Chatgeplauder

Sicherlich erinnert Ihr Euch an Martin, den Finanzbeamten, der sich beim Chatten in eine prekäre Lage hinein manövriert hatte. Einige von Euch wollten eine Fortsetzung.

Nun hat Martin  seinen Weg  gefunden. Lest selbst. Die Geschichte ist nun komplett hier gepostet. Die Fortsetzung beginnt nach der markierten Linie.

Er konnte sich kaum auf die Olympiade im Fernsehen konzentrieren. Immer wieder glitt sein Blick zum Laptop. Wo steckte sie bloß? Es war nach zweiundzwanzig Uhr und sie hatte sich heute noch nicht gemeldet.

‚Du bist ein ausgemachter Idiot!’ schalt er sich innerlich. Seit drei Wochen chattete er Abend für Abend mit einer ihm völlig unbekannten Frau, die er andererseits seit Ewigkeiten zu kennen schien. Alles an ihr schien ihm vertraut, als seien sie sich schon vor Urzeiten begegnet. Manchmal ertappte er sich bei der Überlegung, ob er sich in sie verliebt habe.

Er war wie immer nach der Arbeit eilig nach Hause gefahren, hatte geduscht, schnell etwas gegessen und wartete geduldig, dass sie sich einloggte. Nur heute  passierte nichts. Sie war nicht da und hatte auch nichts gesagt, dass sie heute nicht käme. Seine Geduld war bereits in eine nervenaufreibende Ungeduld umgeschlagen.

Etwas nagte an ihm. Er ertappte sich, dass seine Gedanken Purzelbäume schlugen. Er sah sie nackt und mit perlendem Schweiß auf der Haut in den Armen eines anderen Mannes liegen.

Sie stöhnte laut vor Leidenschaft und sank nach einem multiplen Orgasmus in die muskulösen Arme des Anderen, erschöpft, aber glücklich.

Das war ihm zuviel. Der Schweiß brach ihm aus. Er war bereits am Kühlschrank und  ließ das eiskalte, perlende Mineralwasser seine ausgetrocknete Kehle herunter rinnen, als ein Geräusch im Laptop ihn zusammenfahren ließ.

Butterfly: hallo, windsurfer. bist du noch wach?

Windsurfer: klar, ich habe dich schon vermisst

Butterfly: wieso vermisst? ich war zu einer geburtstaggsparty. hatte ich das nicht erzählt?

Windsurfer. klar doch. und – war es nett?

Butterfly : es war super, lauter nette leute, geile musik, ich habe getanzt, wie seit jahren nicht mehr . es war einfach genial.

Windsurfer: und sonst?

Butterfly: wie und sonst? da war jemand, dem wäre ich überall hin gefolgt. aber der hat nicht mich, sondern eine langhaarige blonde mit beinen wie ein gurkenfass  und einem hintern wie ein brauereipferd  abgeschleppt. wo der bloss seine Augen hatte!

Windsurfer: na gut, dass er dich nicht abgeschleppt hat.

Butterfly: wieso?

Windsurfer: ähm, du musst doch morgen früh raus, oder?

Butterfly: na und? den hätte ich nicht von der bettkante gestoßen und mit den nötigen glückshormonen übersteht man auch einen arbeitstag mal ganz ohne schlaf.

Windsurfer. klar, ich kenne das.

Butterfly: wie war dein tag?

Windsurfer: ziemlich stressig. ich habe mich nach der arbeit mit meiner ex getroffen. sie nervt mich.

Butterfly: wieso?

Windsurfer: sie will mich zurück und bereut nun, dass sie sich von mir getrennt hat.

Butterfly: manchmal rostet alte liebe nicht und nach einer trennung auf zeit sehen die dinge oft ganz anders aus.

Windsurfer: ich wärme doch keinen kalten kaffee auf. nein, das ist vorbei und das will sie nicht wahrhaben.

Butterfly: hast du es dir überlegt?

Windsurfer: was überlegt?

Butterfly: ob wir uns mal treffen sollten?

Pause

Ihm brach der Schweiß aus. Wie gerne hätte er JA gesagt, sich angezogen, wäre mit dem Auto zu ihr gefahren und hätte sie in die Arme geschlossen. Aber das ging nicht. Dazu hatte er zuviel von sich preisgegeben, was er in Wirklichkeit alles nicht war.

Butterfly: bist du noch da?

Windsurfer. klar.

Butterfly. und?

Windsurfer. hälst du das für eine gute idee?

Butterfly: kannst du nicht verstehen, dass ich den menschen, mit dem ich virtuell halbe nächte verbringe, vor dem ich mein halbes leben bereits offengelegt habe, vor dem ich mich gedanklich regelmäßig ausziehe, auch mal live und in farbe sehen möchte?

Windsurfer: das geht mir ähnlich. aber…

Butterfly: was aber? ich glaube, du kneifst. wahrscheinlich bist du gar kein single. deine frau ist arbeiten, hat nachtschicht, deine kinder schlafen tief uns fest und du machst dir mit mir ein paar nette stunden.

Windsurfer: das ist doch quatsch. natürlich bin ich single.

Butterfly: warum kneifst du dann?

Windsurfer: ich habe angst, dass der zauber unserer begegnung im netz dann verfliegt.

ich bin schüchtern.

Buttterfly: das ist jetzt aber nicht dein ernst? du tust immer so, als seist du hans-dampf in allen gassen und  könntest an jedem finger eine haben.

Pause

Butterfly: scheiße, ich finde meinen korkenzieher nicht.

Windsurfer: ich könnte dir meinen borgen.

Butterfly: los komm her, ich habe eine flasche edlen rotweines, den könnten wir gemeinsam trinken.

Windsurfer: ich muss morgen früh raus und muss einen klaren kopf haben.

Butterfly: bleib mal bitte dran. mein nachbar hat noch licht. ich gehe mal schnell fragen, ob er mir die flasche aufmachen kann.

Er nutzt die unerwartete Pause, um sich ein neues Bier aus dem Kühlschrank zu holen.

An seiner Wohnungstür klingelt es. Er zieht den Gürtel seines Bademantels enger um seinen Körper, fährt sich mit der Hand durch das schüttere graue Haar und öffnet die Tür.

„Guten Abend, Herr Bechmann. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Hätten sie  mal einen Korkenzieher  für mich? Ich kann meinen nicht finden.“

„Klar, Moment bitte“, er lehnte die Eingangstür an, schlurfte in die Küche und holte einen Korkenzieher.

„Geben Sie  her, ich mache Ihnen die Flasche auf.“ Während er sich auf dem Flur bemühte, die Weinflasche seiner Nachbarin zu öffnen, durchzuckte  es ihn wie ein Blitz. Er blickte in das ebenmäßige und fein geschnittene Gesicht seiner Nachbarin mit den aufmerksamen graugrünen Augen.  Sein Blick glitt an ihrer makellosen Figur hinab, blieb erst an ihren vollen Brüsten, dann an ihrem kurzen Rocksaum hängen, unter dem sich die langen, wohlgeformten Beine nicht verstecken mussten.

Irritiert gab er ihr die geöffnete Flasche zurück.

„Danke“, antwortete sie freundlich. „Und bitte entschuldigen Sie die Störung. Gute Nacht.“

Ehe er einen klaren Gedanken fassen konnte, war sie mit der Weinflasche in ihrer Wohnung verschwunden.

Er schloss die Tür, setzte sich wieder an den Computer und starrte auf den Bildschirm.

Butterfly: prosit! wenn du nicht kommst, trinke ich meinen wein eben alleine.

Windsurfer: und ? konnte dir dein nachbar helfen?

Butterfly: weißt du, wenn ich nicht schon angeschwippst wäre, hätte ich nie bei dem geklingelt. das ist ein ganz komischer kauz. kluckt jeden abend  zu hause, bekommt im treppenhaus kaum den mund auf, ja, ein kauz eben. man kann ihn nicht einschätzen, außer, dass er altersmäßig mein vater sein könnte. ich habe noch nie besuch bei ihm gesehen. er wohnt ganz alleine. scheinbar arbeitet er den ganzen tag, wahrscheinlich als beamter und abends vor dem fernseher kippt er vor langeweile seine biere rein.

Das hat gesessen.

Windsurfer: vielleicht ist er gerne alleine, hat einen stressigen beruf und will abends seine ruhe haben.

Butterfly: ist ja auch egal. du lenkst schon wieder vom thema ab.

Windsurfer: welches thema?

Butterfly: ich würde dich gern kennenlernen, aber scheinbar willst du nicht und ich verstehe es nicht. zwischen uns stimmt doch die chemie, oder…vielleicht mache ich mir auch was vor.

Windsurfer: ich mache dir nichts vor. ich würde dich auch gern kennenlernen.

Butterfly: okay, ich will dich nicht drängen. lass uns für heute schluss machen. überleg es dir und gib mir bitte morgen eine klare antwort, entweder ja oder nein, okay?

Windsurfer: ich denke darüber nach. bis morgen und schlaf schön.

Butterfly: danke, du auch.

Da saß er nun, Martin, Finanzbeamter, 59 statt 32 Jahre alt, untersetzt mit leichtem Bierbauchansatz statt schlank mit Waschbrettbauch, schütterem grauem Haar, statt voller dunkler Löwenmähne, kein Hans-Dampf in allen Gassen, sondern ein einsamer Mann, dessen Lebensinhalt darin bestand, seiner Arbeit nachzugehen, bis er in einem Jahr in Pension gehen konnte und der seine Abende virtuell mit einer fremden Frau verbrachte, die ihm die einsamen Abende versüßte.

Er hatte keine Ahnung, wie er aus dieser Nummer rauskommen sollte.

***************************************************************************

Martin konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Unruhig wälzte er sich von einer Seite auf die andere, stand zwischendurch auf, machte den Computer an und wieder aus, begann einen Brief nach dem anderen an seine verehrte Butterfly und löschte alles wieder.

Er hatte sich in eine ziemlich prekäre Situation gebracht. Welcher Teufel hatte ihn bloß geritten, so an der Wahrheit vorbeizuschießen?

Die virtuelle Welt war ein anonymer Raum, doch nun war er bedrohlich real geworden.

Seine Unwahrheiten hatten ihm die Tür zu Butterfly womöglich  zugeschlagen und das hatte er sich selbst eingebrockt. Er musste ihr die Wahrheit sagen, und er wusste, dass sie sich enttäuscht von ihm abwenden würde. Und sie hatte verdammt Recht. Welche Bekanntschaft  konnte auf einer Lüge aufgebaut werden?

Er nahm sich schweren Herzens vor, ihr am nächsten Abend die Wahrheit zu sagen und sich von ihr zu verabschieden.

Bisher hatte er bei ihr das Gefühl einer Art Seelenverwandtschaft gehabt. Sie hatten viele gemeinsame Vorlieben, lasen dieselben Bücher, liebten dieselbe Musik und hatten beide die Erfahrung gemacht, sich immer die falschen Partner  ausgesucht zu haben.

Martin dachte an seine Ehe, die nach neun Monaten geschieden worden war. Butterfly  flatterte von einer Blüte zu anderen, immer in der Hoffnung angekommen zu sein. Doch sobald die Blüte ihren ersten Reiz verloren hatte, wurde sie auf den Komposthaufen geworfen.

Und das soll alles gewesen sein?

Am nächsten Abend wartete er mit gemischten Gefühlen darauf, dass sie sich einloggte.

Windsurfer: hallo butterfly, geht es dir gut?

Butterfly: geht so.

Windsurfer: was ist los?

Butterfly: ich denke gerade über mein verkacktes liebesleben nach. ich glaube, ich bin nicht beziehungsfähig.

Windsurfer: du hast einfach noch nicht den richtigen gefunden, den, bei dem du deinen platz hast.

Butterfly: mag sein. du willst ja auch nichts von mir wissen.

Windsurfer: das stimmt nicht. ich würde dich auch gern kennenlernen, wirklich. aber da gibt es ein problem.

Butterfly: glaubst du, ich will mich mit dir treffen, um sofort mit dir in die kiste zu steigen? hälst du mich für so eine? ich möchte dich nur treffen, mit die reden, von angesicht zu angesicht. mehr nicht.

Windsurfer: und wenn der tolle hecht dich gestern abgeschleppt hätte, was wäre dann passiert?

Butterfly: ich war ein wenig beschwippst. außerdem – was interessiert mich mein geschwätz von gestern?? also, was gibt es für ein problem?

Windsurfer: (er schluckte und holte tief Luft)

ich bin in den nächsten drei wochen nicht da.

Butterfly: bist du krank? musst du etwa ins krankenhaus? ich komme dich besuchen, wenn du willst.

Martin stellte sich vor, wie er in seinem grau-braun gestreiften Pyjama mit dem akkurat gebügelten Kragen in einem weißen Krankenhausbett lag und  Butterfly ins Zimmer geschwebt käme.

Windsurfer: nein, ich bin nicht krank. ich muss für die nächsten drei wochen in eine  abteilung nach berlin, um einen kranken kollegen zu vertreten.

Martin biss sich auf die Zunge. Warum konnte er ihr  jetzt nicht die Wahrheit sagen? Er verschob das Problem doch nur um drei Wochen nach hinten.  Im Stillen hoffte er, er könnte sie mit drei Wochen Chat-Abstinenz aus seinem Gehirn verbannen und sie hätte ihn bis dahin längst vergessen. Diese Notlösung war ihm gerade in dem Moment in den Sinn gekommen, als er ihr eigentlich die Wahrheit sagen wollte. Das war nicht das erste Mal in seinem Leben, dass er aus Feigheit zu einer Notlösung griff und wie der Vogel Strauss seinen Kopf in den Sand steckte und sich tot stellte.

Butterfly antwortete nicht.

Windsurfer: bist du noch da?

Butterfly: ja – wann fährst du?

Windsurfer: schon morgen früh. ich muss noch packen. morgen um sieben geht mein flieger.

Butterfly: okay, das wird uns ja nicht davon abhalten, uns abends zu lesen, oder?

Windsurfer: ich wohne in einer kleinen pension. ich weiß nicht, ob die einen internet-anschluss haben.

Butterfly: ich versuch morgen abend mal, ob ich dich antreffe. dann pack mal schön und komm gut an. n8 und biba

Windsurfer: biba

In den folgenden Tagen kam er erst spät nach Hause Mit dem beginnenden Frühling hatte er plötzlich das Bedürfnis, etwas für sich zu tun. Als erstes mistete er seinen Kleiderschrank aus und ersetzte die grauen abgetragenen Beamtenanzüge durch helle bequeme Hosen, die weißen Oberhemden mit den steifen Kragen durch farbenprächtige Polohemden und seine schwarzen und braunen Treter, die Jahre auf der Sohle hatten, durch leichtes modernes Schuhwerk.

Zu seinem neuen Outfit musste ein neuer Haarschnitt  her und der Friseur leistete gründliche Arbeit. Nachdem der Oberlippenbart abrasiert war, sah Martin um einiges jünger aus.

Er fand Gefallen daran, abends auszugehen, in edlen Restaurants zu speisen und danach einen Absacker in einem Musikpub zu nehmen.

Wie lange war er nicht unter Leuten gewesen.

Trotzdem schaute er als erstes, wenn er nach Hause kam, in seinen Laptop. In den ersten Tagen hatte er regelmäßig Post von Butterfly, meist aber nur ein paar unbedeutende Zeilen.

Er hatte beschlossen, in seinem fiktiven Hotel keinen Internetanschluss zu haben und deshalb meldete er sich nicht. Das bedeutet  aber nicht, dass er sie vergessen hatte. Im Gegenteil. Je länger sein selbst auferlegtes Schweigen dauerte, desto mehr vermisste er sie.

Es war in der zweiten Woche seiner vorgeschobenen ‚Dienstreise’, als er einen originellen Korkenzieher fand und kaufte. Heute Abend wollte er all seinen Mut zusammen nehmen, bei seiner Nachbarin klingeln, ihr den neuen Korkenzieher schenken und sich bei einem Glas Wein zur Wahrheit bekennen.

Frisch geduscht, salopp gekleidet und mit einem Herzschlag, der das Haus aus den Fundamenten hätte reißen können, klingelte er bei seiner Nachbarin.

Die Tür wurde geöffnet und für einen Moment erstarrte er. Vor ihm stand eine mittelgroße Frau von etwa vierzig Jahren mit halblangen dunklen Locken, freundlich blickenden, graugrünen Augen und wunderbar geschwungenen Lippen. Und sie trug ein zitronengelbes T-Shirt, auf dem sich in orangefarbenen Buchstaben das Wort „Butterfly“ quer über ihre üppigen Brüste zog.

„Guten Abend, Herr Bechmann“, begrüßte die Frau ihn freundlich.  „Kann ich Ihnen behilflich sein?“

Martin konnte sich nicht erinnern, dieser Frau je bewusst begegnet zu sein. Wie auch, da er meist grußlos und mit gesenktem Kopf an jedem Mitbewohner vorbei geschlichen war.

„Was ist denn mit Ihnen geschehen?“ fragte er statt einer Antwort auf ihre Begrüßung und starrte erst auf ihren rechten Gipsarm, dann auf ihr linkes Gipsbein.

„Ein Autounfall“, sagte seine Nachbarin, kurz und bündig und schaute ihn erwartungsvoll an.

„Ja, ich…, das tut mir Leid“, mühsam rang er um Fassung. „Ja, ich habe heute einen Korkenzieher gefunden und wollte ihnen den schenken, da ihre, Sie… ihn letztens nicht finden konnte“.

„Das war meine Tochter, die hatte sich letztens einen von Ihnen geliehen.“

„Ihre Tochter?“, fragte Martin ungläubig.

„Meine Tochter hat einige Zeit bei mir gewohnt, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen war. Ich konnte ja nichts alleine machen. Nun ist sie aber wieder bei ihrem Mann und ihrem Kind.“

Tochter – Mutter – Mann und Kind, Martin verstand gar nichts mehr.

„Wollen Sie nicht einen Moment reinkommen?“  Er stand so unschlüssig vor der Wohnungstür seiner Nachbarin, dass sie Mitleid mit ihm hatte.

Martin folgte ihr automatisch ins Wohnzimmer. Sein erster Blick fiel auf eine ihm sehr bekannte Seite, die auf dem Bildschirm des Laptop angezeigt war.

„Sie chatten?“, fragte er rundherum heraus.

„Setzen Sie sich doch“, entgegnete Madame Butterfly stattdessen. „Trinken Sie einen Tee mit mir? Ich habe ihn gerade frisch aufgebrüht.“

„Ja, gerne“, antwortete Martin, mehr automatisch, denn seine Gedanken überschlugen sich fieberhaft. Was ging hier ab?  Ein doppelter Wodka wäre ihm in dem Moment lieber gewesen, doch artig trank er den heißen, offenbar sehr gesunden Tee, ohne eine Miene zu verziehen.

Madame Butterfly fuhr den Laptop herunter.

„Ich habe mal vor Wochen gechattet und habe einen sehr netten Mann kennengelernt, aber das ist längst vorbei“, antwortete sie leise.

„Wieso, waren Sie nicht ehrlich?“, platzte es aus Martin heraus. Er musste herausbekommen, wer nun die richtige Butterfly war, seine Nachbarin oder ihre Tochter.

Madame Butterfly schaute ihn groß an.

„Natürlich war ich ehrlich, wieso sollte ich lügen?“ entgegnete sie mit einem Hauch der Entrüstung.

„Ich habe mal gelesen, dass viele Chatter nicht das sind, was sie vorgeben, daher frage ich.“ Er merkte, dass er sich auf ganz dünnem Eis bewegte und  fühlte sich in seiner Haut nicht wohl.

„Gut“, antwortete sie etwas zögerlich, „mit meinem Alter habe ich ein wenig geschummelt.

Aber das ist auch egal Es ist vorbei.“

„Darf ich fragen warum?“

„Als ich verletzt im Krankenhaus lag, hat meine Tochter meinen abendlichen Chat weitergeführt und nun passt nichts mehr. Das war nicht mehr ich. Sie war neugierig, wer das Interesse ihrer Mutter so geweckt hat und hat sich einen Spaß daraus gemacht, den Guten aus der Reserve zu locken. Sie wollte sich sogar mit ihm treffen, aber er ist nun verreist und meldet sich nicht mehr.“

Martin schluckte. Sein Mund schien wie ausgedörrt. Er sah Madame Butterfly fest in die Augen und sagte: „Nun – ich bin auch kein Windsurfer, ich bin noch nicht mal ein guter Schwimmer.“

Madame Butterfly schaute Martin irritiert an. Er hielt ihrem Blick stand und setze das jungenhafteste Lächeln auf, zu dem er fähig war.

„Das glaube ich jetzt nicht“, sagte Butterfly, nachdem sie die Tragweite dieses einen Satzes begriffen hatte. Ihr für Sekunden  entsetzter Blick mündete in ein Grinsen und ging dann übergangslos in ein schallendes Lachen über, so dass ihr die Tränen über das Gesicht rannen.

„Meinst du, wir sollten noch mal ganz von vorne anfangen?“, fragte Martin verunsichert, sprungbereit, falls Madame Butterfly ihn nun gnadenlos vor die Tür setzen würde.

„Unbedingt“, prustete sie heraus. „Aber zuerst stoßen wir auf das richtige Leben und seine Enthüllungen  mit einem Sekt an!“

© Anna-Lena

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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30 Antworten zu Chatgeplauder

  1. april schreibt:

    Einfach herrlich. Da hast du deinen Lesern einen Gefallen getan und ein wunderbares Ende produziert, wie wir es alle gerne haben. Es hat richtigen Spaß gemacht und es war sehr spannennd, diese Geschichte zu lesen. Wenn es doch im Leben noch öfter so harmonsich enden könnte.

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  2. Anna-Lena schreibt:

    Danke, liebe April. Viele Wege führen zum Ziel :-).
    Hab eine gute Nacht!

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  3. GZi schreibt:

    Ich habe eben Teil 1 und Teil 2 gelesen! Eine wunderbare Geschichte! Toll geschrieben – wie das richtige Leben! Ganz ganz wunderbar!

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  4. Coco schreibt:

    Das ist ein Ende, wie man es sich wünscht, eine tolle Geschichte, danke!

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  5. Katinka schreibt:

    Eine wunderschöne Geschichte, liebe Anna-Lena.
    Klar, das mir das gute Ende auch gefällt 🙂

    Liebe Grüße
    Katinka

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  6. Wow, das ist ja mal ein Happy End!

    Hat er doch noch die Kurve gekriegt 😉

    Danke!

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  7. Himmelhoch schreibt:

    Ich verbringe meine Abende auch virtuell mit einer „fremden Frau“, die mich daran hindert, schlafen zu gehen – aber es hat sich gelohnt!
    Lieben Gruß von Clara

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  8. Anna-Lena schreibt:

    Liebe Katinka, Clara und Eva,

    lieben Dank an Euch und einen herzlichen Gruß in den jungen Tag :-).

    Anna-Lena

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  9. Karl schreibt:

    wunderbar! echt Anna-Lena 🙂
    Danke,
    liebe Grüße,
    Karl

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  10. Quer schreibt:

    Fantastisch, wie du die erlösende Kurve gefunden hast. – Grosses Kompliment an deine Erzählkunst!

    Liebe Grüsse,
    Brigitte

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  11. Follygirl schreibt:

    Ja, das ist ein ganz toller Schluß. Das ist eine wirklich schöne Wendung!
    Liebe Grüße, Petra

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  12. syntaxia schreibt:

    Ein feines modernes Märchen, liebe Anna-Lena! 😉

    ..grüßt dich syntaxia

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  13. andrea2007 schreibt:

    Liebe Anna-Lena,

    danke für diese tolle Geschichte, die mit ihren vielen überraschenden Wendungen bin zum letzten Wort spannend geblieben ist…Und natürlich für mein romantisches Herz genau richtig verläuft und endet:-)

    Liebe Grüsse Andrea

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  14. bruni kantz schreibt:

    eine tolle Fortsetzung, liebe Anna-Lena!
    Du hast alle gefährlichen Klippen umschifft und sogar niemanden sterben lassen ☺
    Deine Geschichte gefällt mir ausnehmend gut. Mal sehen, ob ich sie zu meiner Lieblingsgeschichte ernenne!!!!!!!!!
    Liebe Grüße aus der Sonne von Bruni

    (So mancher Typ müßte mal ausmisten, auch in seinem Inneren) (Das mußte ich schnell noch dazusetzen)

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  15. Coralita schreibt:

    Sehr schön! Gefällt mir.
    Herzlich, Coralita

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  16. Brigitte schreibt:

    Aber super, liebe Anna-Lena! Du hast wirklich eine lebhafte Fantasie! Klasse!

    Lieben Gruss, Brigitte

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  17. chinomso schreibt:

    Du hast „die Kurve“ sehr gut hingekriegt. Kompliment. Aber was anderes hätte ich auch nicht erwartet.

    Happy End auf der ganzen Linie. Ich grüble gerade darüber, ob es mehr solche Männer gibt, die schlagartig frischen Schwung in ihr Leben zaubern….neue Klamotten, neuer Haarschnitt, neuer Mut. Hat er „Hallo-wach-Pillen“ genommen?

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  18. tonari schreibt:

    Genial aufgelöst. Ich war schon total gespannt, wie Du den Windsurfer aus der Klemme bekommst.

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  19. Anna-Lena schreibt:

    @all:

    Ich danke Euch herzlich „für die Blumen“ :-).
    Es war auch für mich etwas kurvenreich, den guten Martin dorthin zu bringen, wo er nun ist.

    Ihr habt mich dazu angespornt und auch dafür danke ich Euch herzlich.

    Liebe Grüße
    Eure Anna-Lena

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  20. Lilie schreibt:

    Wie schön, dass du Martin dazu bewegen konntest, den Allerwertesten hoch zu bekommen … Ein tolles modernes Märchen. Auf das die beiden glücklich werden 😉
    Lieben Gruß
    Iris

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  21. Anna-Lena schreibt:

    Liebe Grüße auch zu dir :-).

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  22. rosadora schreibt:

    so schreibt das leben doch seine ganz eigenen geschichten, man muss ihm nur standhalten, auch durch die mogeleien hindurch.

    danke annalena
    rosadora

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  23. rundumkiel schreibt:

    Die Geschichte ist toll. Ich habe sie mir sogar ausgedruckt und ganz in Ruhe gelesen… Hat mir Freude gemacht…

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  24. Elfe schreibt:

    Hallo liebe Anna-Lena

    *Lach* genial wie Du das hingekriegt hast! Du bist wirklich die geborene Erzählerin, das gab es doch früher in den arabischen Cafés, so Geschichtenerzähler. Jetzt ist es halt ein Online-Café *lächel*.
    Herzliche Grüsse aus meiner Blogpause
    Elfe

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  25. Dori schreibt:

    Liebste Anna-Lena,

    wow. Gebannt habe ich hier jetzt in den PC gestarrt und diese Geschichte verschlungen. Du hast eine wundervolle Schreibweise, spannend und mit tollen Ausformulierungen.
    Und dann dieser Ideenreichtum!

    Danke, mit einem Lächeln
    schicke ich Dir liebe Sonnengrüße

    Dori

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