Flaschenpost (4)

„Conchetta und Juan haben eine Weile zusammengelebt. Juan fuhr morgens zum Fischen raus und Conchetta hatte einen kleinen Laden mit Wolle eröffnet. Die Abwechslung tat ihr gut und brachte sie auf andere Gedanken. Einmal in der Woche waren sie zum Essen hier und wir alle freuten uns, die junge Liebe wachsen zu sehen. Nach einem Glas Wein begannen Conchettas Wangen zu glühen und sie wurde so redselig, dass man ihrer lieblichen Stimme stundenlang lauschen konnte. Als ihre Scheidung von dem Trunkenbold endlich durch war, schien das Glück perfekt. Juan machte ihr in aller Form einen Heiratsantrag und sie willigte freudestrahlend ein. Aber etwas in ihren Augen spiegelte eine tiefe Angst wider. Ich hatte oft das Gefühl, sie misstraute ihrem Glück nach soviel Pech, ja, als könne sie kaum fassen, dass ein Mann sie über alles liebte und gut zu ihr war.“

„Die Arme! Was muss sie durchgemacht haben, dass ihre Seele daran zerbrochen ist.“

Melanie nahm über den Tisch hinweg Sebastians Hand. In diesem Moment durchströmte sie eine Welle des Glücks, dass sie Sebastian begegnet war. Als hätte er ihre Gedanken erraten, umschloss er ihre Hand und drückte sie fest.

„Ja, und dann kam der Tag,  an dem das Schicksal so grauenhaft zuschlug.

Wie immer war Juan im Morgengrauen hinaus gefahren, aber…“, ihre Stimme wurde ganz leise, „er kam nicht zurück.“

„Was heißt das, er kam nicht zurück? Hatte er einen Unfall?“

„Niemand weiß es. Das Schiff wurde nicht gefunden und er auch nicht. Als hätte das Meer ihn und sein Boot für immer verschluckt.“

Maria, Sebastian und Melanie sahen sich schweigend an. Sekunden verrannen, ohne dass ein Wort gesprochen wurde.

„Und Conchetta?“, fragte Melanie mit belegter Stimme.

„Sie hat einen Nervenzusammenbruch bekommen, als nach drei Tagen die Suche nach Juan eingestellt wurde. Und – sie hatte eine Fehlgeburt. Niemand wusste, dass sie bereits im vierten Monat schwanger war.“

„Es war ganz furchtbar“, fuhr Maria nach einer kleinen Pause fort.

„Ich habe Conchetta im Krankenhaus besucht. Sie hat kaum gesprochen, nur ununterbrochen geweint. Das Schlimme war, sie hat in keinem Augenblick daran geglaubt, dass Juan etwas passiert sein könnte. Sie war der festen Überzeugung, er habe kalte Füße bekommen und sei verschwunden. Die Angst in ihren Augen, der Unglaube, dass sie einmal in ihrem Leben Glück haben sollte, loderte in ihrem Blick. Sie ist bei ihrer Meinung geblieben.“

„Und, Maria, was ist aus ihr geworden?“ wollte Melanie nun wissen.

„Sie hat sich ganz in sich zurückgezogen. Als sie das Krankenhaus nach der Fehlgeburt verlassen konnte, wurde sie in ein Sanatorium in La Laguna eingewiesen. Als ich sie dort besuchte, sprach sie kein Wort, mit niemandem. Sie starrte mit leeren Augen vor sich hin, ihre Seele war endgültig gebrochen. Ich habe noch ein paar Mal dort angerufen, aber ihr Zustand hatte sich nicht geändert. Dann habe ich es aufgegeben. Möglicherweise ist sie noch im Sanatorium, vielleicht lebt sie auch nicht mehr. Ich weiß es nicht.“

Melanie und Sebastian sahen sich lange an. Diese Geschichte war ihnen an die Nieren gegangen und musste erst einmal verdaut werden.

Fortsetzung folgt…

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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10 Antworten zu Flaschenpost (4)

  1. Brigitte schreibt:

    Und bitte weiter!

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  2. Jouir la vie schreibt:

    Ich komme ja nicht umhin zu glauben, dieser Juan lebt noch, vielleicht irgendwo auf einer kleinen Insel die niemand kennt, darum wohl auch die Flaschenpost…
    Sei lieb gegrüßt
    Kvelli

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  3. Elfe schreibt:

    Ui das ist spannend, ob es ein Happyend gibt? Kaum. Einfach klasse wie Du erzählen kannst -:)
    Liebe Grüsse
    Elfe

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  4. Eva :) schreibt:

    Deine Geschichte ist toll!

    Soviele Aspekte, die Du reinbringst – bin sehr gespannt, wie’s weitergeht!

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  5. rundumkiel schreibt:

    Es muss ja einen Grund geben, warum er seine Nachricht in einer Flaschenpost deponierte. Wenn er, wie Kvelli meint, auf einer Insel gestrandet ist, dann hätte er das ja ganz sicher dort auch vermerkt. Die Nachricht in der Flasche macht ja nur dann Sinn, wenn Juan sicher gewesen wäre, dass Conchetta sie auch nach kurzer Zeit lesen würde. Das wäre aber durch eine Flaschenpost auf dem Meereswege nahezu ausgeschlossen… Schwierig… Spannend… Gibt´s morgen die nächste Folge???

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  6. Lilie schreibt:

    Noch eine Stunde, dann geht’s weiter … 😉

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  7. bruni kantz schreibt:

    Liebe Nachteule, nun mußt Du aber tief in die Schreibe- und Ideenkiste greifen.
    Wir sind alle total gespannt, wie es weitergeht, obwohl es jetzt auch zu Ende sein könnte, oder?

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  8. Anna-Lena schreibt:

    Morgen nachmittag erscheint die letzte Folge.
    So lange müsst ihr euch gedulden.

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