Der verflixte freie Tag

Der verflixte freie Tag

In der Stadt meines Brötchengebers sind Bombenfunde aus dem Zweiten Weltkrieg keine Seltenheit und haben uns schon so manche freien Tage beschert. Die Schüler freuen sich, die Lehrer tragen es mit Fassung, denn die ausgefallenen Stunden sind Minusstunden und müssen nachgearbeitet werden, so weit es geht.
Schwierig ist es natürlich für die, die im Sperrkreis wohnen und sehen, wo sie unterkommen können.
Morgen ist wieder so ein Tag, vier Anomalien sollen entschärft werden, der Sperrkreis hat einen Radius von einem Kilometer und ein paar tausend Bewohner müssen damit rechnen, erst abends oder noch später in ihre Wohnungen und Häuser zurückkehren zu können.
Unsere Schule liegt dieses Mal nicht im Sperrkreis. Viele werden morgen Schwierigkeiten haben, überhaupt dorthin zu kommen.
Nach meiner „Bombenstimmung“ vom vergangenen Montag bin ich froh, dass ich morgen frei habe. Mir bleibt nur zu hoffen, dass alles gut ausgeht.
Wegen eines solchen Anlasses in der Vorweihnachtszeit schrieb ich vor einigen Jahren diese Geschichte…

Wie durch ein Wunder kam Kathi noch in dieser Woche zu einem freien Tag. Ihre Arbeitsstelle lag im Sperrbezirk des Stadtteiles, in dem eine Bombe aus dem zweiten Weltkrieg entschärft werden musste. So etwas passierte häufiger. Welch ein Wunder, dass ihr der Arbeitsplatz samt Mobiliar nicht schon längst um die Ohren geflogen war.
Viele, die dort nur arbeiten, freuten sich. Anders sah es bei denjenigen aus, die im Sperrbezirk lebten und mal wieder der Verwandtschaft auf die Bude rücken mussten. Auch die Schüler und Lehrer der Gesamtschule freuten sich. Lehrer haben immer etwas zu tun und Schüler sind für jede Minute dankbar, die sie nicht in der Schule verbringen müssen, besonders so kurz vor den Ferien. Ebenso die Kinder des benachbarten Kindergartens. Im Krankenhaus blieb alles so wie immer, denn wohin sollte ein gesamtes städtisches Krankenhaus evakuiert werden?
Da in dieser Stadt häufig ‚Bombenstimmung’ war, hatte die Stadtverwaltung gewisse „Was-ist-wenn-Pläne“ ausgearbeitet und sah der Situation gelassen entgegen. Practice makes perfect. Bisher waren alle Bombenentschärfungen und Sprengungen gut gegangen und somit blickte jeder diesem Tag optimistisch entgegen. Besonders diejenigen, die weiter weg wohnten und so kurz vor Weihnachten jede freie Minute zusätzlich gut gebrauchen konnten.
Um keine Minute dieses kostbaren Tages zu verplempern, hatte Kathi am Abend davor fein säuberlich ihre Liste geschrieben, um am freien Tag konsequent und zügig Punkt für Punkt abzuarbeiten. Eine zusätzliche Stunde Schlaf war an diesem Tag gestattet und passte perfekt. Fehlanzeige! Unerbittlich schien der Vollmond in der Nacht davor durch ihr Fenster und raubte ihr den Schlaf. Sie wälzte sich hin und her, döste immer mal wieder ein, um kurz darauf nach einem abstrusen Traum wieder aufzuwachen. Schäfchen zählen, warme Milch mit Honig und autogenes Training beeindruckten den vollen, milchigweißen Mond kaum.
Irgendwann verschwand sie im Reich der Träume und hatte die Kraft des Mondes überlistet.
Im Abstand von fünf Minuten klingelte Wecker Nummer eins pünktlich um acht Uhr in der Früh, aber die Nachrichten aus aller Welt erreichten sie noch nicht. Als Wecker Nummer zwei sein kratziges ‚Good Morning’ krähte, sauste ihre Hand zum Nachttisch und schlug erbarmungslos auf die Schlummertaste. Wecker Nummer drei war ihr Handy. Schlaftrunken fingerte Kathi nach dem Handy, erfühlte die Annahmetaste und meldete sich mit einem langgezogenen ‚Haallooo’. Da niemand antwortete, schob sie das Telefon sorgfältig unter ihr Kopfkissen, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter.
Ein ungehaltenes Klingeln an der Wohnungstür weckte ihre Lebensgeister. Sie saß aufrecht im Bett, starrte ungläubig auf beide Wecker, deren Zeiger unerbittlich neun Uhr dreißig anzeigten und sprang aus dem Bett. Das musste der Kundendienst für ihre defekte Spülmaschine sein! Sie konnte von Glück reden, dass sie diesen Termin für heute noch bekommen hatte. Kaum vorstellbar, die fettigen Teller mit Weihnachtsgansresten, Rot- und Grünkohlrändern am ersten Weihnachtsfeiertag alle mit der Hand zu spülen.
„Ich komme“, schrie Kathi aus Leibeskräften durch die Wohnung, schlüpfte in ihre Hausschuhe, riss den Morgenmantel vom Haken und stürmte in den Flur. Den Abstand zum Fressnapf der Katze falsch eingeschätzt, flog dieser durch den Flur und kippte das Schälchen mit der Milch gleich mit um. Katzenfutter und Milch ergossen sich auf der hellen Brücke mitten im Flur und verschmolzen symbiotisch zu einem undefinierbaren Brei.
Der gute Mann vom Kundendienst hatte sich schon wieder die Treppe hinunter begeben, als sie die Macht der drei Türschlösser überwältigt hatte und ihn entschuldigend bat zurückzukommen.
„Ich habe meine Zeit nicht geklaut, junge Frau, Zeit ist Geld“, brubbelte er anstelle eines Guten-Morgen-Grußes, trat in die Wohnung, umging das klebrige Etwas auf dem Flurteppich und marschierte zielstrebig in die Küche.
Bei einer frischen Tasse Kaffee taute er ein wenig auf und binnen einer halben Stunde schnurrte der Geschirrspüler wieder wie neu und nicht mehr wie ein verrosteter Auspuff.
‚Ausschlafen’ und ‚Geschirrspüler’ konnte sie auf ihrem Zettel abhaken. Der Blick auf die Küchenuhr kündigte den nächsten Termin an. In einer Stunde musste sie beim Friseur sein. Auf dem Weg dahin wollte sie sich ein Rezept beim Arzt abholen und ein Weihnachtspäckchen bei der Post abgeben. Nun war genauestes Timing angesagt.
Entrüstet schaute die Katze in ihren leeren Freßnapf und auf den Teppich und blickte Kathi aus großen fragenden Augen an. ‚Soll ich etwa den Matsch auf dem Teppich zusammenkratzen?’, schien sie zu fragen. Ihr Frauchen reagierte nicht und die Katze verschwand beleidigt in Kathis Bett.
Die Weihnachtslieder im Radio ermunterten Kathi mitzusingen und so schaffte sie es in Windeseile zu duschen, zwischen Frühstück, Anziehen und Schminken das Päckchen für ihre Schwester zu packen und den Fleck aus dem Teppich zu reiben.
Die Katze registrierte verwundert, dass Kathi einfach ging, ohne sich von ihr zu verabschieden, geschweige, ihr etwas zum Fressen hinzustellen. Woher sollte sie auch wissen, dass selbst die Mäuse im Kühlschrank nichts mehr finden würden?
Als Kathi in den Fahrradkeller kam, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Beide Reifen – platt wie eine Flunder. Sie hatte keine Zeit zu prüfen, ob ihr ein Scherzbold nur die Luft herausgelassen oder gleich die Reifen zerstochen hatte. Prima! Das Auto seit gestern Abend zur Inspektion in der Werkstatt und das Fahrrad nicht zu gebrauchen. „Wenn ich dich erwische…“, fluchte sie ins Leere, denn außer dem Rascheln einer Maus, die offenbar den Fluchtweg antrat, war nichts im Keller zu hören und zu sehen.
Kathi blieb nichts anderes übrig, als ihre Wege zu Fuß zu erledigen. Sie ging so schnell, dass sie nach kurzer Zeit mit einem heftigen Stechen in der Seite anhalten und verschnaufen musste. Atemlos erreichte sie die Praxis ihrer Gynäkologin. Das Rezept für die Pille hatte sie telefonisch vorbestellt. „WEGEN KRANKHEIT HEUTE GESCHLOSSEN“.
Sie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Sie hatte nur noch zwei Tabletten und ihr Lebensgefährte kam am Wochenende aus London zurück. Wenn gar nichts anderes ging, mussten halt Kondome her, die konnte sie überall kaufen.
Die Post lag genau in der entgegengesetzten Richtung. Sie hatte noch geschlagene zehn Minuten Zeit bis zu ihrem Friseurtermin. Also weiter, keine Zeit verlieren.
Von weitem erblickte sie die Schlange vor dem Postamt und hatte schon die Befürchtung, die Post habe auch wegen Krankheit, Trauerfall oder Überfall geschlossen. Die Menschen, die sie sah, waren das Ende einer Schlange, die genau wie sie ein Weihnachtspäckchen aufgeben wollten. Ohne weiter darüber nachzudenken oder sich zu ärgern, schritt sie zielstrebig dem Friseur entgegen.
Sie freute sich auf Jochen, mit dem sich immer nett beim Haareschneiden, Wimpernfärben und Brauenzupfen klönen ließ. Er wußte immer genau, was so gerade im Kiez passierte und gab sein Wissen gern weiter. Stockschwul wie er war, unterstrichen seine Mimik und Gestik alle News, die Kathi mit Interesse aufnahm. Sie betrat den Laden, blickte sich suchend um, konnte Jochen aber nirgends entdecken.
„Hallo Kathi, du musst heute mit mir vorlieb nehmen, Jochen ist krank“ Alex schaute sie freundlich lächelnd an und nahm ihr die Jacke ab. ‚Auch das noch’, seufzte Kathi innerlich.
Alex beherrschte sein Handwerk, aber man musste höllisch aufpassen, dass er einen nicht nach seinen Wünschen stylte und dabei völlig verunstaltete. Und er war ein mundfauler Muffel. Kathi überlegte. In wenigen Tagen war Weihnachten, sie hatte keine andere Wahl, als sich in Alex’ Hände zu begeben. Dementsprechend betonte sie ihre Wünsche, Wimpern blauschwarz, Augenbrauen nicht zu schmal zupfen und die Haare durchstufen, aber in der Länge nur die Spitzen schneiden.
Sie erfuhr nichts Neues, keine Skandale, wer mit wem und warum, keinen Klatsch und Tratsch. Alex blieb stumm wie ein Fisch. Nach ein paar belanglosen Floskeln hatte sich die Konversation zwischen Kathi und ihm erledigt, und sie hatte Zeit zu überlegen, was sie noch erledigen wollte. Arzt blieb auf der Liste, mit dem Vermerk ‚wichtig, aber später’.
Wenn sie ihr Päckchen bei der Post losgeworden war, konnte sie in Ruhe einkaufen und sich auf das Wochenende mit Thomas freuen. Wenn sie Glück hatte, konnte sie noch die Fenster putzen und heute Abend würde sie es sich mit einem guten Glas Wein und einem spannenden Buch gemütlich machen.
Dummerweise hatte sich Kathi vor dem Haareschneiden bereits die Kontaktlinsen herausgenommen, denn nach dem Schnitt erfolgte das Zupfen und dann das Wimpernfärben. Da sie ohne Sehhilfe blind wie ein Maulwurf war, konnte sie nur schemenhaft verfolgen, wieviel Alex von ihrer Haarpracht abschnitt. Gefühlt schien das mehr zu sein, als sie ihm erlaubt hatte. Das Zupfen ihrer Brauen empfand sie wie eine Körperverletzung, er hatte als Heteromann offenbar kein Gefühl dafür. Erbarmungslos rannen ihr die Tränen über die Wangen und gelegentlich entwich ihr ein verzweifeltes ‚Au’. Nun war sie ihm hilflos ausgeliefert. Er deckte Ober- und Unterlider ab, kleisterte ihr die Wimpern mit Farbe voll, und sie musste die Augen zehn Minuten brav schließen und warten. Bevor der letzte Teil begann, erinnerte sie Alex daran, dass er die Haare nur trocken föhnen sollte, vorher ein wenig Schaumfestiger und nachher ein wenig Gel. Sie hasste es, aufgebauscht und vollkommen verfremdet vor ihrem eigenen Spiegelbild zu erschrecken. Langsam hatte sie Hummeln im Hintern, so lange still zu sitzen war nicht ihr Ding. Kaum hatte Alex den Föhn ausgeschaltet, kramte sie nach ihrer Brille und hob ihr Gesicht erwartungsvoll zum Spiegel. „Toll“, entfuhr es ihr. Innerlich schimpfte sie wie ein Rohrspatz und fluchte, ob dieser Kerl nicht besser zum Ohrenarzt gehörte. Sie sah genauso aus, wie sie nicht aussehen wollte, aufgeplustert wie eine Henne. Sie zahlte, verkniff sich jegliches Trinkgeld und rauschte mit einem flüchtigen „Frohe Weihnachten“ davon.
Die Schlange an der Post war geringfügig kürzer geworden. Während sie sonst nichts lieber tat, als Leute zu beobachten, fixierte sie die beiden Postangestellten und schaute sie penetrant an. Als ob die deshalb ihr Arbeitstempo erhöhen würden. „So wie die arbeiten, möchte ich Urlaub machen“, ertönte eine verärgerte Stimme hinter ihr. ‚Recht hat er’, dachte Kathi, drehte sich kurz um und nickte dem graumelierten Herrn hinter ihr mit einem konspirativen Lächeln zu. ‚Rentner, typisch, du kannst dich auch früh morgens hier anstellen!’
Ihr Magen knurrte. Außer einem Kaffee und einem alten Stück Zwieback hatte sie heute noch nichts zu sich genommen. Die abgestandene Luft im Postamt gab ihr den Rest.
Endlich hatte sie es geschafft, eilte nach draußen und holte tief Luft. Sie hatte das unbändige Verlangen nach einer Pizza und einem Glas Rotwein. Danach konnte sie mit dem Taxi zur Werkstatt fahren, von der Werkstatt zum Supermarkt und dann nach Hause. Voller Elan würde sie sich dann auf das Putzen ihrer Fenster stürzen.
‚Pizzeria’ stand zwar nicht auf ihrer Liste, wurde aber zwischen Friseur und Werkstatt eingeschoben. Diese kurzfristige Idee war genial, denn ohne die beruhigende Wirkung des Weines und des Amaretto auf Kosten des Hauses hätte sie sich in der Werkstatt sicher aufgeregt und sich maßlos abgezockt gefühlt, als sie mit der Rechnung bedrückt zur Kasse schlich.
Sie hasste es einkaufen zu gehen. Das war eigentlich Thomas’ Aufgabe. Aus sämtlichen Lautsprechern dudelte Weihnachtsmusik. Hatte sie am Morgen noch freudig mitgesungen, ging ihr das jetzt mächtig auf die Nerven. Zwischendrin erklangen die Ansagen über dieses und jenes, was zum Fest besonders günstig war und den Kunden ans Herz gelegt wurde. Kathi arbeitete einen weiteren Zettel ab, auf dem oben deutlich UNBEDINGT EINKAUFEN stand. Unfassbar, was hier los war. Die Leute kauften ein, als würde in den nächsten Tagen eine Hungersnot über sie hereinbrechen.
Die Wirkung des Weines ließ nach, Kathis Verstand wurde wieder klarer und ihre Wahrnehmung deutlich und präzise. Prüfend verglich sie noch einmal Einkaufszettel mit Einkaufswageninhalt, stellte sich in eine der vielen Schlangen, die an allen zehn Kassen gleich lang waren und starrte voller Sehnsucht zum Ausgang. Sie griff sich ans Ohr. Hatte der Tinnitus sie wieder eingeholt? Sie konzentrierte sich auf die verschienen Plings und Plongs um sich herum. Es waren die Geräusche der eingescannten Waren, nicht ihr Tinnitus, Gott sei Dank.
Mitleidig betrachtete sie die armen Wesen an der Kasse, die dieser Geräuschkulisse Stunden über Stunden ausgesetzt waren und schwor sich, nie wieder über ihren stillen Büroschreibtisch zu schimpfen.
Als sie ihr Auto nach ewigem Kreisen um den Häuserblock in eine winzige Parklücke quetschte, aus der sie nur wieder herauskäme, wenn vor und hinter ihr ein Smart parken würde, stürmte sie, bewaffnet mit Einkaufstüten und Taschen hoch zu ihrer Wohnung.
Kathis Katze machte keinen Hehl aus ihrer Verärgerung und setzte sich beleidigt und demonstrativ wartend vor ihren Freßnapf.
„Nicht böse sein, ich habe dich nicht vergessen“, redete Kathi ihrer Katze gut zu, fingerte das Katzenfutter aus der tiefsten Ecke des Einkaufsbeutels und stellte erst einmal die Katze zufrieden.
Obwohl es erst fünfzehn Uhr war, dämmerte es. Die Ware musste warten oder Kathi musste ihre Fenster im Dunkeln putzen. Dieses ewig graue Wetter hielt nun schon mehrere Tage an und ging ihr langsam auf die Nerven. Weit und breit war kein Sonnenstrahl in Sicht! Kein Wunder, dass jeder über Müdigkeit und einen seelischen Blues klagte.
Sie bewaffnete sich mit zwei Putzeimern, zwei Lappen, Brennspiritus und einer Leiter, stellte ihre Anlage an, setzte sich ihren Funklautsprecher auf den Kopf und befreite die verschmutzten Scheiben vom spätsommerlichen Fliegendreck. So lange es draußen halbwegs hell war, ging ihr die Arbeit zügig von der Hand. Je dunkler es jedoch wurde, desto flinker wurde sie. Ihre Arme erlahmten, die Halswirbelsäule meldete sich und signalisierte, dass sie nun lange genug überstreckt worden war und eine aufrechte Position bevorzugen würde.
Zufrieden schloss sie das letzte Fenster und balancierte mit beiden Eimern rückwärts die Leiter hinunter, ein gewagtes Unterfangen! Die Leiter begann zu wackeln, der erste Eimer rutschte Kathi aus der Hand und mit dem zweiten Eimer fiel sie der Länge nach auf den Boden. Die Leiter hatte sich gegen den Küchenschrank gelehnt und rutschte knirschend über die Küchenfliesen, bis sie reglos am Boden lag. Kathi lag daneben, um sich herum eine braune Brühe, die den gesamten Küchenfußboden bedeckte.
‚Die meisten Unfälle passieren im Haushalt’, hörte sie innerlich die Stimme ihrer Mutter.
„Schöne Scheiße“, fluchte Kathi und versuchte, sich aus der Pfütze um sich herum zu befreien. Nun konnte sie auch noch die Küche wischen!
Das Aufrichten war ein Kraftakt, denn sie spürte einen stechenden Schmerz im linken Knöchel. Sie hoffte inständig, sich nichts gebrochen zu haben. Im Vierfüßlerstand gelang es ihr, von der Küche ins Badezimmer zu krabbeln, sich an der Duschkabine hochzuziehen und von dort auf einem Bein humpelnd, den Klodeckel zu erreichen. Der Fuß schwoll in Sekundenschnelle bedrohlich an.
Sie wusste, dass sie ihre Hausapotheke ewig nicht auf den neuesten Stand gebracht hatte, aber ein Rest Mobilat und eine elastische Binde konnte sie noch finden. Sie schaute nicht auf die Uhr, aber nach einer Ewigkeit hatte sie es geschafft, im Vierfüßlerstand die Küche trocken zu legen, ständig in der Angst, die alte Dame unter ihr käme, um sich über Wasserflecken an ihrer Küchendecke zu beklagen. Aber es blieb still an ihrer Wohnungstür.
Mit letzter Kraft packte sie ihre Einkäufe in den Kühlschrank, griff nach allen verfügbaren Kühlkissen und Eiswürfeln und packte sich aufs Sofa.
Als sie die Regionalnachrichten im Fernsehen anschaltete, hörte sie nur noch, dass die Bombenentschärfung geglückt war, alle evakuierten Menschen wieder wohlbehalten in ihren Wohnungen waren und am nächsten Tag überall die Arbeit wieder aufgenommen werden könne.
„Morgen ist ein neuer Tag. Alles wird gut“, schoss es ihr durch den Kopf, bevor der Schlaf sie tief und traumlos umfing.

© G. Bessen,2009

Aktuell auf  https://www.oranienburg.de/

Bisher sind erst drei der vier Bomben entschärft worden. Für die Menschen, die nicht in ihren Wohnungen und Häusern sein können, wird es wohl eine lange Nacht.

Um 00.12 Uhr waren alle vier Bomben entschärft und der Sperrkreis wurde aufgehoben.

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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17 Antworten zu Der verflixte freie Tag

  1. piri ulbrich schreibt:

    Da bin ich wieder einmal sehr froh, dass ich auf dem Dorf wohne. Auf diese Aufregung kann ich gut verzichten.

    Gefällt 1 Person

  2. minibares schreibt:

    Liebe Anna-Lena, ist schon nervig, immer diese Bombenentschärfungen.
    Deine Story ist Klasse.
    So kann auch ein freier Tag in Stress ausarten.
    deine Bärbel

    Gefällt 1 Person

  3. Sylvia Kling schreibt:

    Ich drücke Dich (die Geschichte lese ich mir morgen durch, habe sie auf Lesezeichen gesetzt)!
    Liebe Grüße
    Sylvia

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  4. suebilderblog schreibt:

    Sogar hier auf dem Land werden hin und wieder noch alte Bomben gefunden. Wie mag das dann erst bei Euch in der Stadt sein.
    Die Geschichte von der Kathi hast Du super geschrieben und ich warte immer noch auf einen richtig dicken Roman von Dir…….vielleicht, wenn Du in Rente gehst 😉
    LG Susanne

    Gefällt 2 Personen

    • Anna-Lena schreibt:

      😆 Ich höre im kommenden Sommer auf, dann hätte ich die Zeit dazu und Ideen habe ich schon lange, liebe Susanne 🙂 .
      Liebe Grüße zu dir und einen schönen 1. Advent,
      Anna-Lena

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  5. bruni8wortbehagen schreibt:

    Tja, bei Euch liegen viele. Rings um die große Stadt …
    Wie gut, wenn die Entschärfung problemlos über die Bühne geht, liebe Anna-Lena…

    Deine Geschichte ist Spitzenklasse. Ich habe sie nicht auf morgen verschoben, weil ich sie so spannend fand *lächel*. Ich erinnere mich nicht, ob ich sie schon mal gelesen habe, aber es gibt Geschichten, die sind es wert, immer wieder gelesen zu werden und diese gehört mit dazu!

    Herzlichst
    die Nachteule, die nun aber auch in ihr Bett eilt.

    Gute Nahacht, liebe Anna-Lena

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  6. ernstblumenstein schreibt:

    So was kannten wir hier gar nicht, ok, wir waren vom Krieg verschont, weil unsere „Oberen und die Wirtschaft“ mit den Nazis unter einer Decke steckten oder zumindest wichtige „Partner“ bei grossen Geschäften mit ihnen waren. Hab eine gute Zeit, Anna-Lena. Liebe Grüsse Ernst

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