Auf der Pirsch

Melli lag auf dem Bett und zappte mit der Fernbedienung von einem Programm zum anderen.
„Was machst du denn für ein Gesicht?“, fragte Sina, die gerade aus einer Vorlesung kam und ihre Tasche achtlos in die nächstbeste Ecke warf.
„Ich hatte einen harten Tag. Und außerdem ist Frau Sandner heute gestorben.“
„Oh“, entfuhr es Sina „damit war aber doch zu rechnen, oder?“
Frau Sandner lag seit einer Woche auf der Inneren Abteilung des städtischen Krankenhauses.  Melli hatte sie sehr gemocht und intensiver als ihre anderen Patientinnen betreut. Aber so war das Leben, der eine kam, der andere ging.

„Komm, zieh dich an und lass uns auf die Pirsch gehen“, versuchte Sina ihre Freundin aufzumuntern. Sie musste alle Register ihrer Überredungskünste ziehen, um Melli heute vom Ausgehen zu überzeugen.

Eine Stunde später saßen sie in ihrem Lieblingsrestaurant gegenüber vom Stadttheater  und widmeten sich ihrem Hobby – Leute beobachten. Das machten sie regelmäßig, mindestens einmal in der Woche, wenn möglich am Freitagabend. Dann lästerten sie, dass sich die Balken bogen. Das Restaurant in Theaternähe war ideal für Menschen aller Couleur. Und mit einer guten Portion Humor und situativem Feeling hatten Melli und Sina einen Heidenspaß an solche einem Abend.

Sina und Melli wohnten seit einem halben Jahr zusammen in einer geräumigen Altbauwohnung mitten in der Stadt. Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit am Gymnasium. Nach dem Abitur begann Melli ihre Ausbildung als Krankenschwester und Sina heiratete einen Rechtsanwalt. Eigentlich hatte sie Jura studieren wollen. Aber die Arbeit in der Kanzlei ihres Mannes war so zeitintensiv, dass sie ihr Studium nach dem dritten Semester aufgab und sich ganz ihrer Arbeit als ‚Mädchen für alles’, wie sie hinterher oft  verbittert sagte, widmete.

Melli setzte ihren Lebensabschnittsgefährten irgendwann vor die Tür. Ein halbes Jahr später erwischte Sina ihren Göttergatten in flagranti, packte ihre Koffer und zog zu Melli.
Der Gatte Rechtsanwalt zahlte großzügigen Unterhalt, so dass Sina ihr angefangenes Studium in aller Ruhe, ohne finanzielle Sorgen,  wiederaufnehmen konnte.
Wenn sie selbst erst Anwältin war, wollte sie es ihm und seiner Frau Richterin, die nun an Sinas Stelle in dem schmucken Einfamilienhaus wohnte, gründlich heimzahlen.

Sina und Melli  hatten sich mit ihrem Singleleben arrangiert und beschlossen, vorläufig käme ihnen kein Mann mehr unter die Bettdecke. Das eine oder andere Exemplar der männlichen Gattung wurde von ihnen kritisch unter die Lupe genommen, um dann meist doch wieder als indiskutabel ad acta gelegt zu werden.

Das Restaurant am Theater war etwa eine Stunde vor Spielbeginn gut besucht. Sina und Melli hatten ihren festen Tisch, den sie immer einen Abend vorher telefonisch reservierten. Von hier aus hatten sie einen optimalen Überblick über alle Tische des Restaurants.

Schon bei der Vorsuppe zum Tagesmenü sprudelte es aus Sina heraus.
„Hast du das Pärchen an Tisch zwei gesehen? Er ist nicht von schlechten Eltern, aber die Herzensdame an  seiner Seite ist doch mindestens im fortgeschrittenen Botoxalter.“
„Wo die Liebe hinfällt.  Warum ist es immer noch nicht normal, dass sich Frauen einen wesentlich Jüngeren nehmen? Das reduziert doch wenigstens den Witwenüberschuss“, entgegnete Melli sachlich.

Ihre Geschmäcker in puncto Mann waren sehr verschieden. Und das war auch gut so. Nicht auszudenken, wenn sie sich um einen Mann streiten müssten!

„Schau mal, der an Tisch sieben. Der sieht doch ganz schnuckelig aus“; meinte Melli und schaute versonnen zum besagten Tisch hinüber, „und der ist sogar alleine.“
„Melli, leidest du nun ganz unter Geschmacksverirrung? Das ist doch ein Weichei. Den könntest du mir um den Bauch binden und ich würde so lange rennen, bis er abfällt.“
„Du ja, ich nicht. Ich würde ihn nicht von der Bettkante stoßen.“ Mit einem schmachtenden Blick, der nicht eindeutig signalisierte, wem er galt – dem Hauptgericht oder dem Mann –  wandte sich Melli ihrer Maischolle zu.

Der heutige Abend war nicht sehr ergiebig. Melli und Sina konnten sich in Ruhe ihrer Maischolle widmen. Am Nachbartisch wurde bezahlt. Kaum war das ältere Ehepaar gegangen, kam ein neues an den Tisch.
Er war höchstens dreißig, ein völliger Durchschnittsmann, an dem man auf der Straße wahrscheinlich vorbei gelaufen wäre. Sie war schlecht zu schätzen, keine Falten in dem pausbäckigen rosigen Gesicht, aber mit einer ungeheuren Leibesfülle gesegnet. Der Stuhl unter ihr ächzte leicht, als sie Platz nahm. Essen wollten sie nichts, nur ein frisches Königs Pilsener vom Faß für ihn und eine Weißweinschorle für sie.

Melli bekam bei Frauen mit enormer Leibesfülle einen regelrechten Guckzwang, da ihr als Krankenschwester sofort mögliche Risikofaktoren für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall durch den Kopf schossen.
Als hätte Sina ihre Gedanken erraten, blickte sie Melli an.
„Schlimm, wenn man so dick ist, nicht wahr?“
Melli hatte mittlerweile jedoch die Augen auf den Teil des Tisches gerichtet, der unterhalb der Tischdecke lag  und gab Sina mit einem kaum merklichen Kopfnicken ein Zeichen. Während er oben am Tisch schweigsam sein Bier trank und mit seinen Gedanken mindestens am anderen Ende der Welt weilte, versuchte sie unter dem Tisch mit einem Fuß in sein Hosenbein zu krauchen. Er jedoch reagierte wie ein Eisblock, als gehören seine  Körperteile oberhalb und unterhalb des Tisches nicht zusammen.
„Oben hui, unten pfui“, flüsterte Sina. „Schau dir mal diese Schule an. So etwas hat mein Großvater schon getragen. Und dazu diese grauen Frotteesocken, die sicher mal weiß waren.“
„Ob bei denen im Bett noch was läuft? Oder müssen sie sich erst den jeweils anderen schön trinken?“, sinnierte Melli, die sich weder an den Schuhen, noch an den Socken, aber gedanklich an der Schweigsamkeit und der Langeweile im Gesicht des Paares festhielt.
„Nee, da bleibe ich doch lieber alleine, als an meiner eigenen Sprachlosigkeit zu ersticken.“

Das Lokal leerte sich nach und nach, ein unumstößliches Zeichen, dass die Theatervorstellung bald begann.
Sina seufzte: „Das war ja heute nicht der Brüller. Komm, lass und zahlen und noch woanders einkehren, wo ein wenig Leben in der Bude ist. Am liebsten würde ich jetzt in eine Disco gehen.“  Melli stimmte ihr nickend zu.

Der Oberkellner wünschte den beiden Damen noch einen ereignisreicheren Abend und versprach ihnen, den Tisch für den kommenden Freitag freizuhalten.

aus:  „Kirschmundgeflüster“

Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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14 Antworten zu Auf der Pirsch

  1. Karl schreibt:

    Es gibt Situationen im Leben da bin ich froh nicht zu wissen oder zu hören was Frauen denken 😉
    Liebe Grüße,
    Karl

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  2. rosadora schreibt:

    solchen frauen gehe ich auch aus dem weg, lieber karl. das ist nicht nur männersache.
    hoffentlich ist es kein hobby, womit sie ihre lebenszeit vertrödeln…

    eine schöne woche
    rosadora

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  3. Quer schreibt:

    Da kann man sich ja nur wünschen, nicht ins Blickfeld dieser beiden zu geraten.
    Wenn die keine anderen Themen haben, du mein Trost!

    Aber solche „Hühner“ gibt es wohl wirklich. 😉

    Hab eine aufgestellte Woche, Anna-Lena!

    Gruss,
    Brigitte

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  4. Brigitte schreibt:

    Wenn ich hier am Ort über das größte Freiluftcafe Schwaben’s laufe (der Marktplatz), dann denke ich immer an diese Geschichte, die ich ja bereits gelesen hatte. Ein Gang über den Marktplatz ist so ähnlich, wie hier geschildert. Es gibt tatsächlich viele Leute, die haben nichts anderes zu tun. Wie arm!

    LG, Brigitte

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  5. Anna-Lena schreibt:

    Liebe Rosadora, Quer und Brigitte,

    ich beobachte immer wieder amüsiert solche Menschen, die nichts Besseres zu tun haben. Schade um die Zeit.

    Liebe Grüße zu euch,
    Anna-Lena

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  6. Martha schreibt:

    ja wirklich: schade um die Zeit, bisous, Martha

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  7. Chinomso schreibt:

    Wie ich das vermisse. So mit einer Freundin losgehen und über andere Leute ablästern. Das macht Spaß. Und dieser Spaß ist mir seit Jahren nicht vergönnt.

    Mit Männern kann man sowas einfach nicht machen.

    Schöne Geschichte. Und wie immer voll aus dem Leben gegriffen.

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  8. rundumkiel schreibt:

    Gibt es zu Melli und Sina auch eine Fortsetzung? Was geschieht denn am nächsten Freitag…?

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    • Anna-Lena schreibt:

      Am nächsten Freitag, lieber rundumkiel, ist Karfreitag, da lohnt es sich bestimmt nicht :-).
      Eine Fortsetzung ist nicht geplant. Die Geschichte ist ja im Buch schon veröffentlicht.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  9. bruni kantz schreibt:

    Neugierig sein, beobachten und tratschen!
    Ach, was kann es noch Schöneres geben?????????

    Die Geschichte hat mir im Buch schon gut gefallen …

    Lieber Gruß zu Dir

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  10. Anna-Lena schreibt:

    Danke, liebe Bruni.
    Liebe Grüße auch an dich in einen verregneten ersten Ferientag.

    Anna-Lena

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