Vom Traum zum Trauma

Polizisten, Feuerwehrbeamte, Rettungssanitäter, Ärzte und Busfahrer (um nur einige Gruppen zu nennen) sind heute immer größeren Gefahren ausgesetzt. Respekt und Achtung gehen immer mehr verloren und wenn Menschen in Ausübung ihres Berufes anderen helfen wollen, werden sie in ihrer Arbeit nicht selten behindert.

Schlimm, wenn sie selbst zum Opfer sinnloser Gewalt werden und so ihr Leben zerstört wird.

Vom Traum zum Trauma

Alles war anders geworden. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr bestieg er „seinen“ Bus an der Endhaltestelle. Der Kollege, den er ablöste, war ehrlich erfreut, ihn wieder zu sehen und wünschte ihm eine gute Fahrt.

Er hatte sich lange auf diesen Tag vorbereitet und gefreut, aber sein Empfinden sprach plötzlich eine andere Sprache. Er bemerkte die Schweißperlen auf seiner Stirn, fühle seinen Puls rasen und wäre am liebsten wieder ausgestiegen.

Schon als Kind hatte er nur einen Berufswunsch, einen großen gelben Bus zu fahren. Er hatte sich seinen Traum erfüllt und seit fast zwei Jahrzehnten saß er auf dem Bock des großen Berliner Stadtbusses.

Er fuhr die erste Haltestelle an. Es regnete in Strömen und die Menschen drängten sich in den warmen Bus, der sie ihrem Arbeitsplatz näher bringen würde.
Er war einer der wenigen Busfahrer in Berlin, der seine Gäste beim Einsteigen freundlich gegrüßt hatte. Heute brachte er kaum eine Silbe über seine Lippen, er redete nur das nötigste und beantwortete Fragen zu Fahrpreisen und Umsteigemöglichkeiten. Doch er betrachtete jeden Zusteigenden genau.
Obwohl sein Therapeut ihn theoretisch sehr einfühlsam auf diese Anfangsschwierigkeiten vorbereitet hatte, war die Praxis eine andere, wie er gleich zu Dienstbeginn merkte. Er hoffte inständig, dass sich dieses flaue Gefühl in der Magengegend bald legen würde und er zu seiner alten Form zurückkehren würde.

Das war nicht er, Friedrich Mentzel, achtunddreißig Jahre alt, groß, stattlich, immer guter Laune und unerschrocken.
Er war unsicher, argwöhnisch und misstrauisch.
Sie hatten sein Leben auf den Kopf gestellt, die drei Jugendlichen, die ihn vor einem halben Jahr an einer Endhaltestelle brutal überfallen hatten. Das Messer zwischen den Rippen hatte die Lunge nur knapp verfehlt. Nachdem er zu Boden gefallen war, hatten sie ihn brutal getreten. Blutüberströmt, bewusstlos und mit mehreren gebrochenen Rippen hatten ihn Passanten gefunden und sofort einen Rettungswagen angerufen.

Wochenlang lag er im Krankenhaus. Seine körperlichen Wunden verheilten, seine traumatischen Erlebnisse konnte er trotz einer Therapie nicht so schnell verarbeiten. Seine schlimmste Erfahrung war jedoch, dass er nicht mehr an das Gute im Menschen glaubte. Und er hatte Angst, denn die Täter waren immer noch auf freiem Fuß.

© G.Bessen

Anmerkung: Diese Geschichte ist Fiktion, aber durchaus vorstellbar.

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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25 Antworten zu Vom Traum zum Trauma

  1. Werner Kastens schreibt:

    Ich glaube, wir alle erliegen dem Wunschdenken, dass Freiheit und Demokratie zwangsweise auch eine bessere Welt bedeutet, in der sinnlose Gewalt keinen Platz mehr hat. Und dass Schule, Umfeld und Staat Garanten dafür wären. Früher haben wir (ich spreche von meiner Generation der 50er Jahre uns als „Halbstarke“ ausprobiert, um zu zeigen wie stark wir waren, wie unabhängig und wie rebellisch wir denken konnten, um uns abzunabeln. Aber es wurde noch ein gewisser „Anstand“ oder Grenzen gewahrt. Die werden leider heute aber mehr und mehr eingerissen, weil auch die „Leitplanken“ längst nicht mehr fest verankert sind. Zunehmende Korruption, Gier, Ausbeutung (Billiglohnland BRD), Unentschlossenheit der Regierenden und fehlende Ziele tun da ihr Übriges.
    Aber vielleicht ist es wie bei den Alkoholikern: erst muss alles in der Gosse liegen, bevor man die grundsätzlichen Dinge angeht.
    Schade für Alle!

    Gefällt 3 Personen

    • Anna-Lena schreibt:

      Gewisse Grenzen – ja, die haben wir gewahrt und ich sehe es wie du, dass immer mehr Grenzen einfach übertreten werden und man sich über die Folgen überhaupt keine Gedanken macht.

      Doch zu warten, bis alles in der Gosse liegt, wie du es so schön formuliert hast, ist m.E. zu spät.
      Jetzt und jederzeit und wir alle sind gefragt, aufmerksam zu sein und auf Grenzen hinzuweisen und auf deren Einhaltung zu achten.
      Jeder an seinem Platz im Leben und mag er auch noch so klein und begrenzt sein, kann etwas tun.

      Gefällt 1 Person

  2. Rachel schreibt:

    Ja, sie ist vorstellbar und schon oft Realität gewesen. Es ist schlimm, viele Menschen verrohen, haben Spaß an Gewalt.
    Danke dafür!
    LG, Rachel

    Gefällt 3 Personen

  3. Christiane schreibt:

    Ich stelle mir vor, dass er nur der falsche Mensch am falschen Platz war. Trotzdem gar nicht leicht. Gut, dass er Hilfe hat und sie in Anspruch nimmt.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  4. Hedwig Mundorf schreibt:

    Ja wirklich traurig, aber leider viel zu oft Realität

    Gefällt 1 Person

  5. helmutmaier schreibt:

    Demokratisches Zusammenleben ist auf gegenseitigen Respekt und Rücksichtnahme angewiesen. Wer das nicht kapiert, wird nicht dazu beitragen, dass mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft selbstverständlich ist. Sie wird tatsächlich leider noch oder sogar wieder von Autoritäten verhindert, die Demokratie noch nicht gelernt oder nicht verinnerlicht haben. Zu einfache Geister, die sich selbst nicht als geachteter Teil der Gesellschaft wahrnehmen, greifen oft in dümmstmöglicher und unglaublich brutaler Art jeden an, der ihnen als falsche Autorität erscheint, auch wenn das in den allermeisten Einzelfällen überhaupt nicht der Fall ist. Im Text geschieht das Traumatische gerade dem Busfahrer, der sogar zu den wenigen Ausnahmen gehört hatte, der seine Gäste beim Einsteigen freundlich grüßte. Natürlich sind die noch nicht gefassten Täter die eindeutig Schuldigen; und ihr Tun ist keinesfalls entschuldbar. Allerdings sind alle die, welche in ihrer Behandlung von Mitmenschen sich wenig einfühlsam verhalten, in irgendeiner Weise mitverantwortlich für die allgemeine Respektlosigkeit – auch gegenüber von gesellschaftlich oder geistig Zurückgebliebenen. Gewalttäter müssen bestraft werden, aber Respektlosigkeit gegenüber Schwächeren muss gleichzeitig bekämpft werden.

    Liebe Grüße
    Helmut

    Gefällt 4 Personen

  6. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Gut, daß es Fiktion ist, liebe Anna-Lena. Nun kann ich mir noch die Hoffnung bewahren, daß es solche Überfälle kaum geben wird… und doch weiß ich es besser, denn sooo weit entfernt von der Realität bin ich nun doch nicht. Du hast eine gute Geschichte geschrieben. Sie zeigt, wie schnell sich das scheinbar Unerschrockene ändern kann und die Ängstlichkeit alles überlagert.
    Der Titel passt: Vom Traum zum Trauma – Wie wahr!

    Herzliche Grüße von mir an Dich

    Gefällt 2 Personen

    • Anna-Lena schreibt:

      Die Welt ist kein Ponyhof und somit schadet eine gesunde Vorsicht niemals, doch verhindern können wir in den seltensten Fällen etwas. Da bleibt uns nur die Hoffnung, selbst nicht mal in irgendeiner Form zu Schaden zu kommen.

      Herzliche Grüße zum Freitagmorgen,
      Anna-Lena

      Gefällt 2 Personen

  7. ernstblumenstein schreibt:

    Eine traurige Geschichte. Die Verrohung nimmt zu und die Erziehung im Elternhaus ab, vor allem weil ein immer grösserer Teil der Gesellschaft abgehängt wird und keine guten Aussichten gerechte Entlöhnung hat. Das färbt mehr und mehr ab. Die Politik wäre hier gefordert.
    Ein lieber Gruss. Ernst

    Gefällt 1 Person

    • Anna-Lena schreibt:

      Ich denke, die Politik hat zu solchen Sparmaßnahmen gegriffen, dass sogar Personalnotstand in vielen Berufen, die ausschließlich mit Menschen zu tun haben, mit eine Ursache dafür sind. Erzieher, Lehrer, med. Personal, Altenpfleger, Polizei – überall mangelt es. Und das in einem so reichen Land wie Deutschland.

      Wie sieht es in der Schweiz aus?

      Liebe und nachdenkliche Grüße
      Anna-Lena

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  8. suebilderblog schreibt:

    Leider kann so etwas tatsächlich passieren und ich frage mich oft, wie der Mensch, der überfallen worden ist, mit dem Erlebten weiterleben kann. Die Angst wird wohl immer bleiben. Hoffen wir für uns alle, dass wir niemals in solch eine Situation kommen.
    LG Susanne

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  9. Agnes schreibt:

    Auch wenn die Geschichte fiktiv ist, so liest man doch täglich von ähnlichen Vorkommnissen und das macht mich sehr traurig.
    Es könnte so schön sein auf dieser Welt, wenn wir uns alle vertragen würden. Warum begreifen die Menschen das nicht.
    Hab einen schönen (Rest)Sonntag liebe Anna Lena.
    LG
    Agnes

    Gefällt 1 Person

    • Anna-Lena schreibt:

      Ja, trotz der Fiktion kommt sie dem wahren Leben sehr nah – leider! Und obwohl ein Zusammenleben mit mehr Harmonie oft keine große Hürde ist, scheinen die weltweiten Hindernisse anzuwachsen.

      Komm gut in die neue Woche und sei herzlich gegrüßt, liebe Agnes!

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  10. alltagschrott.ch schreibt:

    Wie recht du hast, Anna-Lena. Hoffen wir, dass wir solches nie erleben müssen…. Liebe Grüße. Priska

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  11. kopfundgestalt schreibt:

    Auch wenn die Geschichte fiktiv ist, so habe ich von ähnlichen Vorkommnissen natürlich schon gelesen.
    Traumatisiert kann man sehr leicht werden, da bedarf es nicht viel.
    Aber wie kommt man da raus?
    Mein Vater war im Krieg ganze 3x kurz vor dem Sterben. Immer wieder erzählte er von den Zufällen, die ihn retteten – keiner der Jungs wollte das immer wieder hören.
    Wir wissen keine Mittel und lassen den/die Traumatisierte alleine – weil wir es nicht aushalten. DAS ist das Schlimme.

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    • Anna-Lena schreibt:

      Aber wie kommt man da raus?

      Ich denke, nur mit professioneller Hilfe, was unseren Vätern – auch meiner war im Krieg – nicht möglich war. Sie mussten alleine klarkommen.
      Wenn ich daran denke, wieviele Kinder in der Welt als Kindersoldaten ausgebildet und eingesetzt werden, wird mir nur noch schlecht …

      Gefällt 1 Person

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