Die Möwe und der Löwe

Der Zauber der aufgehenden Sonne lag über dem Marktplatz der kleinen Hafenstadt. Die Möwe öffnete verschlafen die Augen und blinzelte in die zarte Morgensonne.
“Ich habe verschlafen”, dachte sie bestürzt. Eine kleine, glitzernde Träne löste sich und versickerte in ihren zarten Federn.
“Mach’s gut”, flüsterte sie dem Löwen zu, “ich habe verschlafen und es verpasst, dir einen guten Morgen zu wünschen. Danke für alles”. Traurig blickte sie in seine unbeweglichen Augen, spannte ihre grauweißen Flügel auf und flog davon.
Ihre Familie war bereits am Hafen versammelt, gierig auf der Suche nach einem nahrhaften Frühstück.
“Wo kommst du denn her? Wir haben uns Sorgen um Dich gemacht”, herrschte der Möwen-Vater seine jüngste Tochter an.
“Ich war gestern Abend so müde, dass ich mir am Markt einen Platz zum Schlafen gesucht habe”. Schuldbewusst blickte die Möwe in die strengen Augen ihres Vaters. “Nun bist du ja da”, krächzte er ein wenig milder gestimmt und flog davon.
Seine jüngste Tochter lag ihm sehr am Herzen, und er machte sich fortwährend Sorgen, es könne ihr etwas zugestoßen sein, wenn sie abends nicht rechtzeitig zu Hause war. Dabei wusste er genau, dass seine Kinder langsam alt genug waren, um auszuschwärmen und für sich selber zu sorgen.
Die kleine Möwe setzte sich auf die Hafenmauer und ließ sich die Sonne auf die Federn scheinen. Äußerlich sah sie aus, als schliefe sie, aber ihre Gedanken gingen zurück zur vergangenen Nacht.
Der goldene Löwe, der unbeweglich seit Jahren über der Apotheke wohnte, hatte ihr in der letzten Nacht das Leben gerettet.
Ein schweres Gewitter war über die Stadt hereingebrochen. Blitze erhellten zuckend den schwarzen Wolkenhimmel, ein dunkles Donnergetöse ging krachend über der Stadt nieder und der heftige Wind riss alles mit sich, was ihm in die Quere kam. Die kleine Möwe hatte so etwas noch nie erlebt und war, von Angst erfüllt, in die geräumige und geschützte Höhle des goldenen Löwen geflogen und hatte sich hinter ihm versteckt. Mit klopfendem Herzen und angehaltenem Atem machte sie sich ganz klein. Vor Angst und Müdigkeit schlief sie ein.
Die Kirchturmuhr der Nikolaikirche schlug kurz an. Es war Mitternacht. Das Gewitter war vorbei und die kleine Möwe rollte sich zufrieden zusammen, um noch ein paar Stunden zu schlafen.
Doch was war das? Sie erstarrte. Der große goldene Löwe neben ihr bewegte sich. Seine goldene kalte Oberfläche hatte sich zu einem warmen dichten Fell verwandelt.
“Wer bist du ? Was machst du hier?“, raunte der große Löwe der kleinen Möwe zu.
“Ich habe mich hier versteckt, es hat so doll geregnet, und der Wind blies so heftig, dass ich nicht weiterfliegen konnte”, stotterte die verängstigte Möwe.
Sie kannte den Löwen. Jedes Mal, wenn sie ihre Runden drehte, sah sie ihn auf seinem Platz über der Apotheke und bewunderte seine Größe und das Gold auf seinem Körper, das so leuchtete wie die Sonne selbst. Aber er lebte nicht, sondern verharrte regungslos an seinem Platz.
“So so”, brummte der Löwe. Seine bernsteinfarbenen Augen hafteten unentwegt auf der Möwe, und sie spürte ein ungutes Gefühl in der Magengegend.
“Du wirst mir doch nichts tun”?, fragte sie zaghaft.
Der Löwe lachte und zeigte sein prächtiges Gebiss.
“Du würdest mir nicht einmal als Vorspeise reichen.”
“Wieso kannst du sprechen, dich bewegen, und warum hast du ein so prächtiges Fell”?, frage die Möwe mit fester Stimme.
“Das ist ein Geheimnis, aber ich verrate es dir. Einmal im Monat, wenn der Vollmond seine runde Form erreicht hat, werden alle Tierskulpturen in dieser Stadt lebendig. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr in der Früh können sie sich bewegen, sich treffen und miteinander sprechen. Um Punkt sechs Uhr muss aber jeder an seinem Platz sein. Dann erlischt der Zauber.”
“Und wenn jemand nicht rechtzeitig zurück ist”?
“Dann fällt seine Skulptur in viele Einzelteile auseinander und ist für immer zerstört.”
Der Löwe reckte sich und schaute der kleinen Möwe fest in die Augen.
“Schlaf ruhig weiter. Ich werde die Gunst der Stunde nutzen und mich auf den Weg machen. Hier bist du geschützt und niemand wird dir etwas tun.”
“Wir sehen uns, wenn du zurück bist, ja? Ich werde immer sehr früh wach.”
Der Löwe machte einen gekonnten Sprung und landete lautlos auf seinen samtigen Pfoten.
Die kleine Möwe kuschelte sich zusammen und schlief wieder ein. Sie hatte noch so viele Fragen, die sie dem Löwen stellen wollte, wenn er zurückkäme.
Sie schlief so fest und so tief, dass sie seine leise Rückkehr gar nicht bemerkte. Als sie erwachte lag der Löwe wieder an seinem Platz, und die goldene Farbe leuchtete in der frühen Morgensonne. Es war zehn Minuten nach sechs.
Beim nächsten Vollmond würde sie wieder kommen.

© G.B. 7/2012

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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29 Antworten zu Die Möwe und der Löwe

  1. dorosgedankenduene schreibt:

    EInfach wunderschön. Danke ♥. Ich bewundere Menschen die so wundervoll schreiben können.
    LG Doro

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  2. helmutmaier schreibt:

    Nachdem ich ja erst kürzlich einen Schüttelreim mit Möwe und Löwe geschrieben habe, musste ich diese köstliche Geschichte gleich lesen. [ Ich wollte mit den Möwen lachen.
    Was wollt’ ich mit den Löwen machen?
    (http://www.maierlyrik.de/blog/2012/07/14/mal-wieder-ein-schuettelreim/)%5D

    Liebe Grüße
    Helmut

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  3. freiedenkerin schreibt:

    Das ist ein ganz wundervolles Märchen! 🙂
    Ich danke dir und wünsche dir einen schönen und entspannten Sonntag!

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  4. minibares schreibt:

    Liebe Anna-Lena,
    was für eine bezaubernde Geschichte.
    Eine richtige Sonntags-Geschichte. Ganz wunderbar, so zart, so liebevoll…
    Dir einen genauso kuscheligen, guten, schönen Sonntag ♥
    deine Bärbel

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  5. bruni kantz schreibt:

    Anna-Lena, es kann sein, daß ich schon einmal so dachte und es auch schrieb:
    Diese Geschichte ist die schönste, die ich von Dir jemals gelesen habe. Sie könnte in einem
    Märchenbuch stehen und ich würde sie mir immer wieder vorholen und lesen. Sie wäre meine
    alsolute Lieblingsgeschichte.
    Ich muß Dich nun schnell mal umarmen und drücken.
    Wundervoll ist sie, diese löwige Möwengeschichte von Dir
    Absolut – wundervoll!!!

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  6. GZi schreibt:

    welch wunderschöne Geschichte – und ach, welch tolle idee :)!
    Ich wünsche Dir/Euch einen sonnigen Sonntag!

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  7. Und selbst, wenn die kleine Möwe alles „nur geträumt“ hat, nimmt sie etwas Wunderbares mit sich. Schön!

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  8. kowkla123 schreibt:

    eine schöne liebevolle toll geschriebene Tiergeschichte, ja, schon deshalb bin ich immer hier, einen schönen Sonntag und weiter viel Kreativität, KLaus

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  9. Rana schreibt:

    Ich habe in meinem Urlaub in DK viele Möwen beobachtet und oft überlegt, was sie so denken und ob sie eigentlich mit den anderen Möwen kommunizieren. Nun weiß ich etwas mehr! Danke für diese schöne Geschichte und liebe Grüße von Rana

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  10. suebilderblog schreibt:

    Was für ein schönes Sommermärchen im Anna-Lena-Stil, den ich so mag.
    LG Susanne

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  11. werner schreibt:

    So etwas muss MANN auch mal lesen.
    Wunderschön Anna-Lena 🙂
    Herzlichen Gruß
    Werner

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  12. Anna-Lena schreibt:

    ♥ Ihr Lieben, ♥

    ich freue mich sehr, dass euch diese kleine, völlig spontan geschriebene Geschichte so gefällt.
    (Ich finde sie auch ganz niedlich gelungen 😉 .
    Wir waren ein paar Tage verreist – ich werde darüber berichten – und beim Bearbeiten von knapp 400 Fotos kam mir der Gedanke zu dieser Geschichte.

    Danke fürs Lesen und Kommentieren.
    Kommt gut in die neue Woche, die ja sehr sommerlich werden soll.

    Einen herzlichen Abendgruß,
    eure Anna-Lena

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  13. buchstabenwiese schreibt:

    Och, wie niedlich, liebe Anna-Lena. 🙂
    Süße kleine Geschichte. Gefällt mir.

    Liebe Grüße,
    Martina

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  14. mono8no8aware schreibt:

    herzergreifend schön…:D
    danke dafür!
    liebe grüße
    vom ludwig

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  15. Mia schreibt:

    Ich komme auch zum nächsten Vollmond. Dem möchte ich gerne das Fell kraulen. Ich bring vorsorglich eine Keule irgendwas mit, denn ich bin eine Hauptspeise. 😉
    So schön, liebe Anna-Lena. Hab noch eine gute Woche.
    LG von Mia

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    • Anna-Lena schreibt:

      Da wird sicher der Löwe aber freuen, solch nette Gesellschaft zu bekommen 🙂 . Und wenn du ihm noch etwas vorspielst oder -singst, wird er sicher ganz zufrieden schnurren.

      Die auch liebe Grüße und eine sommerliche Woche,
      Anna-Lena

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  16. Träumerle Kerstin schreibt:

    Was für eine schöne Geschichte Du daraus gebastelt hast Anna-Lena. Man muss nur Fantasie haben. Wir haben hier auf dem Markt auch eine Löwen-Apotheke und auch da prangt ein goldenes Abbild von ihm. Werde künftig immer an Deine Geschichte denken, wenn ich da hin schaue.
    Liebe Grüße zum Montag von Kerstin.

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  17. Babbeldieübermama schreibt:

    Einfach schön!!!!!

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  18. O.Ph. schreibt:

    Liebe Anna-Lena ..

    das ist eine so wundervolle, rührende Geschichte – ohne Übertreibung die schönste, die ich seit langem gelesen habe!

    Tiergeschichten berühren mich immer am meisten…ich weiß nicht, warum.

    Du erzählst so gefühlvoll und mit ganz viel Wärme ..

    Danke dafür, und viele liebe Grüße an dich 🙂
    Ocean

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    • Anna-Lena schreibt:

      Liebe Ocean,
      danke 🙂

      Du bist so ein naturverbundener Mensch, machst herrliche Naturaufnahmen und bist eine vorbildliche Hundemutter. Deshalb magst du Tiere ganz besonders und sicher auch aus diesem Grund Tiergeschichten.
      Mich freut, dass ich dich damit erfreuen konnte 🙂

      Liebe Grüße in deinen Tag,
      Anna-Lena

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  19. Jorge D.R. schreibt:

    Du kannst wirklich gut erzählen, liebe Anna Lena!

    Herzliche Grüße
    Jorge D.R.

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  20. Waldameise schreibt:

    Jetzt weiß ich, dass es damals kein Trugschluss von mir war, als ich nach Mitternacht an dem Brunnen vorbeikam und mir das Eselchen zublinzelte … 😉 Eine sehr nette Idee, liebe Anna-Lena.

    Liebe Grüße von der Waldameise

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    • Anna-Lena schreibt:

      Siehst du! Vielleicht sollte man in den Vollmondnächten mehr unterwegs sein, anstatt sich von Schlaflosigkeit plagen zu lassen 😉

      Einen lieben Gruß zu dir, liebe Andrea,
      Anna-Lena

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  21. Traveller schreibt:

    ein herzerwärmendes Märchen !

    lieben Gruß
    Uta

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