Finger weg!

Finger weg!

Schweigend verließen sie die Wohnung, ein jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Sie waren erschüttert und fassungslos, doch sie waren in ihren Bemühungen einen entscheidenden Schritt weiter gekommen. Wochenlang hatte sich die ‚Helferrunde‘ bemüht, ihre Beobachtungen, Erfahrungen und Befürchtungen zusammenzutragen und auszuwerten, um einen entscheidenden Vorstoß zu wagen.

Als Fabian mit drei Jahren in den Kindergarten aufgenommen wurde, unterschied er sich deutlich von den anderen Kindern seines Alters. Er war noch nicht sauber und sprach kaum ein Wort. Seine ihm eigene Art, sich zu artikulieren bestand darin, zu kratzen und zu beißen, sobald sich ein Kind ihm zu sehr näherte. Nähe bedeutete für ihn Gefahr. „Hau ab“ und „Geh weg“, diese Worte dominierten in seinem begrenzten Sprachschatz.

Seine ältere Schwester Tanja besuchte den Hort der Kindertagesstätte und war somit seine Eintrittskarte. Die Familie war den Erzieherinnen bestens bekannt.

Fabian gewöhnte sich langsam ein. Als Integrationskinder kamen die Geschwister in den Vorzug, für einige Stunden in der Woche eine besonders intensive Einzelbetreuung zu genießen. Er lernte, sich angemessen zu artikulieren, Regeln und Grenzen zu akzeptieren und fühlte sich so wohl im Kreis Gleichaltriger, dass er freitags oft fragte, warum er nicht am Samstag und am Sonntag in den Kindergarten kommen könne.

Nach dem Wochenende schien das, was die Erzieherinnen im Laufe der Woche erreicht hatten, zu Hause wie ein Kartenhaus wieder eingestürzt zu sein, ein deutliches Zeichen, dass zu Hause nicht alles zum Besten stand.

„Schläfst du auch mit kleinen Kindern?“, fragte Tanja eines Nachmittags ihren Horterzieher, während er sie bei den Schulaufgaben betreute. Sie liebte es, mit anderen Mädchen nachmittags in einer Kleiderecke zu spielen. Mit der ausrangierten Kleidung Erwachsener und ein wenig Schminke genossen es die Mädchen, die ‚Grande Dame‘ zu spielen.

Die hygienischen Verhältnisse in der Familie standen nicht zum Besten. Tanja musste morgens oft im Kindergarten geduscht und frisch angezogen werden, um sie in die Schule schicken zu können. Daher war es um so verwunderlicher, dass die Mutter einmal schier lautstark ausrastete, als sie ihre Tochter abholen und sie in einem Erwachsenenkleid und Lippenstift und hochgesteckten Haaren vorfand. Sie wies die Erzieherinnen an, darauf zu achten, dass Tanja sich nicht schminke, das sei schädlich für die Haut. Diese Haltung war eindeutig, die Tochter entwickelte sich mit ihren knapp zwölf Jahren zu einem attraktiven Mädchen, das in den Augen der Mutter durchaus zur Konkurrentin wurde.

Eine zu kleine Wohnung mit feuchten Wänden für vier Personen, in der sich Zigarettenrauch und der Dunst von Alkohol mischten, streitende Eltern, die mit sich und der Welt unzufrieden waren, selbst aber unfähig, an ihrer Lage etwas zu ändern, das war das Elternhaus von Tanja und Fabian.

Die Mutter hatte in der Kindertagesstätte viele Ansprechpartnerinnen und nahm jede Hilfe dankbar an, auch den wohlgemeinten Rat zur genauen Verhütung bis hin zur Sterilisation. Doch es blieb nur beim Wunsch, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen.

Als die kleine Jenny mit acht Monaten in den Kindergarten kam, lag der Verdacht des sexuellen Missbrauchs an Tanja und Fabian schon schwer in der Luft. Tanja musste aus Altersgründen den Hort verlassen, als Jenny kam. Sie hatte mehrere Jahre eine Spieltherapie bekommen, die sie jedoch nicht ausreichend gefestigt hatte. Sie lief mehrfach von zu Hause weg und wurde immer wieder von der Polizei aufgegriffen.

Fabian umsorgte seine kleine Schwester, die er abgöttisch liebte. Wollte er sie beschützen? Er selbst war gerade in die Schule gekommen und hatte wieder eigenartige Verhaltensmuster. Er schockte die Kinder, indem er Insekten aß, Regenwürmer suchte und sie verspeiste und alles in den Mund nahm, was in irgendeiner Form einem erigierten Penis ähnelte. Seine Aggressionen anderen Kindern und den Erziehern gegenüber ließen sich oft nur schwer bändigen.

Jugendamt, Schule und Kindertagesstätte arbeiteten bereits zu diesem Zeitpunkt eng zusammen. Als Fabian anfing, im Kindergarten großzügig Süßigkeiten zu verteilen, was sicher nicht dem Geldbeutel der Eltern entsprungen war, wurde er nach der Schule aus sicherer Entfernung beobachtet.

Ein neu eröffneter Aldi war sein erstes Ziel nach der Schule. Ungeniert klaute er die Süßigkeiten aus den Regalen, schaute sich um und ließ sie in seiner Schultasche verschwinden. Untypisch war, dass er immer in der Nähe der Kasse klaute und Gefahr lief, gerade da erwischt zu werden. Das war ein weiterer Hilferuf, den er deutlich signalisierte.

Recht schnell kam dann  alles ins Rollen, ausgelöst durch die Verhaftung eines alleinerziehenden Vaters, der seine beiden Söhne sexuell missbraucht hatte. Dieser Vater war ein Bekannter der Familie, bei dem Fabian und Tanja oft auch über Nacht waren, wenn ihre Eltern in der Kneipe versackt waren.

Mittlerweile war das vierte Kind geboren worden, ein schmächtiger, kränklicher Junge, der die Aufmerksamkeit seiner Mutter massiv einforderte und sie damit überforderte. Als das Kind plötzlich an Pseudokrupp starb, ließen die Eltern erstmalig offenere Gespräche zu.

Als die Helferrunde sich an diesem Abend in der Wohnung traf und den Verschlag zu sehen bekam, in dem der kleine Fabian gehaust hatte, war jedem klar, dass er lieber vierundzwanzig Stunden im Kindergarten verbracht hätte, als in dieser Dunkelkammer. Seine kleinen kräftigen Hände hatten unzählige Löcher ins Mauerwerk gekratzt, aber einen Weg zur Flucht hatte er sich dadurch nicht schaffen können.

Fabian wurde mit Einverständnis der Eltern in eine Pflegefamilie nach Schleswig-Holstein gebracht, in der er mit viel Liebe und Geborgenheit aufwachsen konnte.

© G. Bessen

In diese Geschichte war ich vor vielen Jahren als Pädagogin involviert, die Namen sind geändert.

Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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27 Antworten zu Finger weg!

  1. sweetkoffie schreibt:

    Man möchte nur noch weinen 😢

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  2. Hedwig Mundorf schreibt:

    einfach nur schlimm, diese Geschichte, aber leider nicht ganz so selten, wie man wahrscheinlich denkt.

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  3. Christiane schreibt:

    So, wie du es beschrieben hast, scheint es lange gedauert zu haben, bis jemand eingegriffen hat. Liest sich ziemlich erschütternd.
    Ist bekannt, wie es den Kindern, die ja inzwischen erwachsen sein müssen, heute geht?
    Ich verstehe, dass man das nicht vergisst.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    • Anna-Lena schreibt:

      Es war erschütternd, liebe Christiane, denn das Thema Missbrauch ist so vielfältig und die Ansatzpunkte sind so dünn, sich da vorzuarbeiten und dazu noch mit Erfolg, ist nicht einfach.

      Zu oft gibt es Vorverurteilungen, ein sich- nicht- herantrauen und eine Menge Berührungsängste.

      Was aus den Kindern geworden ist, weiß ich nicht, ich habe ja die Arbeitsstelle irgendwann von Berlin nach Brandenburg gewechselt. Vielleicht ist es auch gut so.
      Ich selbst habe den Jungen damals auf Bitte des Jugendamtes nach Schleswig-Holstein in die Pflegefamilie gebracht und diese Aktion für mich mit einem Gefühl, alles mögliche getan zu haben, beendet.

      Einen lieben Gruß zu dir!

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  4. Babbeldieübermama schreibt:

    Entsetzlich!!!
    Man kann nur hoffen, dass die Kinder diese furchtbare Kindheit mit Hilfe von Pflegefamilie und Psychologen gut verkraftet haben.

    Gefällt 1 Person

  5. Ulli schreibt:

    So gruselig was sich hinter vielen Fenstern abspielt! Und es ist nicht so einfach zu helfen, wie man zuerst meint. Gut, dass hier geholfen werden konnte, wobei dies so eine schwere Traumatisierung ist, dass ich bezweifel, dass diese ganz aufzulösen war/ist. Mir tun solche Geschichten immer weh.
    herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • Anna-Lena schreibt:

      Weißt du, liebe Ulli, wir können die Welt nicht retten, aber wir können aufmerksam sein und da ansetzen, wo sich eine Hilfestellung bietet.
      Das fängt oft im Kleinen an und kann große Kreise ziehen.
      Ich erinnere mich, dass wir damals wirklich viele waren, die an einem Strang gezogen haben und auch etwas erreicht haben, obgleich ich lange Zeit Albträume hatte.

      Liebe Grüße
      dir,
      Anna-Lena

      Gefällt 3 Personen

  6. books2cats schreibt:

    So traurig, und wahrscheinlich häufiger als man denkt… 😥 Ich hoffe, dass die Kinder noch eine nette Familie gefunden und ein besseres Leben vor sich haben. Obwohl ich mir nicht vorstellen mag, wie man so etwas Grausames je verarbeiten sollte. LG, Susanne

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  7. mynewperspective schreibt:

    Mir fehlen die Worte.

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  8. Werner Kastens schreibt:

    Das rüttelt einen richtig durch!

    Gefällt 1 Person

  9. Da die für die Prävention und Beseitigung solcher Zustände Verantwortlichen (Bundestag, Landttage, Bundesregierung, Landesregierungen, Bundesrat) nicht das Erforderliche (gesetzliche Grundlagen, Verordnungen, personelle Ausstattung …) tun, um solche Zustände zu vermeiden und zu beseitigen, kann ich nur davon sprechen: Solche Zustände sind politisch gewollt. Und die Nichtwähler und die Mehrheit der Wähler wählen immer wieder solche Personen in ihre Ämter. Es werden stattdessen die neuesten Waffensysteme angeschafft und die ältesten Kriegs-Segelschiffe renoviert. | Wenn wir anfingen, für jedes mißbrauchte Kind einen Stolperstein zu setzen, unsere Gehwege glänzten golden. | Danke für diese Geschichte, so traurig sie auch ist. | Liebe Grüße, Bernd

    Gefällt 1 Person

    • Anna-Lena schreibt:

      Danke für deinen so bereichernden Kommentar, lieber Bernd. Ja, ich denke, es könnte so vieles vermieden werden, wenn Menschen in führenden Positionen den Blick auf das Wesentliche, DEN MENSCHEN, richten würden.

      Dein Hinweis zu den Stolpersteinen ist so wahr und da läuft mir ein Schauer über den Rücken.

      Liebe Grüße auch dir,
      Anna-Lena

      Gefällt 1 Person

  10. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Schrecklich und kaum vorstellbar und doch geschieht es immer wieder. Ich weiß, dass es
    geschieht und oft wird es niemals bekannt. Doch die Therapeuten bekommen Zulauf und wissen viel. Es ist schwierig einzugreifen. Die Beweise müssen schon handfest sein…
    Bei Euch war es ja am Ende so, liebe Anna-Lena, und doch liegen so viele Mißbrauchsfälle im Dunkel der Psyche, bis etwas geschieht, was aufmerksam macht…

    Ganz herzlich, Bruni aus dem sonnigen Sonntagmittag

    Gefällt 1 Person

  11. seelenfeuerblog schreibt:

    Sehr traurig ☹️

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  12. mrsweasly schreibt:

    oh man anna-lena, mir fehlen die worte und der atmen….

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  13. Ministrolch schreibt:

    Eine traurige Geschichte. Aber wenigstens konnte dann doch noch etwas zum Guten verändert werden. Vieles wird nicht aufgedeckt, manchmal auch aufgrund der Ignoranz der Ämter. Manchmal wird auch sehr gut vertuscht. Für Außenstehende ist dann schwer zu erkennen, was sich in den Familien abspielt.

    Gefällt 1 Person

    • Anna-Lena schreibt:

      Wer mit der Thematik konfrontiert wird, braucht viel Geduld und Fingerspitzengefühl. Das Beweisen ist ebenso hart und schwierig wie das zu Unrecht verurteilen, denn auch das kann im Übereifer schnell geschehen.

      Danke für deinen Kommentar und herzliche Grüße,
      Anna-Lena

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