Stets sind Gespräche im Wald

Stets sind Gespräche im Wald:
Bald winkt dir ein Blatt,
Das dir etwas zu deuten hat.
Bald sitzt ein Käfer an deinem Ärmel und blinkt.
Sein Flügelein blitzt wie ein Liebesgedanke,
Der augenblicklich wieder versinkt.
Die Mücke singend ums Ohr dir schwebt,
Wie Sehnsucht, die vom Blute lebt
Und dir von deinen Poren trinkt.
Wo der Wald sich lichtet,
Steht ungeschlachten Scheitholz geschichtet,
Weht Rindengeruch, der von Bränden dichtet.
Bleibt in den Kleidern dir lang noch hocken,
Als will es dich in ein Feuer locken.

Max Dauthendey (1867-1918

Foto: G. Bessen

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Luftschlossgedanken

„Oma, warum schaust du immer zum Himmel hinauf?“ Die fünfjährige Nele aß einen Eierkuchen mit Blaubeeren und ihr dunkelblau gefärbter Mund war ein hübscher Kontrast zu ihren hellblauen Augen. „Tue ich das?“, fragte Annemarie, die ihre Enkelin für eine Woche zu Besuch hatte und sie jeden Tag mit deren Lieblingsessen verwöhnte.
„Ja, immer wieder schaust du hinauf, als würdest du da etwas ganz Besonderes sehen.“
„Ich sehe auch etwas Besonderes.“

Nele hob verwundert den Kopf. „Ich sehe nichts. Nur Wolken!“ Sie verscheuchte eine Biene, die auf der Terrasse in Omas Garten neugierig um Neles Teller kreiste.
„Zwischen den Wolken baue ich mein Luftschloss“, antwortete Annemarie und amüsierte sich innerlich über die immer wieder wissbegierigen Fragen ihrer Enkeltochter.
„Da kann man doch gar nichts bauen. Um ein Schloss zu bauen brauchst du Steine und Holz und Glas und ganz viel Werkzeug. Und so eine große Leiter gibt es nicht. Oma, wie willst du denn da hochkommen?“
Das war die bestechende Logik eines Kindes.

„Weißt du, Nele, wir Menschen haben dir Fähigkeit, am Tag mit offenen Augen zu träumen und so können wir ohne großen Aufwand ein Schloss nur für uns bauen, zu dem nur wir den Schlüssel haben. Und wenn uns danach ist, ziehen wir uns immer mal wieder dahin zurück.“
„Und warum baust du ein Schloss in den Wolken? Du hast doch hier dein Haus und deinen Garten und Lotti.“ Als hätte Lotti jedes Wort verstanden, hob die Dalmatinerhündin ihren Kopf und schaute Nele mit ihren bernsteinfarbenen Augen groß an. Doch Nele starrte schon wieder hinauf zu den Wolken, als könne sie Omas Luftschloss entdecken und Lotti konnte ungestört ihren Mittagschlaf fortsetzen.
„Manchmal fühlt man sich nicht wohl und möchte einfach an einem anderen Ort sein, an dem es einem besser geht.“
„Bist du krank“? „Aber nein, Nele. Das Haus und der Garten machen viel Arbeit und seit der Opa nicht mehr bei uns ist, muss ich alles allein machen. Das ist mir manchmal ein bisschen viel.“
„Dann lass doch eine Putzfrau und einen Gärtner kommen und dir helfen. Unsere Nachbarin hat auch Hilfe.“
„Eure Nachbarin ist ja auch viel älter als ich,“ lenkte Annemarie ein und hat auch viel mehr Geld, setzte sie innerlich dazu.
Was wusste ein Kind wie Nele schon davon, wie es ist, plötzlich allein und für alles selbst verantwortlich zu sein. Annemarie verfolgte die Wanderung der Wolken, die sich vom leichten Sommerwind westwärts treiben ließen. ‚Ihr habt es gut, euch lenkt der Wind und ihr lasst euch treiben, ohne euch groß anzustrengen. Und ihr seid nicht allein.’

Nach Klaus’ tödlichem Herzinfarkt stand sie plötzlich alleine da, wie vor den Kopf geschlagen, nicht begreifend, dass er nie wieder kommt. Sie liebte das von ihm gebaute Haus und ihren großen Garten, den sie gemeinsam angelegt hatten. Und überall fand uns sah sie ihn, wie er ihr aufmunternd zulächelte und ihr immer wieder neue Kraft gab. Aber wie lange würde das noch gut gehen? Wie lange würde sie das alles noch allein bewältigen können?
Sie hatte Nele gern bei sich und war um jede Stunde froh, die Nele aufgeregt im Garten hin- und herhüpfte, die zarten Gänseblümchen pflückte die Kirschbäume umarmen wollte, den Insekten nachjagte. Als Großstadtkind entbehrte die Kleine so vieles, was die Natur ihr hier bot.

Annemarie plagte sich mit den Gedanken, alles zu verkaufen und sich eine kleine Wohnung zu nehmen. Das würde aber auch bedeuten, Sabines Elternhaus und Neles Großelternhaus zu veräußern. Sabine und Wolfgang hätten gern noch ein zweites Kind und in Gedanken sah sie dieses Kind schon barfuß bei seinen ersten Gehversuchen auf dem grünen Rasen, den kleinen Pöter gut mit Windeln gepolstert, um die ersten kleinen Stürze sanft abzufangen.

Während sich solche Gedanken in ihrem Kopf jagten, saß sie still auf ihrer Terrasse und träumte von ihrem Luftschloss, das frei von solchen Belastungen war. Dort tanzte sie wie eine junge bewegliche Frau durch die von Licht durchfluteten Zimmer, frei von Schmerzen, Sorgen und Nöten. Dort holte sie sich die Kraft, die sie brauchte, um ihr Tagespensum zu bewältigen, ihre aufkeimenden Zweifel wegzuwischen.

„Komm Nele, lass uns ein paar Kirschen pflücken und Marmelade kochen.“ Annemarie war aus ihrem Luftschloss zurückgekehrt, voller Tatendrang und neuer Energie. So hatte Klaus sie geliebt und in diesem Wissen stellte sie sich jeder neuen Herausforderung.

© G. Bessen

 

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Politlyrik zur Hochwasserkatastrophe im Juli 2021

WasserMacht

Wasser ist Leben.
Wasser ist Tod.

Wasser macht sprachlos.
Wasser macht trostlos.
Wasser macht hilflos.

Aber auch:
Wasser macht nachdenklich.
Wasser macht solidarisch.

Wasser bringt Leben.
Wasser bringt Tod.

Bringt es uns auch
auf andere Gedanken,
auf Taten, die jetzt
Not wendig sind?

Peter Schott, In: Pfarrbriefservice.de

 

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Über das Tun …

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Tomáš Halík: Die Zeit der leeren Kirchen

Mein heutiger Lesetipp

Über den Autor:

Tomáš Halík, Theologe und Professor für Soziologie, wurde 1948 geboren und 1978 heimlich zum Priester geweiht. Er war enger Mitarbeiter von Kardinal Tomásek und Václav Havel und ist heute Pfarrer der Akademischen Gemeinde Prag.

Mit der Fastenzeit 2020 begann die Phase, in der öffentliche Gottesdienste über Wochen und Monate nicht möglich waren. Viele Christen empfanden diese Zeit als sehr bitter, gerade auch in der Zeit des nahenden Osterfestes, andere nutzten die unzähligen digitalen Angebote und waren froh, dass Gottesdienste gestreamt werden konnten.

Tomáš Halík hat sich bewusst dazu entschlossen, Gottesdienste in seiner Gemeinde nicht zu streamen, sondern seine Predigten zu den Sonntagen der Fastenzeit, der Karwoche, den Ostertagen bis hin zum Pfingstsonntag als Videos anzubieten. Diese Predigten liegen nun in Buchform unter dem Titel „Die Zeit der leeren Kirchen – Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens“ vor.

Corona ist keine Strafe Gottes. Und doch wirft diese Pandemie Fragen nach dem Leid und seinem Sinn in unserer Welt und unseren persönlichen Erfahrungen auf. Noch immer sind Gottesdienste nur unter strengen Auflagen möglich und die leeren Kirchen sieht Halik als ein mögliches Zukunftsszenario in unseren westlichen Industrieländern.

Das Sterben der alten und in vielem überholten Form von Kirche wird durch das Virus beschleunigt. Nach Halíks Überzeugung bedeutet Ostern auch für die Kirche und das Christentum einen Weg des Sterbens und der Auferstehung. Nur eine andere Gestalt der Kirche kann ihr Weiterleben ermöglichen. Der Glaube verliert für ihn nicht an Kraft, im Gegenteil, er ist für ihn der feste Anker in unseren Tagen.

Glaube und Kirche sind noch lange nicht am Ziel, sondern immer noch auf dem Weg. Sie sind auch keine Besitzer irgendwelcher Wahrheiten, sondern auf der Suche nach Wahrheiten. Somit sollten wir nicht auf eine Rückkehr alter kirchlicher Strukturen warten, sondern alle miteinander an einer Verwandlung der Kirche mitwirken.

Diese offene und kritische Zustandsbeschreibung der Kirche in all den Predigten und Impulsen dieses Buches fordert zum Nachdenken und Mitdenken und letztendlich Handeln heraus, um der Kirche von gestern und heute eine Chance für morgen zu geben.

Das Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“ ist ein Begleiter für die Fasten- und Osterzeit, der auch nach Corona nichts an seiner Aktualität verlieren wird.

Die Zeit der leeren Kirchen (Gebundene Ausgabe)
Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens

Verlag Herder
1. Auflage 2021
Gebunden mit Schutzumschlag
208 Seiten
ISBN: 978-3-451-38994-8
€ 20,00

© G. Bessen, 7/2021

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Fließender Übergang von einem Monat in den nächsten …

In unserer Region war es in den letzten Tagen und Wochen viel zu heiß und viel zu trocken. Seit gestern Abend ist das anders. Es kübelt aus allen Wolken und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Natur erfreut sich und den niemals Zufriedenen (Berlin und Brandenburg sind bereits im Sommerferienmodus) ein paar praktische Aspekte dazu:

Das Fensterputzen erübrigt sich, denn bei so vielen ausgeschütteten Litern von oben werden die Scheiben nicht nur sauber, sondern auch regenweich.

Das Auto erfreut sich einer dauerhaften Waschanlage. Mit Vollgas durch die Pfütze und das Auto ist auch von unten sauber.

Kein lästiges Tragen von Gießkannen, um den Garten zu bewässern. Die Berieselungsanlage läuft durchgehend und muss noch nicht mal mit einer Zeitschaltuhr gekoppelt werden.

Vornehme Blässe ist wieder in. Fehlende Sonne ergibt keinen Sonnenbrand und vermindert somit das Hautkrebsrisiko.

Das regelmäßige Fallen der Regentropfen erweist sich als eine wahre Meditationsmusik. Spätestens nach drei gelesenen Seiten rutscht das Buch aus der Hand und die Augen fallen zu.

Der Kauf von Regenschirmen wird zu einem wahren Überlebenskampf, denn die werden Mangelware. Das Überangebot an nicht gekaufter Sommerkleidung und Sommerschuhen lässt sicherlich die Preise purzeln und einen Vorrat anlegen, für eine Zeit, in der es mal wieder Sommer ohne jegliche Einschränkungen geben könnte.

Deutsche Betten werden wieder häufiger angesteuert. Das lässt eine vorsichtige Prognose zu, dass zum nächsten Osterfest ein Babyboom zu erwarten ist.

Die Jalousien bleiben oben, denn es wird tagsüber gar nicht richtig hell. Das spart Muskelkraft oder Strom für den Motor.

Die Socken für den Weihnachtsbasar können gestrickt werden, denn bei großer Hitze geht das schlecht, weil der Wollfaden auf den Nadeln nicht richtig rutschen kann.

Frau muss sich  die Fußnägel nicht lackieren, denn statt offener Schuhe sind Gummistiefel angebracht, die sich freuen, das Tageslicht zu sehen.

Die viele Feuchtigkeit ist gut für die Haut, man wird glatt und glatter und sieht aus wie das blühende Leben.

Schwitzen fällt flach. Man spart Deo, und auch die Kosten für Sonnencreme und After Sun Lotion sinken.

Im Regen zu joggen erspart zwar nicht die Dusche… aber es ist ja so was von erfrischend.

© G. Bessen

 

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Auf dem Teppich bleiben

Auf dem Teppich zu bleiben
ist manchmal  schwieriger
als auf einem
fliegenden Teppich abzuheben.

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Duftnoten

An heißen Tagen empfindet man Gerüche oft sehr intensiv und das Miteinander kann beschwerlich sein …

Was für ein Duft! Nicht jeder fand ihn angenehm und einige begannen, die Nase zu rümpfen. Andere wiederum konnten nicht hinreichend genug davon bekommen und benahmen sich wie ein Süchtiger an einer Schnüffeltüte.

„So etwas hat es hier noch nie gegeben“, schimpfte die Erdbeermarmelade, „mir wird schon ganz pelzig auf der Zunge“.

„Nun hab’ dich dicht so mimosenhaft“, entgegnete die Leberwurst. „Daran wirst du nicht versauern.“

Die Eier beugten sich in ihrer Schale kurz hervor, rümpften die Nase und verschwanden wieder in ihrem obersten Fach.

„So eine Sauerei, da wird einem ja ganz übel“, regten sich die Tomaten auf, „das halten wir nicht lange aus! Eine Zumutung!“

Das Vollkornbrot schielte neugierig zu dem neuen Mitbewohner. Es  konnte sich einen engeren Kontakt mit diesem  wohlriechenden Gesellen gut vorstellen.

„Was hältst du von dem?“, fragte er seine Nachbarin, die Butter.

„Nicht übel“, antwortete sie mit einem leuchtenden Blick in den Augen. „Den würden wir nicht von der Kante stoßen, oder?“

„Auf keinen Fall“, antwortete das Vollkornbrot. „ich versuche schon die ganze Zeit, mit ihm in Blickkontakt zu kommen, aber die Meckerei hier hat ihn wohl etwas eingeschüchtert“.

„Habt Ihr keine anderen Sorgen?“, raunte eine Bierflasche gelangweilt vom obersten  Regal.

Dieser Spruch trieb den Tomaten die Zornesröte mitten ins fleischige Gesicht.

„Du hast gut reden. Deine Haltbarkeit in deiner verschlossenen Flasche steht ja nicht auf dem Spiel. Wir sind schließlich dünnhäutig und ich merke schön jetzt, wie mir überall die Pelle juckt. Wenn ich krank werde, ist mein Ende schneller da, als mir lieb ist.“

„Selber schuld“, höhnte die Bierflasche. „Eure zu Saft gewordenen Schwestern haben es da wohl besser“.

„Das ist aber nicht fair“, entgegnete die Milchtüte mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Bierflasche. „man hat schließlich wenig Einfluss darauf, wie lange einem das Leben vergönnt ist.“

„Echauffiere dich nicht so, liebe Milch, sonst wirst du vor lauter Aufregung noch ganz sauer.“ Der Bierflasche schien es Spaß zu machen, die Stimmung bewusst anzuheizen.

Dem neuen Mitbewohner war gar nicht wohl in seiner Haut. Dort, wo er her kam, waren alle nett zueinander gewesen. Er verstand den Aufruhr nicht. Ganz still lag er in der Ecke und rührte sich nicht vom Fleck. Vorsichtig schielte er zu seinem linken Nachbarn, dem  Kohlrabi. Er schien nichts gegen ihn zu haben, beäugte ihn aber neugierig.

„He, Kumpel, mach dir nichts draus, die werden sich schon an dich gewöhnen“, flüsterte er ihm zu.

„Meinst du? Ich komme mir vor wie ein Störenfried, so wie hier einige reagieren.“

„Papperlapapp! Hör einfach nicht hin.“

Mittlerweile war eine rege Diskussion zwischen den Tomaten und der Butter, der Milch und der Bierflasche und dem Vollkornbrot und der Leberwurst entstanden. Alle diskutierten wild und lautstark miteinander.

Plötzlich war es ganz dunkel geworden und das Stimmengewirr ging in ängstliches Schweigen über.

Die dunkle, tiefe Stimme der Energie meldete sich zu Wort.

„ Ich warne Euch. Wenn Ihr nicht sofort friedlich miteinander umgeht, bleibt die Kühlung aus. Ihr seid meine Gäste und als Gast sollte man sich zu benehmen wissen. Geht dieser Unfrieden weiter, sorge ich dafür, dass Euer letztes Stündchen geschlagen hat. Dann landen die meisten von Euch in der Mülltonne und sterben einen grausamen Tod. Ich hoffe, das war klar genug.“

Niemand erwiderte etwas.  Nur der kleine Käse legte sich behaglich in seine Schachtel und  begann sich wohl zu fühlen.

© G. Bessen

Foto: https://escara-fotoprojekte.blogspot.com/

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Die Haut der Erde

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Mit einem kühlen Kopf durch heiße Tage kommen …

Erstellt am von Anna-Lena | 9 Kommentare