Schnurstracks

Schnurstracks

Aufatmend ließ ich mich auf das Sofa fallen, was war das für ein verrückter Tag gewesen, und griff nach einer Zigarette. Noch immer pulsierte es in  meinen  Adern, als hätte ich den ganzen Vormittag auf dem Sportplatz verbracht.

„Schnurstracks“ hatte sich heute wieder von seiner besonders ekligen Seite gezeigt. Als hätte er es geahnt, ließ er uns heute einen unangekündigten Englischtest schreiben. Ich hatte natürlich nicht gelernt und während ich mein Kinn auf meine Handfläche legte und verzweifelt nachdachte, ob mir nicht doch noch etwas einfiele,  konnte ich sein hämisches Grinsen sehen.

„Willst du nicht mal endlich anfangen? Die Stunde wird deinetwegen nicht verlängert“, forderte er mich auf und vertiefte sich anschließend in seine Morgenzeitung.

Als ich ein fast leeres Blatt abgab, kommentierte er mit seinen üblichen dummen Sprüchen. Heute kam der Freizeitspruch: „Danke, dass du so übersichtlich wenig geschrieben hast und meine knapp bemessene Freizeit um Minuten verlängerst.“ So ein Ekelpaket!

Ich nahm meine Jacke und meine Tasche und verließ vor dem Pausenklingeln den Klassenraum.  Immer wieder bildete sich in solchen Situationen ein dicker Kloß in meinem Hals.

„Schnurstracks“ war unser Konrektor. Als unser Schulleiter vor Wochen erkrankte, übernahm er die Schulgeschäfte, zumindest bis zu den Sommerferien. Er war ein aalglatter Lehrer der alten Schule, der sich in seinen letzen Dienstmonaten nicht mehr krumm machte.

„Wenn ihr euer Abitur in der Tasche habt, verlasse ich diese heiligen Hallen schnurstracks und ziehe mich in meinen wohlverdienten Ruhestand zurück.“  Dieses geflügelte Wort hatte ihm seinen Namen eingebracht. Alles musste bei ihm schnurstracks gehen, seinen dürftigen Erklärungen im Unterricht sollte unmittelbar die Weisheit in Form von  Verstehen und Anwenden folgen. Aber bis er schnurstracks in Rente ging, hielt er die Fäden in der Hand und ließ die Puppen tanzen, ganz so, wie es ihm beliebte.  Man bekam ihn im Ernstfall kaum zu fassen. Entweder hatte er Unterricht oder seine geschlossene Zimmertür signalisierte, dass er nicht gestört werden wollte. Einen Gesprächstermin bekam man nur über die Schulsekretärin. Und mit dem letzten Klingeln verschwand auch Herr „Schnurstracks“ schnurstracks.

Wen wunderte es also, dass Lehrer und Schüler das Gesunden und die Rückkehr unseres erkrankten Schulleiters sehnsüchtig erwarteten?

„Warum lässt du dir das gefallen? Der Kerl hat dich auf dem Kieker und du schweigst.“ Sebastian war hinter mich getreten. Ich hatte ihn nicht kommen hören.

„Was soll ich denn machen? Wo er nur kann, macht er mich lächerlich“, antwortete ich resigniert und ließ die Schultern weit nach vorne hängen.

„Ich kann mich noch nicht mal über ihn beschweren, seit der Direktor krank ist.“

In der letzten Zeit hatte ich mich gegenüber meinen Klassenkameraden geöffnet und alle Vermutungen bestätigt, Gerüchten den Wind aus den Segeln genommen und endlich offen zu dem gestanden, der ich wirklich bin. Erstaunlicherweise war das überhaupt kein Problem für die anderen. Niemand hat mich abgelehnt, im Gegenteil, meine Offenheit hat unsere Klasse enger miteinander verschweißt.

Trotzdem fühlte ich mich wie zerschlagen an diesem frühen Nachmittag. Ich griff erneut nach der Zigarettenschachtel und nahm gleichzeitig mein Handy in die andere Hand.

„Jonas am Apparat.“

Der Klang seiner sonoren Stimme beruhigte meine aufgeregten Sinne sofort.

„Tut mir Leid, dass ich dich störe“, antwortete ich etwas zögerlich. „Aber ich musste unbedingt deine Stimme hören.“

„Ist schon okay, ich freue mich darüber. Aber du weißt, dass ich völlig unter Strom stehe. Wenn ich die Klausur morgen in den Sand setze, kann ich meine Abiturzulassung vergessen.  Deine Stimme signalisiert, dass nicht alles im Lot ist, oder täusche ich mich?“

„Geht schon, ich fahre mich gerade etwas runter.“

„Schnurstracks?“

„Wer sonst?“

Ich erzählte ihm kurz, was heute passiert war und hörte am anderen Ende der Leitung einen hörbaren Seufzer.

Ich wartete auf ein Wort des Trostes, eine Aufmunterung, ein virtuelles in-den-Arm-nehmen. Und es war der richtige Zeitpunkt, der Satz, den ich brauchte, um mich wieder zu fangen und an meine Arbeit gehen zu können.

„Drei Monate noch, nur drei Monate, dann kann der uns mal. So lange musst du durchhalten. Und beim Abiturball werden wir ihn damit konfrontieren, dass wir im einundzwanzigsten Jahrhundert leben und dass Schwulsein kein Problem für uns darstellt. Er hat ein Problem damit, nicht wir.  Ich werde ihm ganz offen die Einladung zu unserer Hochzeit überreichen. Dann kann er sich schnurstracks überlegen, ob er sein Problem lösen will oder weiter in seinem Vorurteilsdunst leben will. Hältst du es noch so lange aus, Stefan?“

„An deiner Seite immer“, antwortete ich mit meinem Kloß im Hals, der sich langsam wie der Frühnebel auflöste.

© G.Bessen

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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29 Antworten zu Schnurstracks

  1. Roland schreibt:

    Ja, interessantes Thema wurde hervorgehoben, und der Stil ist so leicht und angenehm.

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  2. Arno von Rosen schreibt:

    Lehrer wie Schnurstracks waren die Art von Schule in der ich gelernt habe mich aus Situationen zu befreien die unlösbar erschienen. Allerdings funktioniert das nur bei Schülern die nicht von Schnurstracks & Co. während der Schulzeit traumatisiert wurden – guter Text!

    Gefällt 1 Person

  3. jeannettepaterakis schreibt:

    Schnurstracks lässt mich erzittern …zur Zeit lernt mein Sohn nicht..und ich fragte ihn gestern,stört es Dich nicht in der Klass zu sitzen und nichts zu wissen?Aber wie ich sehe ist er nicht der Einzige ?Die Geschichte gefiel mir sehr gut ,versetzte mich in meine Schuljahre zurück:)Vielleicht werde ich wieder einmal in der Schule sitzen,das hoffe ich sogar ❤ Die liebsten Grüsse an Dich Anna-Lena

    Gefällt 2 Personen

    • Anna-Lena schreibt:

      Vielleicht hat dein Sohn gerade eine Zeit, die ihn für die Schule wenig motiviert? Oder er pubertiert und Schule ist das Letzte, was er gerade braucht?
      Wie alt ist er denn?

      Ich habe noch drei Monate, dann werde ich „ausgeschult“ 😆 .

      Liebe Grüße auch zu dir, liebe Jeanette,

      Anna-Lena

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      • jeannettepaterakis schreibt:

        Liebe Anna-Lena ,er ist in einer Klasse ,wo die meistens nichts lernen,und er hat einen Pathos mit dem PC,spielt andauernd Lol,und andere Spiele.Er ist in der Pubertät ,und macht mich verrückt :)Er ist 15 Jahre.Drei Monate nur mehr in der Schule,es wird Dir abgehen.Lehrerin zu sein muss sehr schön sein ❤ Jedenfalls wünsche ich Dir das Allerbeste ❤ die liebsten Grüsse

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        • Anna-Lena schreibt:

          Das ist ein schwieriges Alter, liebe Jeanette. Doch trotz Pubertät muss er langsam die Kurve bekommen und die Zukunftsweichen stellen. Das schafft man mit PC-Spielen nur bedingt 😉 …

          Ja, es ist immer noch mein Traumberuf, aber es gibt noch mehr im Leben 🙂 .

          Ich grüße dich herzlich zurück,
          Anna-Lena

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  4. regenbogenlichter schreibt:

    Danke für die schöne Morgenlektüre liebe Anna-Lena. ☺

    Liebe Grüße
    Ute

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  5. minibares schreibt:

    Liebe Anna-Lena,
    was für eine tolle Story!
    Dieser Konrektor ist ein Ekelpaket.
    Die beiden jungen Herren wollen ihn provozieren…
    deine Bärbel

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    • Anna-Lena schreibt:

      Leider ist die Welt voller Ekelpakete :mrgreen: . Man muss ja nicht jede Lebensweise verstehen und nachvollziehen, aber ein wenig Akzeptanz und Toleranz wären schon hilfreich.

      Liebe Grüße zu dir,
      Anna-Lena

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  6. nandalya schreibt:

    Tolle Geschichte! Danke dafür.

    Nun habe ich in meiner Erinnerung gekramt, ob es auch bei mir eine(n) Schnurstracks gab. Die Antwort ist „Ja, aber …“ Mein alter Prof. ist sehr geradlinig, aber kein Ekel. Zumindest mir gegenüber nicht. Ich hatte vermutlich Glück mit meinen LehrerInnen. Vielleicht lag das an meiner charmanten Art. 😉

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ich glaube schon, dass die eigene Art sehr viel ausmacht. Gerade gestern sprach ich mit einem Kollegen, der sich in seinem Tutorium geoutet hat. Er hat vor nicht allzu langer Zeit geheiratet und die Schüler wollten Hochzeitsbilder sehen. Nach der ersten Stille, dass es keine Frau Sowieso gäbe, war der Bann problemlos gebrochen. 🙂

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  7. bruni8wortbehagen schreibt:

    Eine gute Geschichte, liebe Anna-Lena.
    Wie soll so ein Schnurstracks mit jemandem klar kommen, der so ganz anders ist als alle anderen und schon mit den anderen kommt er nicht klar…
    Diese Schnurstracks gibt es immer noch und junge Leute, die sich outen, sind ihnen verdächtig, sie WOLLEN sie nicht verstehen, wollen die Welt anders und wäre sie anders, würden sie sie immer noch anders wollen, als sie geworden ist…

    Du hast ein Problem federleicht zur Sprache gebracht, das auch heute noch ein schwerwiegendes ist und nicht jeder kommt damit klar. Um klarzukommen braucht es Toleranz und wo sollte sie bei einem wie Schnurstracks herkommen? Er hat sie wohl selbst nie erlebt…

    Liebe Grüße am Abend von mir an Dich

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ich habe selbst Kollegen, die homosexuell sind und in meiner eigenen Klasse ein Mädchen mit einer Freundin aus einer anderen Klasse.Sie verstecken sich nicht und tauschen ihre Zärtlichkeiten genauso aus, wie andere junge und verliebte Pärchen, soweit das im Schulbetrieb möglich und tolerabel ist.
      Das Theme konfrontiert uns ständig und überall. Und selbst, wenn wir die gleichgeschlechtliche Liebe selbst nicht leben, müssen wir uns damit auseinandersetzen und sie als Teil unserer heutigen Gesellschaft akzeptieren und tolerieren.

      Im Laufe der Erdgeschichte hat sich soviel in der Tier- und Pflanzenwelt verändert, sind neue Wesen entstanden. Wer kann beurteilen, ob sich nicht auch der Mensch verändert und anders empfinden kann, als vor vielen Jahrhunderten/ – tausenden?
      Haben wir das Recht, das zu werten, bewerten oder gar zu verurteilen?

      Liebe Grüße auch zurück zu dir, liebe Bruni 🙂

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Genau so denke ich auch, er hat sich wieder verändert, der Mensch, passt sich auf seine Art dem Planeten an. Fortpflanzung steht nicht mehr an erster Stelle.
        Wir haben die Pflicht zu tolerieren und diese Pflicht ist gleichzeitig unser Recht.

        Gute Nacht, Du Liebe, oder schläfst Du schon?

        Gefällt 1 Person

        • Anna-Lena schreibt:

          Ich denke, ich habe schon in Morpheus‘ Armen gelegen, aber nun bin ich wach und dienstbereit…

          Danke für deinen Kommentar, er sagt genau das, was ich auch denke.

          Liebe Grüße und einen sonnendurchfluteten Tag,
          Anna-lena

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  8. bruni8wortbehagen schreibt:

    Schöööön, daß wir so ähnlich denken!

    Liebe Morgengrüße an Dich

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  9. Agnes schreibt:

    Mit dem Ende hatte ich nun nicht gerechnet.
    Eine sehr interessante Geschichte, wie leid mir alle Schüler tun, die unter solchen Lehrern zu leiden haben.
    Ich hoffe dass solche Verhalten bald der Vergangenheit angehören.
    LG
    Agnes

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    • Anna-Lena schreibt:

      „Ich hoffe dass solche Verhalten bald der Vergangenheit angehören.“ Das hoffe ich auch, liebe Agnes. Bei uns an der Schule gibt es keine „Schnurstracks“ 🙂 .

      Liebe Grüße auch zu dir,
      Anna-Lena

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  10. suebilderblog schreibt:

    Ein aktuelles Thema sehr gut erzählt. Da muss man einfach weiter lesen.
    LG Susanne

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  11. freiedenkerin schreibt:

    Ein ganz wunderbarer Artikel, liebe Anna-Lena – und Schnurstrackse gibt es leider, leider überall… :-/

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  12. Meermond schreibt:

    Da habe ich aber eine raffinierte Gutenachtgeschichte bei dir gefunden! Gefällt mir sehr gut.
    Beste Grüße

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