„Jahrhundertschritt“ von Wolfgang Mattheuer

„Jahrhundertschritt“ von Wolfgang Mattheuer

Wolfgang Mattheuer (1927 – 2004) war Maler, Grafiker und Bildhauer und gehörte mit Werner Tübke und Bernhard Heisig zur sog. Leipziger Schule, die sich durch unterschiedliche Stilformen definiert.

Neben einigen  Bildern Mattheuers im Barberini-Museum in Potsdam („Der Mond ist aufgegangen“, „Abendnebellandschaft“, „Das graue Fenster“ ) imponiert seine Bronzeplastik der „Jahrhundertschritt“ aus dem Jahre 1984.

Zur Beschreibung und Deutung findet man bei WIKIPEDIA:

„Faschismus und Kommunismus

Die Gestik hat bei dieser Figur einen offensichtlichen geschichtlichen Hintergrund. Die rechte Hand ist zum Hitlergruß, die linke Hand zur Faust geballt. Mattheuer malte an den linken Arm außerdem ein rotes Band als Zeichen für die Arbeiterklasse. Hitlergruß und Arbeiterfaust, zwei Zeichen für zwei totalitäre Weltanschauungen, welche als Faschismus (in Deutschland Nationalsozialismus ) beziehungsweise Kommunismus nicht nur die Deutschen nacheinander durchleben mussten. Zwei Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts, die mit ihrem totalen Anspruch auf den Menschen scheiterten, treffen aufeinander. Beide in einem Körper gefangen, woran dieser, durch den Riss in der Brust verdeutlicht, zu zerbersten droht. Dies versinnbildlicht den Kampf der Weltanschauungen in ihrer Gegensätzlichkeit und ihrer totalitären Parallele mit den körperlichen und seelischen Konsequenzen für den Menschen dieses Jahrhunderts.

Anpassung

Der viel zu kleine Kopf, der sich fast vollständig im Brustkorb befindet (wodurch das Sichtfeld der Figur auf ein Geringes minimiert scheint), veranschaulicht den Vorzug des Körperlichen vor dem Geistigen, wie er sich auch in den Plastiken der beiden großen Totalitarismen wiederfindet. Form und Ästhetik dominieren, Intellekt und Geist bilden sich zurück. Den eingezogenen Kopf könnte man außerdem mit Angst assoziieren, Angst die eigene Meinung zu sagen, Angst frei zu denken und zu handeln, Masse vor Individuum – im Kommunismus, wie im Faschismus.

Die Kriege

Jahrhundertschritt: Eisenabguss vor dem Haus der Geschichte in Bonn

Ein weiteres Symbol für diese Kriege sind das linke Bein mit Soldatenhose und dafür typischen Streifen sowie der Soldatenstiefel des linken Fußes. Sie stehen für die typische Infanteristenkleidung, die viele Deutsche sowohl im Ersten also auch im Zweiten Weltkrieg trugen. Unsicher bleibt jedoch, ob Mattheuer den Ersten Weltkrieg in seine Plastik mit einbeziehen wollte oder nicht, da es sich ja hierbei nicht um eine diktatorische Herrschaft handelte, was er vordergründig zu kritisieren versuchte. Unbestritten ist die Thematisierung des Krieges, in welchem sich zuerst der nationalsozialistische Drang nach Hegemonie in verbrecherischem Charakter ausdrückte und bis zum Versuch der Vernichtung der Juden Europas steigerte, sowie die bereits sich in ihm abzeichnende Teilung Europas durch den Anspruch des Kommunismus auf weltrevolutionäre Veränderung sowjetischen Stils (Stalinismus) mit seinen gleichfalls Millionen Opfern in und außerhalb der Sowjetunion, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Das rechte Bein sowie der rechte Fuß sind unbekleidet und symbolisieren den scheinbaren Glanz militärischer Abenteuer und ihr Resultat: nackte Armut, ein geteiltes Vaterland, schutzlose Zivilbevölkerung in Vertreibung und Bombenhagel, totale Kapitulation.

Das Bein scheint viel zu lang, die Person befindet sich im Ausfallschritt. Dadurch wirkt die ganze Haltung sehr instabil, sodass die Person fast umzustürzen droht. Dieser riesige Schritt mag einerseits dafür stehen, dass eine große Zeitspanne von einem ganzen Jahrhundert überschritten wird, andererseits mit einer sehr großen Aggressivität in Verbindung gebracht werden, mit der die Deutschen das 20. Jahrhundert gelebt haben. Die Figur geht einfach geradeaus: Was sich ihr in den Weg stellt wird „plattgewalzt“. Einen großen Schritt nach vorne könnte neben dem Umstieg von Faschismus zu Kommunismus auch der wirtschaftliche Aufschwung Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg darstellen und zusätzlich ein Zeichen für die eigene Selbstüberschätzung verbunden mit Größenwahn sein. Dieser Fortschritt wird zusätzlich durch eine rote Linie, die überschritten wird, gekennzeichnet. „

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Jahrhundertschritt

 

Fotos: G. Bessen

 

 

 

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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17 Antworten zu „Jahrhundertschritt“ von Wolfgang Mattheuer

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Guten Morgen liebe Anna-Lena, ein schöner Beitrag für den Tagesbeginn! Dir ein sonniges Wochenende 🙂

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  2. freiedenkerin schreibt:

    Sieht aus wie ein „Pegidiot“ bei einer Montagsdemo. :mrgreen: Im Ernst, die Figur symbolisiert sehr gut die wiedererstarkte braune Gesinnung eines nicht unerheblichen Teils unserer Gesellschaft…

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  3. ernstblumenstein schreibt:

    Eindrucksvolle Skulpturen mit mannigfaltigen Interpretations-Möglichkeiten von Krieg, Aufschwung usw.
    Ein lieber Gruss ins sonnige Wochenende sendet dir Ernst.

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ich hatte sie auch in Berlin schon mal gesehen. Ja, die nähere Betrachtung entschlüsselt vieles…
      Schick die Sonne mal zu uns, wenn du genug hast, hier ist es heute grau und kühl…

      Herzlichst
      Anna-Lena

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  4. alltagschrott.ch schreibt:

    Sehr interessant, liebe Anna-Lena. Ich mag solche Erklärungen…sehr!
    Ganz liebe Grüße. Priska

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  5. cosmea49 schreibt:

    Beim ersten Blick denkt man – Oh Gott. Nach dem Blick auf deinen Bericht und einem erneuten Blick auf die Figur, da erschließt sich einem alles, was der Künstler ausdrücken wollte.

    Was würde er wohl heute für eine Figur erarbeiten?!
    Lieben Gruß, Brigitte

    Gefällt 1 Person

    • Anna-Lena schreibt:

      Schwer zu sagen, liebe Brigitte und fragen kann man ihn ja nicht mehr.

      Mir ging es ähnlich. Erst nach dem Lesen der Erklärungen (die ich sehr überzeugend fand), konnte ich mich mit der Figur auch aussöhnen.

      Herzlichst,
      Anna-Lena

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  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    Ein toller Künstler, liebe Anna-Lena. Seine Figuren/Skulpturen sind voller Symbolik und mit großem Können gestaltet. Was ich sehe, gefällt mir außerordentlich gut.
    Der Jahrhundertschritt ist ein echtes Meisterwerk.

    Herzlichst Bruni zu Dir ♥

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  7. Gudrun schreibt:

    Mattheuer war Vertreter der Leipziger Schule, so wie u.a. auch Heisig und Klemke. Die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten gefällt mir sehr und so gehe ich jedes Jahr an die Hochschule für Grafik und Buchkunst (hier waren die Genannten Dozenten) und sehe mir an, wie es sich weiterentwickelt und was es Neues gibt. Langweilig wird einem da nicht und ein bissel stolz bin ich auch, dass es in meiner Stadt war und ist.
    Liebe Grüße und danke für den interessanten Beitrag.

    Gefällt 1 Person

  8. herr_momo schreibt:

    Vor der Figur habe ich in Leipzig des öfteren gestanden, immer wieder fasziniert von ihrer Aussagekraft.

    Gefällt 1 Person

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