Impressionen aus Prag (4)

Bettler gehören zum Straßenbild einer jeden Stadt, in der sich auch gern Touristen aufhalten. Wie vor drei Jahren sind mir auch in diesem Jahr die vielen Bettler, besonders auf der Karlsbrücke, aufgefallen. Meist hatten sie – wie auch sehr oft in Berlin – einen Hund an ihrer Seite. Wer von diesen Menschen lebt wirklich in Armut, dass das Betteln der einzige Ausweg ist? Und was ist dran an den Gerüchten einer organisierten Bettelmaffia?

Wie gehen wir damit um? Warum gehen wir oft auf Distanz und lassen diese Bilder nicht zu nah an uns herankommen? Wie gehen wir generell mit der Armut anderer Menschen um?

 

Scham

Schau bitte nicht
in mein Gesicht!

Schau bitte nicht
auf mich herab,
nur weil ich einfach
nicht mehr hab’,
als was ich
auf dem Leibe trage,
voll Scham und ohne,
dass ich klage.

Trotz Schicksal,
Armut oder Pech,
bin ich ein Mensch,
keineswegs schlecht.

Lass dich herab
und mach dich klein,
dann werden wir
auf Augenhöhe sein.

©Text und Foto: G. Bessen
Foto: Bettler in Prag 2016

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Impressionen aus Prag (3)

Die Astronomische Uhr am Südportal des Altstädter Rathauses ist ein Touristenmagnet. Sie wurde Ende des 15. Jahrhunderts fertig gestellt und im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte um bewegliche Figuren ergänzt.

Drei verschiedene Zeiger, der Sonnen- und der Mondzeiger sowie die Ekliptik für die Tierkreiszeichen erklären den Verlauf von Sonne und Mond im Jahresverlauf und den Stand der Sonne im jeweiligen Tierkreiszeichen.

 

 

Zur vollen Stunde zieht es die Menschenmengen vor die Uhr. Die Vergänglichkeit des Lebens wird nun als  kleine Vorstellung dargestellt:

Der Sensenmann als Allegorie des Todes läutet die Sterbeglocke und hebt die Sanduhr hoch. Rechts neben ihm stellt der Türke die Wollust dar. Auf der gegenüberliegenden Seite lässt die Habsucht den Geldbeutel rasseln und links neben ihr schaut die Eitelkeit in den Spiegel. Zwischen dem Hahn und dem gotischen Engel öffnen sich die zwei Fenster rechts und links und zeigen zum Glockengeläut die 12 Apostel als Prozession.

Der Hahn beendet die Vorstellung nach 45 Sekunden.

©Text und Fotos: G. Bessen, Mai 2019

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Impressionen aus Prag (2)

Westlich der Prager Burg wurde im 17. Jahrhundert die Wallfahrtsstätte Loreto erreichtet, gestiftet von Begina Katharina von Lobkowitz, zur Rekatholisierung Böhmens. Der Mittelpunkt der Anlage ist das fensterlose Heilige Haus (Casa Santa), eine Nachbildung der Casa Santa im italienischen Ort Loreto, geschmückt mit Reliefs vieler Propheten und Frauen der Antike.

Die Kirche Christi-Geburt im Ostflügel ist das Werk  des Prager Barock und wird von Engeln, Putten, Aposteln und Propheten geschmückt.

Um die Casa Santa verläuft ein Prozessionsgang mit unzähligen Altären. Stutzig wird man vor einem Altar und denkt (so erging es mir jedenfalls), Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth mit bürgerlichem Namen  habe hier seine Finger im Spiel gehabt. Aber in diesem heiligen Hallen müssen andere Kräfte am Werk gewesen sein.

So berichtete mein Reiseführer mir, dass die vollbärtige Frau am Kreuz die Hl. Wilgefortis sei.

Als sizilianische oder portugiesische Tochter aus dem 2. Jh. sollte sie den heidnischen König Amasius von Portugal heiraten, was sie als Christin strikt ablehnte. Stattdessen betete sie um Zeichen der Männlichkeit, sodass ihr ein voller Bart wuchs. Ihr Vater ließ sie daraufhin vor Wut ans Kreuz nageln, an dem sie noch drei Tage betete und  predigte und neben ihrem Vater etliche Menschen zum christlichen Glauben bekehrte.

Die Loreto Wallfahrtsstätte erreicht man mit der Tram 22. Von der Haltestelle aus sind es nur wenige Minuten Fußweg und im Gegensatz zu den sonstigen Sehenswürdigkeiten empfand ich es dort als sehr ruhig und beschaulich.

©Text und Fotos: G. Bessen, Mai 2019

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Impressionen aus Prag (1)

Prag, die Hauptstadt Tschechiens, hat etwa 1,25 Mio. Einwohner und pro Jahr etwa 8 Mio. Gäste. Somit ist es kaum verwunderlich, dass man rund um die Sehenswürdigkeiten dieser schönen Stadt von Touristen umgeben ist und manche erwähnenswerten Dinge sieht …

Johannes Nepomuk (1345 – 1393) war ein böhmischer Priester und Märtyrer. Papst Benedikt XIII. sprach ihn 1729 heilig und die Jesuiten erklärten ihn nach ihrem Gründer, Ignatius von Loyola, zum zweiten Ordenspatron.

Heute, am 16. Mai,  feiert die Kirche seinen Namenstag.

König Wenzel IV., König von Böhmen, verlangte von Nepomuk, das Beichtgeheimnis zu brechen und wollte wissen, was seine Gattin gebeichtet hatte. Als Nepomuk das Beichtgeheimnis bewahrte, wurde er gefoltert und in die Moldau geworfen. Er überlebte, weil die Moldau angeblich austrocknete und die Leiche gefunden und geborgen werden konnte Seine Skulptur schmückt seit 1693 bis heute die Karlsbrücke in Prag und macht ihn zu einem bedeutenden Brückenheiligen. Als einziger Heiliger neben Maria wird er mit einem Sternenkranz dargestellt.

Es ist sehenswert, wie sich Menschen regelrecht in Schlangen anstellen, die Arme ausbreiten um die Statue zu berühren, die an den Stellen, an denen unzählige Hände tagtäglich anfassen, golden leuchtet. Angeblich soll das Berühren Glück bringen. Besonders lustig sah das bei vielen Asiaten aus, die dieses Glück bringende Ereignis selbstverständlich festhielten.

 

 

 

 

 

 

©Text und Fotos: G. Bessen, Mai 2019

 

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Pause

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Alltag – das Immerwiederkehrende (7)

Und schon ist es wieder Zeit für Ulli Gaus Projekt, an jedem ersten Wochenende im Monat etwas aus dem eigenen Alltag zu beschreiben.

Das satte Grün der Bäume und Sträucher erfreut alle Sinne und die Vielfalt in der Natur lässt das Herz überlaufen.

Doch was ist mit denen, die die Osterfreude gar nicht erfahren konnten, die krank sind, auf einen Operationstermin warten und sich Sorgen machen, wie das Leben danach wohl weitergehen wird?

Terror und Gewalt sind zunehmend durch die Medien in unsere Wohnzimmer eingezogen. Was war das am Ostersonntag für ein Gefühl, als die Anschläge in Sri Lanka Menschen beim Gottesdienst brutal aus dem Leben gerissen haben?Wie haben wir empfunden, als deutsche Touristen auf Madeira beim Busunglück starben?

Klimakatastrophen sind an der Tagesordnung und trotz der Bedenken vieler, Unterricht zu verpassen und nicht hinreichend für das Leben zu lernen, werden die Proteste der Kinder und Jugendlichen zwar immer ernster genommen, doch aus den Komfortzonen des heimatlichen Wohnzimmers treibt es doch kaum einen Erwachsenen. Nach wie vor werden Hundertschaften von Kindern früh per Auto zur Schule gefahren, damit es die Kleinen doch möglichst bequem haben und die Eltern beruhigt ihrer eigenen Arbeit nachgehen können.

Niemand von uns kann die Welt retten und niemand kann Terror und Gewalt verhindern. Doch das Leben ist zerbrechlich, nicht planbar und kann sich von jetzt auf gleich verändern.  Wir können den Menschen „neben uns“ im Auge behalten. Wir können ein Auge auf ihn werfen, wenn er sich verändert oder wir erfahren, dass sein Leben von Krankheit belastet ist, wenn Trennungen mit dem Verlust sozialer Kontakte einhergehen, wenn der Verlust des Arbeitsplatzes in die Mittellosigkeit mündet.

Menschen mit Suizidgedanken sind mitten unter uns und es steht ihnen nicht ins Gesicht geschrieben, dass sie nicht mehr leben wollen. Aber ein wenig Zeit und Empathie können möglicherweise Wundersames bewirken, es käme auf einen Versuch an.

Und somit – mitten im Alltag – mache ich mir einfach mal ein paar Gedanken zur

Woche für das Leben, die vom 4.-11. Mai stattfindet.


 Infos  und Bildquelle

 

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Die Ruhe weg …

Wenn der Tag den Abend küsst,
des Menschen Werk beendet ist,
kehrt Ruhe ein am Himmelszelt.
Der Sonnenball taucht langsam unter,
des Mondes Sichel leuchtet munter,
umgeben von der Sterne Glanz.
Schlaf wohl,entspannt,
ganz ohne Sorgen
und freue dich
auf einen neuen Morgen.

© Text und Foto: G.Bessen

 

Morgen, am 24. April, findet der 22. Tag gegen Lärm unter dem Motto:

 „Alles laut oder was?“ statt.

Wer kennt das nicht:

die Dauerbeschallung durch Autobahnen, Flughäfen oder Schienenverkehr

den Geräuschpegel, der in Discos und Kneipen herrscht, aber auch überall dort, wo sich Kinder und Jugendliche aufhalten wie in Schulen oder Kindergärten

die quietschenden Reifen an der Ampel

das Hupen eines Autokorsos

die Sirenen von Polizei-, Feuerwehr- und Krankenwagen  im Einsatz

das wütende Knallen von Türen

das Gebrumme von Laubsaugern

den Baulärm, besonders, wenn man mal ausschlafen kann

das Klirren am Altglascontainer

die laute Musik des Nachbarn

die Benachrichtigungstöne  im Smartphone

das Läuten der Kirchenglocken am Sonntagmorgen

…. die Liste lässt sich beliebig erweitern

Die Ursachen von Lärm sind vielfältig,  und daher brauchen wir immer wieder Momente der Ruhe, um an Leib und Seele gesund zu bleiben.

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Osterlicht

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Pilatus heute

Tag für Tag
nach dem Aufstehen
wasche ich meine Hände
in Unschuld.

Tag für Tag
steh ich ein bisschen eher auf,
reinige mich von ein bisschen
mehr Schuld.

Tag für Tag
mach ich mir
schmutzige Finger.
Hab sie überall drin.

Reib mir die Hände,
lach mir ins Fäustchen.
Überall mach ich
Profit und Gewinn.

Man gönnt sich ja sonst nichts!
Drum für mich nur das Beste.
Eine Hand wäscht die andere.
Seht die saubere Weste!

So ist halt die Welt.
Jeder denkt nur an sich.
Was schert mich mein Nächster.
Ich denke an mich.

© Gisela Baltes

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Heather Morris: Der Tätowierer von Auschwitz

Mein heutiger Lesetipp

Heather Morris: Der Tätowierer von Auschwitz

„Lale wurde unter dem Namen Ludwig Eisenberg am 28. Oktober 1916 in Krompachy (Krompach), Slowakei, geboren. Am 23. April 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert und erhielt dort die Häftlingsnummer 32407.“ (S. 291)

In dem  Glauben, in Auschwitz Arbeit zu bekommen und somit seiner Familie zu helfen, stellte sich Lale den Nazis und gelangte so in das KZ, in dem er drei Jahre lang lebte und mit List und viel Glück irgendwie überlebte. Erst 50 Jahre später, nach dem Tod seiner Frau Gita, entschloss sich Lale, seine Geschichte einer Bekannten zu erzählen, die aus seinen Erinnerungen, Erzählungen und ihren eigenen Recherchen diesen packenden Roman schrieb, eine Geschichte, geprägt von einem Kampf ums Überleben und einer großen Liebe.

Lale konnte  diesen Wahnsinn in Auschwitz nur überleben, indem er aus Menschen Nummern machte. Nachdem er eine Typhuserkrankung nur knapp überlebt hatte, wurde er zum Haupttätowierer des Lagers, nicht zuletzt, weil er mehrere Sprachen sprach und schnell lernte, wie man es anstellen musste, um nicht aufzufallen und damit zu überleben. Unzähligen Mitgefangenen stach er die fünfstelligen Zahlen in die Unterarme, das Symbol für die unvorstellbaren Gräueltaten der Nazis.

Dank seiner Position für den politischen Teil der SS zu arbeiten, genoss er die Vorteile von Zusatzrationen und einem Einzelzimmer. Doch die Angst blieb sein ständiger Begleiter, wenn er durch seine cleveren Nebeneinkünfte in Form von Geld und Schmuck von anderen Gefangenen, die sonst den Nazis in die Hände gefallen wären, Nahrung und Medikamente für Mitgefangene und auch für sich  besorgen konnte. Mehrfach entkam er den Drohungen Josef Mengeles, der ihn als Versuchskaninchen anvisierte.

Auch dem Mädchen Gita aus dem Frauenlager Birkenau, tätowierte Lale eine Nummer ein und verliebte sich sofort in sie. Seine charmante Art und  viele Extrarationen in Form von Essen öffneten ihm so manche Tür, so dass sich Lale und Gita so oft wie möglich an Sonntagen sehen konnten und sich gegenseitig Mut machten, dieses Lager für eine gemeinsame Zukunft zu überleben.

1945 mussten die Nazis Ausschwitz räumen. Gita und ihre Freundinnen wurden  mit unbekanntem Ziel abtransportiert  und Lale konnte auf Umwegen in seine Heimatstadt zurückkehren. Den Weg nach Hause bezahlte er mit Geld und Schmuck anderer. Beide verloren sich aus den Augen.

Lale fand sein Elternhaus und seine Schwester wieder, die mittlerweile mit einem Russen verheiratet war und Lale nahm später dessen Familiennamen an. Von seinen Eltern hat er nie wieder etwas erfahren.

Gita und er trafen sich in Pressburg wieder, heirateten 1945 und bekamen sehr viel später einen Sohn. Sie lebten von den Einnahmen eines Textilgeschäftes und unterstützten finanziell den jungen Staat Israel, bis diese Transaktionen aufflogen.

Von der Slowakei flüchteten sie über Wien nach Paris und ließen sich  endgültig in Melbourne nieder, um endlich zur Ruhe zu kommen. Bis zu Gitas Tod hatte Lale ihre gemeinsame Vergangenheit geheim gehalten.

Gita (geboren 1925) starb im Oktober 2003 und Lale im Oktober 2006.

Taschenbuch, 304 Seiten,
Erscheinungsdatum: 01.08.2018 im Piper-Verlag
ISBN: 978-3-492-06137-7
Preis: 16,00 €

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