sind und die auf immer in unserer Erinnerung lebendig bleiben.

Liebe Freundin,

bald ist es ein Jahr her, dass mich die Diagnose wie ein Hammerschlag traf und danach dauerte es nicht allzu lange, bis ich zu deiner Trauerfeier kam, eine Feier, die mir noch heute lebendig in Erinnerung ist, weil sie unter die Haut ging.

In der Trauerhalle zogen zwei Dinge meinen Blick immer wieder magisch an, zum einen der Sarg, in dem du unfassbarerweise ruhtest und der inmitten von Kerzen und Pflanzen gar nicht bedrohlich wirkte und ein großes Porträtbild von dir, das den Raum dominierte. Es war wie im Leben, dein offener Blick ruhte auf den Menschen, die gekommen waren, um Abschied von dir zu nehmen, und dein sympathisches Lächeln war so warm, als wollte es uns all die Trauer um dich weglächeln.

Wir kannten uns ein paar Jahre und wenn wir uns alle vier Wochen sahen und miteinander plauderten, lernten wir uns immer ein wenig besser kennen. Doch in dieser einen Stunde habe ich so viel über dich erfahren wie in all den Jahren zuvor nicht.

Du warst eine Frau, die ein reiches, buntes und lebendiges Leben hatte, auch wenn es wie bei allen anderen Menschen auch mal von dunklen Wolken überschattet wurde. Und doch strahltest du eine dankbare Zufriedenheit aus, die keinen Raum für Klagen ließ.

Ich musste schmunzeln, als der Redner erzählte, welch interessanten Weg dein Leben genommen hatte, von einer ausgebildeten Standesbeamtin über deine zweifache Mutterrolle zum Friseur-Model, von der Chef-Hostess bei Messen zum Model in exklusiven Boutiquen bis ins hohe Alter. Dein wohlgeformter Körper und deine Ausstrahlung, wahre Geschenke der Natur, um die dich so manche jüngere Frau beneidet hat, haben dir diesen Weg ermöglicht. Du konntest für dich selbst sorgen, und doch warst du eine liebende Gattin und zweifache Mutter, ein Familienmensch durch und durch, aber auch eine exzellente Gastgeberin, die gern Gesellschaften um sich hatte und alles für deren Wohl tat.

Eure finanzielle Sicherheit ließ dich nie vergessen, dass es Menschen gibt, denen es nicht so gut ging, auch für sie hattest du immer ein hörendes Herz und helfende Hände.

Als vor der Trauerfeier ein attraktiver Mann, gefasst aber lächelnd, auf mich zukam und mich begrüßte, wusste ich sofort, es war der Mann deines Herzens. Auf den ersten Blick spürte ich, wie gut ihr zusammen gepasst habt und die Stationen eurer Ehe, die der Redner so lebendig schilderte, wurden begleitet von den Liedern, die euch durch eure lange und glückliche Ehe geführt hatten. Ob das ‚Hallelujah’ von Leonard Cohen oder ‚ Merci Chérie’ von Udo Jürgens, so bunt wie die Auswahl der Lieder, so farbenreich war eure gemeinsame Zeit.

Aber auch das ‚Ave Maria’ und so manche auf der Orgel gespielte Melodie war ein Teil deiner Abschiedsfeier und als der katholische Geistliche erzählte, dass er das Privileg und deine Erlaubnis hatte, dich mehrere Male im Hospiz zu besuchen, was du neben ihm nur deinem Mann gestattet hattest, konnten wir erahnen, wie schwer es für dich und deine beiden Söhne gewesen sein musste, so früh voneinander Abschied zu nehmen.

Dein Wunsch, sie sollten dich noch gut aussehend in Erinnerung behalten, ist verständlich, aber für ein Mutterherz doch sicher auch eine enorme Belastung gewesen.

Mit dem lieben Gott lässt sich offenbar nicht handeln, denn die Erzählung des Pfarrers, dass du zwar annimmst, dass der liebe Gott dir nun auch eine Prüfung in Form von Krankheit zumutet, er aber nun auch bitte dafür sorgen soll, dass das alles schnell geht, ließ uns alle schmunzeln. Aber wir alle wussten auch, dass du dich noch viele Wochen mit dem gierigen Schalentier in deinem Körper herumschlagen musstest, bis du endlich die Augen für immer schließen durftest.

Die Feier des Abschiedes von dir, liebe Freundin, war berührend, liebevoll, tränenreich aber auch schön. Das Attribut ‚schön’ habe ich noch nie bei einer Trauerfeier vergeben. Deine Krankheit kam unerwartet, der Kampf bis zu deinem Tod war sicher für dich und deine Familie ein schmerzvoller Weg, doch der Abschied von dir hat auch Hoffnung gemacht.Mögen wir alle darauf hoffen dürfen, dass es dir dort, wo du jetzt bist, gut geht und wir uns eines Tages in der Unendlichkeit wiederfinden werden.

© Text und Fotos: G. Bessen

Im Gedenken an Evi (1937 – 2018)

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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31 Antworten zu Memento mori – lebendig die Toten und an den Tod erinnern

  1. nachtuul schreibt:

    Ein paar Minuten zum Innehalten …

    Gefällt 1 Person

  2. Hedwig Mundorf schreibt:

    Wirklich eine sehr berührende Geschichte und ja, es gibt auch schöne Trauerfeiern. Vielleicht schreibe ich eines Tages einmal davon.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: 8.11. Anna-Lena: Liebe Freundin … | Totenhemd-Blog

  4. Petra Schuseil schreibt:

    So schön, liebe Anna-Lena! Danke dafür!
    Schöne Trauerfeiern sind so wichtig.
    Evi werden heut die Ohren klingeln ;-).
    Schönen Tag. Herzlich. PEtra

    Gefällt 1 Person

  5. Beate Neufeld schreibt:

    Liebe Anna-Lena,
    deine Worte berühren mich, gehen zu Herzen!
    Ich kann es gut nachempfinden.
    Herzlichst:
    Beate

    Gefällt 1 Person

  6. Ruhrköpfe schreibt:

    Liebe Anna-Lena, sehr berührend, danke dir 🙂 Viele Grüße, Annette

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  7. Brigitte schreibt:

    Was für liebevolle Worte im Gedenken!

    Herzliche Grüße, Brigitte

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  8. Ein bewegender Text und eine wunderschöne Hommage ist Dir da gelungen, liebe Anna-Lena. Ähnlich durfte auch ich vor einiger Zeit die Trauerfeier für einen langjährigen Freund erleben. Das Attribut „schön“ empfinde ich in diesem Zusammenhang auch jetzt noch als stimmig und keineswegs fehl am Platz.

    Liebe Grüße
    Constanze

    Gefällt 2 Personen

    • Anna-Lena schreibt:

      Ich freue mich, dass du auch so empfindest, liebe Constanze. Der Tod gehört zum Leben, auch wenn wir nicht darüber sprechen wollen, aber so eine Feier kann viel von seinem Schrecken nehmen und jedem auch eine Lebensrichtung sein, das Leben so anzunehmen und zu gestalten, so gut es eben geht.

      Liebe Grüße auch zu dir,
      Anna-Lena

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  9. Agnes schreibt:

    Einen sehr schönen Abschiedsbrief hast Du Evi geschrieben, und uns Deine Freundin dadurch näher gebracht.
    Auch eine Trauerfeier kann „schön“ sein, auch wenn wir traurig sind und Tränen fließen. Eine Trauerfeier dar auf keinen Fall lieblos sein.
    Liebe Novembergrüße
    Agnes

    Gefällt 2 Personen

  10. www.wortbehagen.de schreibt:

    Ein wundervoller Text, liebe Anna-Lena.
    Wieviele Menschen hat der grausige Krebs Dir und auch mir nun schon entrissen, und es ist schlimm, es miterleben zu müssen.
    Du konntest bei einer schönen und guten, stimmigen Trauerfeier nochmal Abschied nehmen.
    Wie gut ist das. Danke, daß Du uns hast teilnehmen lassen.

    Alles Liebe, Deine Bruni

    Gefällt 1 Person

    • Anna-Lena schreibt:

      Ja, das war mir auch sehr wichtig darüber zu schreiben , liebe Bruni und so habe ich eine ganz tiefe Verbundenheit mit ihr, die mir das Verarbeiten erleichtert.

      Einen lieben Gruß in den heutigen denkwürdigen Tag,
      Anna-Lena

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  11. ernstblumenstein schreibt:

    Berührende Worte, eine feine Homage. Liebe Grüsse Ernst

    Gefällt 1 Person

  12. mikesch1234 schreibt:

    Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    November – Trauermonat – Totengedenken – der Toten gedenken – „meiner“ Toten gedenken – alle Jahre wieder – so wichtig, so wohltuend, so hoffnungspendend! Danke!

    Gefällt 1 Person

  13. alltagschrott.ch schreibt:

    Liebe Anna-Lena. Du hast mit so viel Herz und Liebe geschrieben… ich spüre deine tiefen Gefühle und Empathie. Ich bin sehr berührt. Priska

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  14. suebilderblog schreibt:

    Ich habe selten so schöne Worte zum Abschied eines lieben Menschen gelesen. Ich hoffe, dass der Mann und die Söhne diese schönen, berührenden Zeilen auch lesen.
    LG Susanne

    Gefällt 1 Person

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