Blühende Landschaften

Der diesjährige Frühling, der uns schon vielerorts ein Sommerfeeling brachte, hat unsere Sinne umhüllt und verwöhnt. Die Blüte der Obst- und Fliederbäume ist nahezu vorbei, in vielen bunten Farben leuchten die Rhododendren und das kräftige  Gelb des Rapses, oft eingerahmt  vom zarten Grün der Laubbäume erfreut das Auge.

 

Und doch – auch eine ländliche Idylle kann seine Wermutstropfen haben.

Seit Wochen werden die Bäume rund um unsere Autobahnauffahrten abgesägt und ihre traurigen Stämme säumen das Straßenbild. Wo einst ein dichter Baumbestand war, öffnet sich der Blick nun auf den nackten Asphalt, auf vollgestopfte Autobahnen und Staus in immer größeren Radien.

Die unzähligen Bäume waren durchaus nicht krank, nein, sie wurden der ‚blühenden Landschaft’, im Sinne einer verbesserten Infrastruktur geopfert, um die Autobahn Richtung Hamburg von vier auf sechs Spuren zu verbreitern.

Wundert es da wirklich, dass neben den zahlreichen ‚Frühlingsopfern’ und damit meine ich besonders die Fahrrad- und Motorradopfer des diesjährigen Frühlings, die angespannten Nerven vieler Autofahrer blank liegen? Nicht selten müssen Menschen, die auf vier Rädern unterwegs sind, in kürzester Zeit das Optimale schaffen.

Die Idylle unserer so blühenden Landschaft und damit meine ich speziell ‚unseren Kiez’ ist seit Tagen durch die Häufung von schweren Unfällen mit tödlichem Ausgang gestört. Dauersirenen von Polizei, Feuerwehr und kreisende Rettungshubschrauber haben das Bild in den vergangenen Tagen geprägt. Und dann gibt es natürlich diejenigen, die immer noch nicht begriffen haben, wie lebensrettend Rettungsgassen sind, anstatt den Unfall mit dem eigenen Handy live und in Farbe aufzunehmen  …

© Text und Fotos:  G. Bessen

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Von Beruf ‚Türmerin’

Von Beruf ‚Türmerin’

Die Bandbreite unserer heutigen Berufsfelder  ist groß. Und doch gibt es immer wieder Berufe, die mich in Erstaunen versetzen. Da ich die Stadt Münster kenne, in der gerade der Katholikentag stattfindet, wird die Türmerin Martje  alle Hände voll zu tun haben.

Mehr erfahrt Ihr hier: https://www.katholikentag.de/aktuell_2018/donnerstag/eine_tuermerin_der_besonderen_art.html

Liebe Türmerin Martje, ich winke mal nach Münster rüber und wünsche weiterhin inspirierende Tage für den  Katholikentag, den ich selbst aus eigenem Interesse von hier aus verfolge. Eine gute Gelegenheit, auch mal ein paar LeserInnen zu deinem schönen Blog zu führen.

Und hier geht es zu der Türmerin Bloghaus: https://tuermerinvonmuenster.de/

 

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Schlossgespenster

Schlossgespenster

Was ist wirklich dran an den Gerüchten und Meldungen rund um das Schloss Dammsmühle, das idyllisch im Naturschutzgebiet der Mühlenbecker Seen nördlich von Berlin in der Gemeinde Wandlitz in Brandenburg liegt?

Ein barockes Schloss mit einer interessanten Geschichte, umgeben von einer fast 30 Hektar großen Parkanlage mit Fischteichen und Obstbäumen, verfällt seit der Wende immer mehr und öffnet den Schlossgeistern Tür und Tor.

1768  von einem Berliner Lederfabrikanten erbaut, 1894  nach Besitzerwechsel mit einem markanten Turm gekrönt, wechselte das Schloss 1929 erneut den Besitzer. Ein Brite und seine jüdische Gemahlin erwarben es, verließen Deutschland jedoch 1938 und so gelangte es nach Enteignung 1940 an Heinrich Himmler.

Die Häftlinge aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen wurden zu sog. „Bau- und Instandhaltungsmaßnahmen“ verurteilt.

Nach dem Untergang des Dritten Reiches wurde das Schloss von sowjetischen Truppen erst als Lazarett, später als Casino für Offiziere der Roten Armee  genutzt, bis der Stasi-Chef Erich Mielke 1959 als Schlossherr einzog und für einen Wirtschaftshof, Gästehäuser und einen unterirdischen Bunker sorgte. Er ließ den Wandelgang, der zum Schloss führte, zu einer Kegelbahn umbauen. Ein verfallenes asiatisches Teehaus im Schlosspark lässt den Glanz dieses ehemaligen Jagdschlosses erahnen.

Der Versuch, ein Restaurant im Schloss zu eröffnen und erfolgreich zu führen, scheiterte vor etwa zwanzig Jahren und nach ein paar Filmdrehs verfiel das Schloss in einen Dornröschenschlaf, aus dem es wohl nicht mehr aufwacht.

Schmierereien und verrammelte Zugänge im Erdgeschoss, offene Fenster in den höheren Etagen und Laternenstümpfe im Park treiben so manchem Besucher fast die Tränen in die Augen.

Und doch erscheinen regional immer wieder Meldungen, es gäbe neue Besitzer, die beschlossen haben, Schloss Dammsmühle zu neuem Glanz zu verhelfen, allerdings mit einem Konzept für eine öffentliche Nutzung für exklusive Kunden mit entsprechendem Geldbeutel.

Es ist die Rede von einer Investition von 50 Millionen Euro und einem Baubeginn in diesem Frühjahr.

Ich kann mir nicht helfen, aber mit Geld wird in unserer Region mehrfach herumgeschmissen und von Eröffnungszeiten, die immer wieder verschoben werden, klingeln nicht nur mir die Ohren.

Verlässlich ist scheinbar nur die Idylle des Parks um Schloss Dammsmühle, sein Oasencharakter, der Ruhe und Frieden und einen Hauch von Ewigkeit ausstrahlt …

Quelle zu den Zahlen https://www.berliner-kurier.de/4885502, 2018 und Wikipedia

Fotos: G. Bessen, Mai 2018

 

 

 

 

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Aktuell: Die DSGVO und wordpress.com

Die Verwirrung ist bisher groß und die Lust zum Bloggen wird auch bei mir geschmälert (einige Blogs sind sogar schon in Eigenregie gelöscht worden), daher sollten wir jede Info nutzen, die es zur bevorstehenden DSGVO gibt.

neuesvomschreibtisch

In den letzten Wochen habe ich auf verschiedenen wordpress.com-Blogs Beiträge gelesen, in denen die Betreiber sich Sorgen machten, wie sie ihre Blogs DSGVO-konform gestalten können. Auch mich umtreibt diese Frage schon länger, deshalb habe ich mich entschieden, diesen kurzen Beitrag dazu zu verfassen. Vielleicht hilft er dem einen oder anderen weiter und nimmt Euch ein bisschen die Panik.

DSGVO – Was ist das eigentlich?

Am 28.05.2018, also in etwa einem Monat, tritt in der Europäischen Union die Datenschutz-Grundverordnung, kurz DSGVO (englisch: General Data Protection Regulation, kurz GDPR), in Kraft. Mit dieser Verordnung werden die Regeln zur Verarbeitung personenbezogener Daten EU-weit vereinheitlicht. Dies dient einerseits dem Datenschutz, andererseits wird dadurch der freie Datenverkehr innerhalb des europäischen Binnenmarktes sichergestellt. Welche Regeln das en Detail sind, kann und möchte ich an dieser Stelle nicht komplett auflisten. Hier findet Ihr den offiziellen Gesetzestext, wenn Ihr Euch diese spaßige Lektüre nicht entgehen lassen wollt. Grundsätzlich…

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Kerzen der feinen Art

Auch wenn die Tage wieder
länger geworden sind,
staune ich über die Kerzen
der besonderen Art,
die sich überall
in weiß und rosa
zum Licht strecken.

© Text und Fotos G. Bessen

Der Mensch muss ein
Schutzengel der Erde werden.

Leonardo Boff

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Auf zwei Rädern

Kaum ist der Frühling ins Land gezogen, zieht das Gefühl der Freiheit die Menschen vermehrt auf die Straße, die schnellen auf die Motorräder und die langsameren auf die Fahrräder. Und gleichzeitig häufen sich die Meldungen in den Nachrichten über die steigenden Unfallzahlen derer, die ihr Leben im Straßenverkehr verloren haben – unsagbar traurig, sinnlos und sicherlich auch vermeidbar.

Am 8. April, dem ersten sonnigen Frühlingssonntag dieses Jahres, war ich zu einer Feier eingeladen, die am Vormittag begonnen hatte und nachmittags in einem Schlosspark fortgesetzt wurde.

Auf der Landstraße dorthin kam mir ein Krankenwagen mit Blaulicht entgegen und ich stand bald vor einer Absperrung. Als ich vorging und den Feuerwehrbeamten fragte, wie lange die Sperrung wohl noch dauern würde, antwortete er betreten, dass wir alle besser wenden sollten, man warte auf einen Bestatter und das könne dauern.

Ein Motorradfahrer um die fünfzig war frontal in ein Auto gerast und noch am Unfallort gestorben. Ein Blumenstrauß und ein Grablicht am Straßenrand erinnern seither an diesen Unfall.

Zwei Tage später, nur wenige Kilometer weiter, starb in der Stadt meines Brötchengebers an einer viel befahrenen Kreuzung eine 59-jährige Radfahrerin, die von einem nach rechts abbiegenden Lkw überfahren und getötet wurde.

Ein weißes Geisterfahrrad, mit Blumen geschmückt und mit brennenden Kerzen rundherum, erinnern an diesen Unfall. Bei einer Mahnwache an der Todeskreuzung gedachten viele Menschen der Toten.

Die sinnlosen Tode dieser beiden Menschen,  das weiße Mahnfahrrad, sollte uns alle aufrütteln und unser eigenes Fahrverhalten mal wieder vor Augen führen, denn oft sind unsere Fahrten von A nach B so zur Routine geworden, dass der eine oder andere Blick, vielleicht Leben rettend, unterbleibt. Wir haben nur das eine Leben und ein wenig mehr Rücksicht aufeinander kann so manches Leben bewahren.

©Text und Fotos: G. Bessen

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Leben

Marc Aurel, mit vollständigem Namen
Marcus Aurelius Antoninus Augustus,
geb. in Rom 121 n.Chr., gest. in Österreich 180 n. Chr.,
war von 161 – 180 Römischer Kaiser
und ein bedeutender Philosoph

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Der Raum der Stille

Der Raum der Stille

Mitten im quirligen Berlin, dort, wo vor fast dreißig Jahren die Mauer fiel, lädt am nördlichen Torhaus im Brandenburger Tor ein Raum der Stille zum Verweilen ein.

Der Raum der Stille ist keiner Konfession gewidmet und ist für jeden Menschen da, der – auch gerade an diesem geschichtsträchtigen Ort – verweilen, ausruhen, meditieren oder beten will.

Im schlicht gestalteten Raum der Stille, der etwa 30 qm groß ist, findet der Besucher Sitzgelegenheiten und einen Wandteppich (gewebt von Ritta Hager aus Budapest) mit dem Thema: „Licht, das die Finsternis durchdringt“.

Geschwisterlichkeit, Toleranz und Frieden sind die Grundlagen, auf denen ein Neben- und Miteinander aller Menschen möglich ist. Gerade in der heutigen Zeit, in der der Frieden so bedroht ist, sollten wir uns daran erinnern und entsprechend leben und handeln.

„Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht mehr von Krieg gepeinigt, nicht mehr von Hunger und Furcht gequält, nicht sinnlos nach Rasse, Hautfarbe und Weltanschauung getrennt werden. Gib uns Mut und Kraft, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen ‚Mensch‘ tragen.“

(Gebet der Vereinten Nationen)

Mehr Informationen  hier

© Text und Foto: G. Bessen 4/18

 

 

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Metamorphose (2)

Wenn man den Begriff Metamorphose sehr frei, weg von den engen Grenzen der Zoologie oder Geologie, Literatur, Kunst und Kultur oder auch der Mythologie betrachtet, so passt das Bild der Protagonistin der folgenden Geschichte durchaus zum Begriff der Metamorphose, denn sie hat ihre Verwandlung mit allen Höhen und Tiefen erlebt.

***************

Es war ein kühler Abend. Nele saß mit Matthias, ihrem Mann, am knisternden Kamin. Sie zog die Strickjacke enger um ihre Schultern und schmiegte sich eng an Matthias dabei blickte sie  in die lodernden Flammen. „Schatz, hast du es je bereut, dass wir diesen Schritt gewagt haben?“, fragte sie. Erwartungsvoll blickte sie zu ihm auf. „Nein, ich nicht, im Gegenteil, wir hätte ihn schon früher wagen sollen.“ Dabei schaute er ihr tief in die Augen. „Darauf wollen wir anstoßen“, sagte Matthias lachend. Beide nahmen ein Glas mit rubinrotem Wein und prosteten sich zu. Nele lächelte, innerlich entspannt und in der Gewissheit, dass sie beide das Gleiche empfanden.

Ihre Gedanken gingen zurück in die Zeit, in der sie noch ganz anders empfand und ihr Leben einer Nussschale auf offener See glich. Drei Jahre war das nun her und in diesen Jahren war viel passiert …

Nele saß mit ihren Freundinnen in einer Kneipe mitten im Bezirk Prenzlauer Berg. Der Abend war schon weit fortgeschritten und die vier Frauen, die sich einmal im Monat dort trafen, waren nach einigen Gläsern Rotwein heiter und ausgelassen.

„Mädels, ich muss euch etwas sagen“, ergriff  Nele das Wort und hob gleichzeitig ihr Glas, um mit den Freundinnen auf das, was sie zu sagen hatte, anzustoßen. Und Helen, Samira und Gesine hoben ihre Gläser ebenfalls und blickten Nele erwartungsvoll an.

„Matthias und ich haben ein Haus gekauft und ziehen aufs Land. Ja… ähm, bald schon.“ Nele blickte ihre Freundinnen an, die ihrerseits Nele anstarrten und eine nach der anderen stellte ihr Glas wieder ab. „Was willst du Stadtpflanze denn auf dem Land? Da gehst du doch ein wie eine Primel!“, sagte Gesine, die als erste ihre Sprache wiedergefunden hatte. „Du Nachtschwärmer willst dorthin, wo zeitig die Bürgersteige hochgeklappt werden? Das glaubst du doch selbst nicht!“, konterte Helen. „Du hast wohl zuviel getrunken, oder fangen die Wechseljahre bei dir schon an!?“, lachte Samira und prostete den anderen zu, als hätte Nele einfach mal wieder einen Witz gerissen.

„He, spinnt ihr? Das ist mein voller Ernst!“, protestierte Nele und begann zu erzählen, warum Matthias und sie sich zu diesem Schritt entschlossen hatten und wie ihre zeitnahe Planung aussah. Nicht lange nach diesem Abend begannen Nele und Matthias an den Wochenenden mit dem Umbau und der Renovierung ihres gekauften Häuschens in Schönfließ, dem westlichsten Teil des Mühlenbecker Landes, nur wenige Kilometer von der nördlichen Berliner Stadtgrenze entfernt.

Waren die Freunde und Bekannten von Nele und Matthias doch anfänglich sehr irritiert, denn im Gegensatz zu der quirligen Nele traute man dem geerdeten Matthias diesen Schritt problemlos zu, so packten im Laufe der Zeit immer mehr helfende Hände mit an. So wurde so nach und nach aus einem kleinen, sehr renovierungsbedürftigen Haus aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, mitten im alten Angerdorf Schönfließ mit etwas mehr als zweitausend Seelen, ein kleines Schmuckstück.

Während Matthias, gebürtig aus Schleswig-Holstein, keinerlei Anpassungsprobleme hatte, erlebte Nele, durch und durch ein Stadtmensch, eine Zeit, die einer Achterbahnfahrt ähnelte.

Allein von ihrem Äußeren her schien Nele so gar nicht ins Ländliche zu passen. Ihre eher vielfarbige Kleidung aus diversen Secondhandläden, oft passend zu der einen oder anderen bunten Haarsträhne und ihre Piercings, die von der Oberlippe zum Ohr und wieder zum rechten oder linken Nasenflügel wechselten, fielen doch in der eher angestammten Dorfbewohnerschaft auf, sodass man dieses seltsame Pflänzchen, das sie in Nele wahrnahmen, anfänglich sehr skeptisch betrachtete.

Matthias, von Beruf Lehrer,  konnte von Berlin-Mitte bald ins private Gymnasium nach Glienicke wechseln. Sein kurzer Fahrweg, den er bei schönem Wetter per Fahrrad zurücklegte, wurde für ihn zu einer neuen Lebensqualität. Nele hatte beschlossen, ein Jahr zu pausieren und ihre Erzieherinnenstelle in Berlin gekündigt. Eine kleine Erbschaft hatten ihr den Hauskauf und eine berufliche Auszeit ermöglicht. So gerne Nele auch mit Kindern arbeitete und noch viel lieber Trubel um sich hatte, gewöhnte sie sich nach anfänglichen Startschwierigkeiten so langsam an die Ruhe des Landlebens.

Als der Umzug ins neue Haus anstand, hatten Gesine und Helen sich ein paar Tage Urlaub genommen, um zu helfen. Ein Rundgang durch das Dorf dauerte nicht lange und Gesine reagierte dementsprechend entsetzt.

„Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? In diesem Kaff gibt es nicht mal einen Laden mit Brötchen oder Zeitungen! Hier gibt es schlichtweg gar nichts!

Irgendwo mitten in der Pampa eine S-Bahn-Station, die einen in die Zivilisation bringt. Neee, hier möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen.“

Auch Helen gab im Brustton der Überzeugung zu, dass sie sich  hier etwas mehr Leben  vorgestellt hatte, und fragte sich im Stillen, wann Nele den Rückzug in die Stadt antreten würde, denn daran hatte Helen nicht den geringsten Zweifel.

„Wir haben ein Auto, Fahrräder und Berlin ist ja nur wenige Kilometer entfernt. Und die anderen Orte um uns herum haben ja auch Geschäfte und ein wenig mehr ist da schon los.“ Nele wirkte etwas kleinlaut, was bei  ihrer sonst eher großen Klappe doch  sehr auffällig war.

Und so erlebte sie ihre eigenen kleinen Startschwierigkeiten, die sie aber meistens mit sich alleine ausmachte, denn Matthias lebte regelrecht auf und hatte in seiner neuen Schule doch eine Menge zu tun. Er schloss schnell Kontakt mit seinem Kollegium und auch die Eltern seiner Schülerinnen und Schüler waren sehr von ihm angetan.

Die unmittelbaren Nachbarn waren sehr freundlich zu Nele, und nachdem diese mehrfach dem Müllwagen hinterher gerannt war, weil sie vergessen hatte, rechtzeitig die Papiertonne oder die gelben Säcke rauszustellen, fand sie nun am Abend zuvor einen nachbarschaftlichen Hinweiszettel im Briefkasten: Morgen ist Papiermüll – Bitte die Mülltonne rausstellen – Gelbe Säcke werden abgeholt.

Sie revanchierte sich bei den mitfühlenden Nachbarn mit selbst gebackenem Kuchen, wobei sie nicht zu der Generation gehörte, die Backtraditionen ihrer Großmütter oder Mütter pflegte. Nein, wer nicht arbeiten muss und ohnehin in eine neue Lebensphase startete, der konnte ja auch neue Rezepte ausprobieren. Ihr Lieblingskuchen wurde der „Surprise-Inside-Cake“, ein Kuchen mit zwei Biskuitböden, einer sündhaft kalorienreichen Creme und einer Vielzahl süßer Schokolinsen von innen und außen. Sie liebte „Cupcakes mit Vanillecreme“ und der letzte Schrei wurden „Vegane Apfeltörtchen“. Mit all diesen süßen Kreationen konnte Nele in ihrer unmittelbaren Umgebung allerdings keinen wirklichen Blumentopf gewinnen und so kehrte sie doch gelegentlich zu traditionellem Käse- oder Streuselkuchen zurück, um sich für wertvolle Tipps und Hinweise in ihrer Nachbarschaft zu bedanken.

Matthias hatte zwar keine zwei linken Hände und war auch nicht ungeschickt, aber bei Neles extravaganten Gartengestaltungswünschen zog er doch des Öfteren die Notbremse.

Motiviert, möglichst viel aus dem heimatlichen Garten auf den Tisch zu bringen, legte sie Beete an, verschlang Gartenbücher, wie man was und wo und warum anbaute, und hatte nach dem ersten Erntejahr doch gestrichen die Nase voll. Matthias’ mühevoll gebaute Hochbeete verkümmerten seitdem als Komposthaufen einerseits und über dem anderen stand ein Gewächshaus.

Wirsingkohl und Brokkolisetzlinge konnte man eigentlich nicht verwechseln, es sei denn, man hieß Nele und hatte sein bisheriges Leben mitten in der Großstadt mit einem einzigen Blumenkasten auf einem winzigen Balkon verbracht. Matthias ernährte sich schon grundsätzlich gern gesund, aber jeden Abend Karotten und Salat wären auch dem tolerantesten Hasen zuviel geworden. Manch andere Gemüsesorte war dem Schneckenfraß zum Opfer gefallen oder schlicht in den besten Gießabsichten der unerfahrenen  Landfrau ertrunken.

Das Gewächshaus über einem Hochbeet war eindeutig ein Kompromiss geworden und jährliche Tomatenstauden und ein paar Kräuter erfreuten sich seitdem ihrer dortigen Behausung mit einem Dach über dem Kopf. Hatte Nele zu Anfang ihrer baulichen Tätigkeiten noch begeistert Kräutertees kreiert und gekocht, so hatte sie sich mittlerweile an die oft mitgebrachten Kräuterschnäpse gewöhnt, die die Nachbarn zum ‚Baustellenwatching’ gern mitbrachten. Ihre Vorstellung von einer passenden Hausfassadenfarbe ging anfänglich doch an den Geschmäckern der unmittelbaren Nachbarn vorbei und auch Matthias hatte alle Mühe, seine Angetraute  in die richtige Geschmacksrichtung zu bugsieren. Dem Charakter eines Angerdorfes mit langer landwirtschaftlicher Tradition konnte man nicht plötzlich mit schreiend grellen Farben entgegentreten  und so konnten sie sich letztendlich auf eine Farbe einigen, die die zurückkehrenden Störche, die im nachbarschaftlichen Storchenhorst seit vielen Jahren lebten,  nicht beim Landeanflug irritierte.

Im ersten Winter bekam Nele einen regelrechten Winterblues. Das frühe Hochklappen der Bürgersteige war doch gewöhnungsbedürftig.

Spontane Kinobesuche oder ein Bierchen in der Kneipe nebenan waren nur noch mit einem höheren Mobilitätsaufwand zu bewerkstelligen.  Matthias hatte oft bis in den späten Abend zu tun und Neles Freundinnen lebten in Berlin. Als Folge einer leichten Nachtblindheit fuhr sie  ungern bei Dunkelheit längere Strecken mit dem Auto.

Doch – wofür gab es Busse? Nele brezelte sich an einem eiskalten Novemberabend auf und stand schlotternd mit ihren High Heels an der Bushaltestelle, um mit dem Dorfbus zum nächstgelegenen S-Bahnhof nach Berlin zu fahren. Dort war zivilisatorisch die Welt ja wieder in Ordnung. Der Bus kam – und fuhr vorbei. Nele blickte ihm entsetzt hinterher, riss die Augen auf und rannte, winkend mit der Handtasche hinter dem Bus her – vergeblich. Der Nachtblindheit zum Trotz stapfte sie wütend nach Hause, setzte sich in ihr Auto, fuhr nach Berlin, stellte ihr Auto am S-Bahnhof ab und fuhr in die Stadt. Am nächsten Morgen erklärte ihr Sabine, eine Nachbarin, mit der sie sich angefreundet hatte, dass es üblich wäre, dem Busfahrer mit einer Taschenlampe zu signalisieren, dass man mitfahren möchte. Zu oft schon hatten  die Reisefreudigen den Bus kommen sehen, aber der Busfahrer die wartenden Passagiere nicht.

Nele gewöhnte sich an das Leben auf dem Land und die Ruhe, die sie nun immer mehr als eine positive Begleiterscheinung empfand, legte sich auf ihre Seele. Sie erkundete ihre neue Heimat in immer größeren Radien, zu Fuß oder mit dem Rad, schloss Bekanntschaften, die zu Freundschaften wurden, und wurde auch herzlich in den neuen beruflichen Kreis um Matthias integriert. Sie selbst trat nach einem Jahr eine neue Stelle im Nachbarort an und erfuhr von Anfang an vorbehaltlos viel Zuspruch.

Viel Zeit ist seitdem ins Land gegangen.

Das kleine Häuschen mitten im Angerdorf  Schönfließ erstrahlt nun zu jeder Jahreszeit als ein Hort, verankert im sozialen Gefüge des Dorfes und jeder Gast, egal ob von nah und fern, ist gern gesehen.

Die sozialen Kontakte nach Berlin sind  geblieben und werden von allen Seiten wie ein zartes Pflänzchen gehegt und gepflegt. Gleichzeitig erden sich  die neuen Bande und schlagen Wurzeln.

Im Herzen gibt es keine Kilometer.

© Text und Fotos: G. Bessen, April 2018

 

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Metamorphose

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