Rosemarie Marschner: Das Bücherzimmer

Rosemarie Marschner: Das Bücherzimmer

Mein heutiger Lesetipp

In einem kleinen Dorf bei Linz wächst Marie Zweisam bei ihrer Mutter auf. Schon früh lernt sie, was es bedeutet, ausgestoßen und verachtet zu werden, denn sie ist unehelich. Mit 14 Jahren tritt sie ihre Dienste im Haushalt einer reichen Linzer Familie an, damit sie es später mal besser habe. Arbeit von früh bis spät prägen ihren Alltag und auch hier erlebt sie intensiv das Gefühl, außen vor zu stehen.
Nur die tägliche Stunde in der Bibliothek des alten Herrn Notar, in der sie ihm aus den diversen Zeitungen vorlesen darf, sind ein Kraftquell für sie. Marie ist intelligent, wissbegierig und sehr hübsch.
Ihr Aufenthalt in der Villa Horbach jedoch endet jäh, als Maries Mutter lebensbedrohlich krank wird und ihre Hilfe braucht.
Der Bäckersohn Franz Janus verliebt sich in sie und in ihrer grenzenlosen Einsamkeit gibt sie ihm ihr Ja-Wort. Die kurze Blütezeit ihrer Ehe ist schnell vorüber und Marie leidet unter ihrer kalten Schwiegermutter, die sie als billige, aber tüchtige Arbeitskraft missbraucht und unter ihrem Ehemann, der sich hinter seine Mutter stellt und Konflikten gern aus dem Weg geht.

Das Portrait einer jungen Frau, die durch ihre Intelligenz die Zusammenhänge sehr wohl durchschaut, als Hitler Österreich annektiert und die beginnende Freude der Österreicher mit all ihren Hoffnungen auf Arbeit, Sicherheit und Wohlstand schnell in Angst und Unmut umschlagen. Marie bekommt mit, wie Juden spurlos verschwinden, abgeholt werden oder sich das Leben nehmen. Ihre Schwiegermutter ist nicht ganz unschuldig an dem Verschwinden der Familie von Maries Jugendfreunden. Als sie von ihr auch noch des Volksverrates angezeigt wird, braucht Marie einen wahren Engel, der sie vor dem drohenden KZ rettet…

Lange habe ich kein so gute Buch gelesen. Marie, die Protagonistin, wird klar und facettenreich mit all ihren Gedanken und Gefühlen gezeichnet, dass sich der Leser ein so intensives Bild von ihr machen kann, dass er sie am liebsten begleiten, warnen oder ihr zuraten möchte, bei allem, was Marie tut.

Die Einbettung in die Geschichte Österreichs, die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg macht gerade in unserer momentanen Lage in Deutschland hellhörig und Parallelen, wie schnell sich Menschen begeistern und mitreißen lassen, wenn ihnen etwas nicht gefällt oder ihr Lebensstil und Wohlstand, gemessen an anderen, bedroht scheinen, drängen sich förmlich auf…

c/G. Bessen 3/2016

das_buecherzimmerErschienen am 1.11.2008

413 Seiten, 9,95 €

ISBN: 978-3-423-21099-7

 

 

 

 

 

Bildquelle

 

Liebe Rana, danke für diesen Lesetipp!

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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17 Antworten zu Rosemarie Marschner: Das Bücherzimmer

  1. Ingrid schreibt:

    Das klingt aber gut. Ich lese gerne unterhaltsame Bücher, aber wenn man dadurch ans Nachdenken gebracht wird, finde ich das noch besser.
    LG, Ingrid

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    • Anna-Lena schreibt:

      Das ist ein Buch, das dir ganz sicher gefallen wird. Und da es älter ist, kannst du es sicher ausleihen. Gestern Abend habe ich ein weiteres angefangen, das eine Art Fortsetzung ist. Ich werde darüber berichten.
      LG Anna-Lena

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  2. nandalya schreibt:

    Was Deutschland und Österreich mit Hitler erlebten, hat es in ähnlicher Form auch in Japan gegeben. Wobei es dort das Militär war, das Japan zu alter Größe führen wollte. Ich mag Bücher, die sich mit historischen Ereignissen befassen und oft eine andere Sicht der Dinge zeigen. Danke für den Lesetipp! 🙂

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  3. regenbogenlichter schreibt:

    Das kommt auf die Merkliste. Danke für den Tipp. ☺

    Liebe Grüße
    Ute

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  4. Träumerle Kerstin schreibt:

    Ich komme leider kaum noch zum Lesen. Zu Weihnachten habe ich welche geschenkt bekommen und die müssen erst gelesen werden. Aber spannend klingt die Geschichte schon.
    Liebe Grüße von Kerstin.

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  5. Frau Momo schreibt:

    Das werde ich mir auch mal merken. Danke

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  6. drnessy schreibt:

    Du hast dieses Buch sehr gut beschrieben und auf es neugierig gemacht! Man kann sich gut vorstellen, was einen erwartet, um was es geht und wer Marie ist… und das Auf und Ab eines Lebens unter suboptimalen Bedingungen . Dank Dir dafür!
    Alles Liebe , Nessy von den happinessygirls.com

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ich habe es wirklich sehr genossen und habe es ungern aus der Hand gelegt, als ich es durch hatte. Aber ich bin schon beim nächsten, in dem Marie wieder eine Rolle spielt und werde auch darüber berichten.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  7. suebilderblog schreibt:

    Ein Buch, das mich auf jeden Fall interessiert. Habe vor kurzem Honigtot gelesen, welches ebenfalls in dieser Zeit spielt. Das Buch werde ich auf jeden Fall in meine „noch-Lesen-Liste“ speichern (ich glaube ich muss 150 Jahre werden, um noch alles zu lesen, was ich mir vorgenommen habe….).
    Danke für den Tipp.
    LG Susanne

    Gefällt 1 Person

  8. Pingback: Rosemarie Marschner: Das Jagdhaus | Mein Lesestübchen

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