Am Bahnhof

unspecifiedEine weitere Geschichte von Andreas Jurat für Anna Schmidts Blogparade. Schreiben gegen Rechts

Am Bahnhof

Natürlich zogen solche Ereignisse immer zu viele Leute an; die Leute liebten Blut und Zerstörung.“
Stephen King „Die Arena“ S. 77 Wilhelm Heyne Verlag München 2009

Als es schließlich vorbei war, wollte es natürlich keiner gewesen sein. Überall sahen sich Menschen und Krawattenträger ratlos an, das Achselzucken ging, angeheizt durch die ersten wilden Spekulationen der Kriegskorrespondenten des Boulevards, rasch in eine Kakophonie gegenseitiger Beschuldigungen über. Mahner, die einwarfen, es müsse doch zunächst an die Opfer gedacht werden, wurden gnadenlos nieder geschrien.
In dieser Atmosphäre allgemeiner Hysterie nahm die Öffentlichkeit nur mit einer Randnotiz zur Kenntnis, wie die Novelle des „Gesetzes zur Regelung des Zuzuges von Nicht EU-Bürgern ins Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland“ kurz GezRedZzvNEUBiGberdGruGedBrD“ in Rekordzeit die parlamentarischen Hürden meisterte und umgehend in Kraft gesetzt wurde. Die BRD war von diesem Moment an kein Einwanderungsland mehr. War es im Grunde nie gewesen. Zumindest, wenn es nach der CSU-Ortsgruppe Berlin gegangen wäre.

Die Bedrohungslage ergab sich an diesem Freitag gegen zehn Uhr vormittags auf dem Bahnhofsvorplatz einer mittelgroßen Kleinstadt in Brandenburg. Sie ging aus von einem schätzungsweise fünfjährigen Kind, das neben einem abgestellten, grüngrau gemaserten Reisekoffer mit Rollen saß. Es hatte ein etwas zu groß geratenes Kleidchen mit gelben Rüschen an und einen Haarreifen, der später als einem Set „Violetta“ zugehörend identifiziert werden würde. Die Behörden gingen später davon aus, dass es sich bei dem Kind um ein Mädchen gehandelt haben musste.
Später. Sehr viel später.

Anruf 9:36 Uhr MESZ bei der Notrufzentrale
„Hallo. Da ist ein verdächtiger Koffer auf unserm Bahnhofsvorplatz. Wird von so einem schwarzen Balg bewacht. Da ist bestimmt eine Bombe drin!“
Die Stimme des Anrufers klang aufgeregt und dumpf zugleich. Irgendwie versuchte er wohl, seine Stimme zu verfremden. Die Mitarbeiterin der Notrufzentrale blieb gelassen. In letzter Zeit hatte sie mehr als ein Dutzend solcher Anrufe pro Schicht bekommen und in allen Fällen hatte sich die Bombendrohung als harmlos heraus gestellt.
Seit Paris allerdings waren die Menschen nervöser geworden. Das Wort „Gefährdungslage“ gehörte inzwischen zu oft zum Vokabular der Innenminister und Polizeipräsidenten, sobald Kameras liefen und Mikrofone in Trauben ins Bild gehalten wurden.
Selbst Freundschaftsspiele der Nationalmannschaft waren solchen Gefährdungslagen schon zum Opfer gefallen. Glücklicherweise hatte es nur das Spiel als Opfer zu beklagen gegeben.
Bei aller Gelassenheit erschien es der Kollegin doch angebracht, diesen Notruf weiter zu geben. Wenige Minuten später erhielt eine in der Nähe befindliche Funkstreife den Auftrag, den Bahnhofsvorplatz sicherheitshalber zu kontrollieren. Noch war nicht ausdrücklich von einer Bedrohungslage die Rede.

Anruf 09:41 Uhr im Bundeskanzleramt.

Sven Olaf Hausschildt war ein junger, aufstrebender Ministerialdirigent im Hause Jungmöller und zu diesem Zeitpunkt Diensthabender im Bereich Geheimdienste/innere Gefährdung. Der Anruf, den er mit zunächst zurückhaltend gelangweilt klingender Stimme entgegen nahm, dauert exakt neunundsechzig Sekunden und ließ den jungen Staatsdiener nach seinem Ende ratlos und mit deutlich entfärbtem Gesicht zurück. Für eine Minute wusste er nicht genau, was er tun, wen er fragen oder informieren sollte. In seinem überforderten Hirn war nur Platz für einen einzigen Gedanken: Bombendrohung in Berlin oder dem unmittelbaren Umland!
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: das musste verhindert werden! Er musste das verhindern!
Plötzlich übernahm diese in ihrer Zielstrebigkeit beinahe tödliche Mischung aus Ehrgeiz, Karrieregeilheit und Verantwortungsgefühl in ihm das Kommando. Er würde handeln!
Mit drei knappen Telefonaten setzte er die Dinge in Gang.

09:46 Uhr Bahnhofvorplatz von O.
Oberwachtmeister Jochen Werner stieg aus dem Streifenwagen und schaute über den Platz. Menschen verließen das Bahnhofsgebäude, überquerten die Straße; die letzten, als die Fußgängerampel längst rot zeigte. In Werner zuckte es, aber er blieb ruhig. An der Bushaltestelle standen Schüler des Campus gegenüber, drei ältere Frauen etwas abseits.
Nichts Verdächtiges.
Inmitten der Menschen saß ein Kind, neben sich einen Rollkoffer, der schon bessere Tage gesehen haben mochte.
Der Bus fuhr vor und verdeckte dem Polizisten die Sicht. Jochen Werner ging langsam auf die Haltestelle zu. Der Bus fuhr an und gab den Blick auf die Insel mit dem Wartebereich frei. Das Kind saß noch immer dort. Es hatte etwas in den Händen, das es fest an sich drückte. Dann schaute es auf und der Blick seiner großen dunklen Augen traf ihn. Oberwachtmeister Werner hatte selbst ein Kind in diesem Alter. Der Beschützerinstinkt, der ihn plötzlich erfasste, war eher der des Vaters als des Polizeibeamten. Er überquerte die Straße, trat auf das Kind zu.
„Was machst du hier so ganz alleine?“, fragte er freundlich und ging ein wenig in die Hocke. Das Kind lächelte zögerlich und plötzlich sah er hinter diesem Lächeln die Angst und Erschöpfung des kleinen Wesens. Er wollte die Hand ausstrecken und ihr Gesicht streicheln. Er wollte sie von diesem Platz weg holen, wo sie nicht sein sollte. Soviel spürte er instinktiv.
Sein Funkgerät erwachte knarrend. Er neigte den Kopf, meldet sich. Die Stimme am anderen Ende war kaum zu verstehen. Jochen Werner indes hatte sie verstanden. Sein Gesicht wurde mit einmal Mal ratlos und er sah für einen Moment seinem fünfjährigen Sohn sehr ähnlich. Er zögerte, seine Kaumuskeln spielten und er schaute sich suchend um. Der Funk plärrte noch einmal neben seinem Ohr. Er quittierte mit einer knappen Antwort, Routine, ohne Nachdenken. Seine Stimme jedoch klang belegt.
Noch einmal begegnete der Blick des Mannes in der dunkelblauen Uniform dem des kleinen Kindes mit dem pinken Haarreifen. Jochen Werner ging ein paar Schritte rückwärts, ließ das Kind nicht aus den Augen. Dann drehte er sich um, lief zum Streifenwagen zurück.
Fiel auf den Beifahrersitz.
„Das kann doch nicht ihr Ernst sein. Das ist ein Kind!“, sagte er und drehte das fahle Gesicht seinem Kollegen zu. Der zuckte die Achseln, sein Unterkiefer malte ungerührt an einem Kaugummi.
„Machen wir unseren Job“, sagte er, legte den Gang ein und fuhr los.

09:51 Uhr Facebook
Sabrina Grünel: „Auf dem Bahnhofsvorplatz bei uns steht ein Koffer mit einer Bombe. Das Teil wird von einem kleinen Kind bewacht. Die Polizei ist informiert worden, aber die unternehmen nichts. Also sollten wir das tun!“
Daniel Wiese: „Die sind inzwischen so dreist, dass sie ihre Gören dazu abrichten, die Bomben zu bewachen. Wir müssen was unternehmen, bevor was passiert!“

Timo Keppling: „Wacht auf, bevor es zu spät ist…“

09:53 Büro Abteilungsleiter Abteilung 4 im Innenministerium Brandenburg

„Ich verlasse mich da auf Sie, Herr Doktor!“, klang es aus der „Spinne“, jenem seltsam buckeligen Gerät in der Mitte des Konferenztisches, das für Telefonkonferenzen genutzt wurde.
„Natürlich, Herr Minister“, sagte der Angesprochene und kam nicht umhin, eine winzige Verbeugung gegen den seelenlosen Apparat anzudeuten, aus dem die etwas larmoyante Stimme des Ministers tönte. Die Verbindung wurde unterbrochen.
Der Abteilungsleiter schaute seinem Gegenüber ins Gesicht, schwieg für ein paar Sekunden.
„Was denkst du? Haben wir eine Gefährdungslage? Ist da eine verdammte Bombe auf dem Platz?“
„Fragst du mich das ernsthaft, Lothar?“, entgegnete Lutz Kochoff, ein drahtiger Mann Ende der Vierzig und seit einer gefühlten Ewigkeit Referatsleiter „Polizeiliche Führung“. Er schob zweifelnd die Unterlippe vor und kratzte sich den fast kahlen Schädel.
„Die Hinweise aus Paris sollen eindeutig sein, sagt Hausschildt“, sagte Fittelsbach und bemühte sich, es sachlich klingen zu lassen.
„Hausschildt! Der ist doch noch grün hinter den Ohren! Als wenn der das beurteilen könnte!“ Kochoff lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Fittelsbach wusste um diese kleine private Antipathie zwischen den beiden. Er hob kurz die Hände.
„Das ist unerheblich, Lutz. Können wir es uns leisten, diesen Hinweis nicht ernst zu nehmen? Haben wir Informationen aus der Stadt? Gab es Hinweise, die den Verdacht erhärten könnten?“
„Naja, ziemlich vage …“, sagte Kochoff gedehnt. Fittelsbach horchte auf.
„Wie vage, Lutz?“ Sein Blick wirkte konzentriert. Schweißperlen standen auf seiner Stirn und der Oberlippe.
„Es gab einen anonymen Anruf bei der Notrufzentrale. Verstellte Stimme, die behauptete, es gäbe einen Koffer auf dem Vorplatz und der würde von einem Kind bewacht. Diese Art von Anrufen kriegen wir im Moment ein Dutzend und entweder hat jemand einfach seinen Koffer vergessen oder jemand macht sich einen dummen Scherz. Wenn wir allen diesen Hinweisen nach gingen, kämen die Kollegen zu nichts anderem mehr.“
Fittelsbach sah seinen Referatsleiter mit wachsendem Ärger an. Eigentlich konnte er sich auf dessen Urteil sonst gut verlassen. Aber dies hier schien etwas anderes zu sein. Das hier war kein Zufall, kein übereifriger besorgter Bürger.
„Habt ihr das überprüft? War jemand dort und hat sich davon überzeugt?“ Fittelsbach saß jetzt sehr aufrecht. Kleine Speicheltröpfchen sprühten, während er sprach. Kochoff sah seinen Chef mit einer Mischung aus Verblüffung und aufkommendem Ärger an.
„Eine Streife sollte sich das ansehen. Weiß nicht, was dabei raus gekommen ist.“
„Dann finde es raus!“, brüllte ihn Fittelsbach unvermittelt an. Das war seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Kochoff wollte kurz aufbegehren, aber er entdeckte in den Augen des Abteilungsleiters plötzlich etwas, was ihm Angst einjagte. Er stand auf, etwas heftig, dass fast der Stuhl hinter ihm umfiel.
„Ich halte dich auf dem Laufenden“, sagte er, die Klinke schon in der Hand.
„Die sollen von dem Koffer weg bleiben. Ich informiere das Einsatzkommando.“
Kochoff schloss hinter sich die Tür und schickte einen Blick zur hohen Decke des Flurs.
„Einsatzkommando! Na dann, gute Nacht!“

10:04 Campus des Olof Palme Gymnasiums Konferenzraum

Als der Einsatzleiter den Raum betrat, verstummten die Gespräche und alle Blicke richteten sich auf ihn. Er war das gewohnt, er erwartete es.
Er knallte seine Tasche vor sich auf den Konferenztisch, zog einen Laptop hervor, öffnete ihn und sah kurz in die Runde.
„Hat sich schon jemand um die Kommunikation gekümmert? Wir brauchen sicheres WLAN, einen Tunnel zum Ministerium.“ Seine eisgrauen Augen hefteten sich an das Gesicht von Hauptwachtmeister Konrad Jensen. Die beiden kannten sich von etlichen Einsätzen.
„Schon erledigt“, sagte Jensen knapp und verließ den Raum.
„Für alle, die mich nicht kennen sollten, ich bin Hauptkommissar Rolf Petermann. Ich leite diesen Einsatz und mein Ziel ist es, dass wir diese Situation so unauffällig und ohne, dass jemand zu Schaden kommt, über die Bühne bringen. Sind da alle mit mir einer Meinung?“ Er wartete die Reaktion der Männer und Frauen im Raum nicht ab.
Silke Trommer, Polizeipsychologin und Beraterin bei Fällen von Geiselnahme und Entführungen stand am anderen Ende des ovalen Konferenztisches und betrachtete den Neuankömmling mit deutlich gemischten Gefühlen. Überhaupt schien ihr dieser ganze Aufmarsch hier völlig unbegründet und übertrieben zu sein. Aber das hielt sie lieber für sich. Wenn es darauf ankam, wollte sie nicht durch derart unbedachte Äußerungen ihre Rolle in diesem Team von vorn herein geschwächt haben. Vielleicht hingen Menschenleben davon ab, dass man ihr vertraute. Aber sie konnte nicht umhin, sich ihre Gedanken über diesen Petermann zu machen. Wenn sie sich seine Einsatzuniform für einen Moment einmal weg dachte, dann machte der Mann auf sie den Eindruck, er könnte auch Geldeintreiber oder Bodyguard eines Zuhälters sein. Aber sie tat ihm vermutlich Unrecht. Männer, die solche Jobs machten, legten nicht unbedingt Wert darauf, besonders sympathisch herüber zu kommen.
„Sind die Seitenstraßen schon abgesperrt? Als ich eben hier eintraf, hatte ich nicht den Eindruck. Natürlich ziehen solche Ereignisse immer zu viele Leute an; die Leute lieben Blut und Zerstörung. Wir sollten ihnen heute keine Gelegenheit dazu liefern.“
„Es gab dafür bisher keinerlei Anweisungen. Wir haben im Augenblick auch gar nicht genug Leute zur Verfügung. Und was die Bürger dieser Stadt angeht…“ Der Leitende Beamte des Schutzbereiches klang ein wenig verschnupft. Es war sein erster Einsatz mit Petermann. Er würde sich daran noch lange erinnern, aus verschiedenen Gründen.
„Sie werden Leute bekommen, keine Sorge“, fiel Petermann ihm ins Wort, während er seinen Laptop mit dem Beamer verband. Auf der Leinwand an der Stirnseite des Raumes erschien die Lagekarte des Stadtzentrums. Petermann markierte mit roten Linien die Stellen, wo er die Straßensperren zu errichten gedachte. Ein Raunen ging durch den Raum. Petermann sah sich rasch um.
„Was?“, bellte er in den Raum.
„Das ist ein Sperrkreis für eine Fliegerbombe!“, sagte der Mann vom Ordnungsamt, Helmut Dreilich-Neumann mit deutlichem rheinländischen Dialekt und einer ziemlichen Portion Sarkasmus in der Stimme.
„Ach, ist er Ihrer Meinung nach zu groß? Wissen Sie, was in diesem Koffer steckt? Wenn das so ist, klären Sie uns auf, Herr …“, Petermann zog das letzte Wort in die Länge, als suche er den Namen, der ihm natürlich nicht geläufig war.
„Dreilich-Neumann, Ordnungsamt der Stadt O. Ich vertrete den Bürgermeister bis zu seinem Eintreffen und stehe Ihnen als Koordinator für die städtischen Einsatzkräfte zur Verfügung.“
„Sehr erfreulich, Herr Dreilich. Oder lieber Neumann? Wir haben es etwas eilig, wissen Sie…“
‚Arrogantes Arschloch!‘, entfuhr es Silke Trommer in Gedanken. Ihre Aversion gegen den Mann begann sich zu verfestigen.
„Egal. Solange wir nicht wissen, wem dieser Koffer gehört, was es mit dem Kind neben dem Koffer auf sich hat, müssen wir davon ausgehen, dass es sich um einen Sprengsatz handeln könnte. Es wird uns in dieser Situation vermutlich nicht gelingen, ohne Aufsehen und Unruhe das gesamte Gebiet um den Bahnhof zu evakuieren, den Bahnverkehr zu stoppen und die Menschen von hier fern zu halten. Also sorgen wir zu allererst dafür, dass hier niemand einfach rein oder raus kommt. Erfahrungsgemäß befinden sich ein bis zwei mutmaßliche Terroristen in unmittelbarer Nähe der Bombe. Sollte es zur Detonation kommen, sollten wir zumindest in der Lage sein, diese Täter an der Flucht zu hindern.
„Was ist mit dem Kind?“, rief Silke Trommer dazwischen. Petermann fixierte sie einen Moment.
„Trommer, richtig? Schön, dass Sie dabei sind“, sagte er erstaunlich ruhig. Ihre Blicke begegneten sich für einen Moment. Silke hat das irritierende Gefühl, als würde dieser Blick ihr eine Botschaft übermitteln wollen: Sei auf meiner Seite!
Das würde sich zeigen.
‚Nicht, wenn du weiter so mit den Leuten umspringst!‘, dachte sie trotzig aber auch etwas verunsichert.
„Wir wissen nichts über das Kind. Seit wir die Sache beobachten, hat es sich nicht von der Stelle gerührt. Es hält etwas in der Hand, soviel hat die Auswertung der Kamerabilder ergeben.“
„Kamerabilder?“, fragte Dreilich-Neumann, „Woher haben Sie …“
„Helmut, lass gut sein“, fällt ihm der Schutzbereichsleiter ins Wort. Das Ordnungsamt verstummt.
„Es muss doch in Begleitung eines Erwachsenen dorthin gekommen sein. Haben das die Kameras nicht gezeigt?“, fragte Silke Trommer ruhig.
„Leider nicht. War der Bus davor.“
„Sie haben Kameras hier auf der Schule?“, empörte sich Dreilich-Neumann kurz. Ein Blick von Petermann brachte ihn zum Schweigen.
„Herr Dreilich-Neumann. Ich würde Sie bitten, Ihrer Empörung etwas später Ausdruck zu verleihen. Im Moment gibt es wirklich Wichtigeres. Wenn Sie sich nützlich machen wollen, klemmen Sie sich hinter ein Telefon und trommeln Sie ihre Leute im Rathaus zusammen. Aber diskret, wenn ich bitten darf. Bereiten sie die Leute darauf vor, den Aufbau und die Sicherung der Straßensperren zu unterstützen. Danke!“
Das Funkgerät des Einsatzleiters quarrte überlaut in den Raum und meldete, dass die Kamera-Übertragung hergestellt sei und die Scharfschützen ihre Stellungen bezogen hätten.
„Wichtiger soll mit dem Equipment hier bei mir antanzen. Die Feuerwerker, sind die schon vor Ort?“
„Positiv. Schimmel steht hier neben mir.“
„Soll hier rauf kommen, jetzt!“
„So Herrschaften“, begann Petermann, die Hände in die Hüften gestützt, “ich erkläre Ihnen jetzt, was wir machen. Ich muss betonen, dass dies kein Vorschlag ist und ich keinerlei Diskussion wünsche sondern nur sachdienliche Vorschläge. Sind wir uns da einig? Herr Hauptkommissar, ich erwarte von Ihnen in einer …“
Die Tür zum Konferenzraum wurde geöffnet und ein wahrer Riese in Kampfanzug trat in den Raum. Alle Anwesenden hatten kurzzeitig aber intensiv das Gefühl, dass der Raum möglichweise zu klein sein könnte. Nun gut, nicht alle Anwesenden. Petermann war selbst davon überzeugt, diese Wirkung auf jeden Raum auszuüben, den er in der Erfüllung seiner Aufgabe betrat.
Oberkommissar Schimmel trat auf Petermann zu und die beiden gaben sich kurz die Hand. Unbemerkt von allen war ein Streifenpolizist Schimmel gefolgt. Als er zu sprechen begann, flogen alle Köpfe zu ihm herum.
„Da draußen kommt eine Menschenmenge auf den Platz zu. Es sind ungefähr fünfzig, aber ich fürchte, es werden immer mehr.“
„Haben Sie eine Demonstration für heute genehmigt, Dreilich?“, fragte Petermann schnell und scharf in Richtung Dreilich-Neumann. Der stand, den Zeigefinger der Linken im Ohr am Fenster und versuchte mit dem rechten Ohr seinem Gesprächspartner am Handy zu folgen. Er hörte seinen Namen und winkte ungeduldig ab.
„Herr Dreilich!“, bellte Petermann und der zuckte zusammen.
„Ich rufe zurück!“, blaffte er ins Handy und unterbrach die Verbindung.
„Ich sollte doch …“, hob er an, aber Petermann winkte nur ab.
„Ist für jetzt eine Demo in diesem Kaff angemeldet oder nicht?“
„Also bitte …“
„Ja oder nein?“ Petermann war gefährlich leise geworden.
„Nein. Wie kommen Sie darauf?“
„Weil draußen ein halbes Hundert Ihrer friedlichen Bürger dem Bahnhof zustrebt. Was denken Sie wohl, haben die vor?“
„Keine Ahnung. Ich weiß von keiner …“
„Kümmern Sie sich um die Absperrleute und sorgen Sie dafür, dass der Bürgermeister seinen Arsch hierher schafft. Machen Sie sich irgendwo nützlich, aber bleiben Sie mir vom Hals, verstanden?“
„Mäßigen Sie Ihren Ton, Herr …“
„Helmut, lass gut sein!“, sagte der Hauptkommissar vom Schutzbereich schon wieder. Dreilich-Neumann verließ mit finsterer Miene den Raum.
„Einsatzleitung an alle Einheiten. Halten Sie diese Menschen auf. Es besteht akute Lebensgefahr. Wolf eins für Einsatzleitung, wo bleibt eigentlich Wichtiger?“
„Schon zur Stelle!“, sagte der Mann von der Tür her. Zwei weitere drängten an dem schmächtigen Uniformierten vorbei und begannen schweigend und sehr konzentriert, das Lagezentrum einzurichten.
Silke Trommer sah es und obwohl es warm in dem Raum war, zog sie fröstelnd die Schultern hoch. „So sieht also Krieg aus!“, dachte sie und wusste noch nicht, dass sie diesen Anblick noch vor sich hatte.

10:16 Kreuzung Rostocker Strasse Grabower Straße in O.

Jochen Werner und sein Kollege standen vor ihrem Streifenwagen, der die Rostocker nur recht unzureichend versperrte. Mehr aber hatten die beiden im Moment nicht zur Verfügung.
Die Menge war noch fünfzig Meter entfernt. Die beiden wechselten Blicke. Hauptwachtmeister Wilfried Schramm wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Er war ein alter Hase, hatte so manchen Einsatz überstanden, hatte Steine aus dem Schwarzen Block fliegen sehen am Ersten Mai und die dumpfen Vierkantschlüsselköpfe mit ihren sinnlosen Parolen. Aber die Leute, die da auf sie zu kamen, sahen anders aus. Es waren normale Menschen, solche, für die sie jeden Tag in ihren Streifenwagen stiegen. Er fühlte sich plötzlich ratlos und fremd. Trotzdem nahm er sich das Mikrofon.
„Bürgerinnen und Bürger, hier spricht die Polizei. Auf Grund eines Polizeieinsatzes im Bereich des Bahnhofes ist der gesamte Bereich um den Bahnhof gesperrt. Bitte bleiben sie zurück. Vielen Dank für ihr Verständnis.“
„Vielen Dank für ihr Verständnis?“, fragte Werner sarkastisch herüber. Er war entschiedener, was die selbst ernannten „besorgten Bürger“ seiner Stadt und ihre Abendspaziergänge anging. Zum einen bescheren die ihnen regelmäßig Überstunden mit ihren bescheuerten Märschen durch die Stadt und zum anderen schämte sich Werner für seine Mitbürger, wie er selbst manchmal bekannte. Schramm sah die Sache etwas pragmatischer. „Die Dummen werden auch hier nich alle!“, pflegte er zu seinem Kollegen in solchen Fällen zu sagen.
Die Menge vor ihnen hatte ihre Geschwindigkeit reduziert. Offenbar war man sich uneins, was das weitere Vorgehen anbetraf. Die beiden Ordnungshüter hörten aufgeregte Stimmen, aber noch waren die Rufer zu weit weg.
„Bürgerinnen und Bürger. Ich fordere sie noch einmal auf: bleiben Sie stehen, kommen Sie nicht näher. Diese Straße ist wegen des Polizeieinsatzes gesperrt. Sie haben diese Versammlung nicht angemeldet. Bitte verlassen Sie diese Straße. Sie machen sich andernfalls strafbar. Behindern Sie nicht die Arbeit der Sicherheitskräfte!“
„Sicherheitskräfte? Meinst du uns armen Hansels hier?“, sagte Werner halblaut in dem gleich sarkastischen Tonfall.
„Halt‘ die Klappe, Jochen, das ist nicht hilfreich“, fauchte Schramm ihn an.
„Was soll das? Das ist doch wieder typisch. Ihr beschützt die verdammten Ausländer sogar noch, wenn sie bei uns Bomben legen! Scheißbullen, verdammte!“
Der Ruf kam mitten aus der Menge und beide konnten den Rufer nicht recht ausmachen.
„Das sind Leute von der NPD, jede Wette“, fauchte Werner und machte einen Schritt nach vorn.
„Jochen, mach keinen Scheiß. Wir dürfen die nicht provozieren. Nicht, solange wir nur zu zweit sind!“, herrschte Schramm seinen Kollegen an. Er nahm das Mikrofon wieder an die Lippen.
„Bürgerinnen und Bürger. Bitte bleiben Sie vernünftig und besonnen. Bleiben Sie stehen und lösen Sie diese unangemeldete Versammlung ruhig auf. Es gibt hier für Sie nichts zu sehen oder zu tun. Sie behindern uns an der Ausübung unseres Dienstes, wenn Sie näher kommen!“
„Was willst du machen, he? Schießen? Willst du auf freie, friedliche Bürger schießen?“
„Macht den Weg frei, ihr Bullenschweine. Wir sind das Volk!“
Der Ruf wurde aufgenommen, pflanzte sich fort. In wenigen Sekunden schallte er durch die Straße und wurde gespenstisch von den Häuserfassaden zurück geworfen. Jochen Werner bekam plötzlich eine Gänsehaut.
„Wissen die überhaupt, was die da brüllen?“, fragte er nach hinten gewandt seinen Kollegen.
„Wissen sie schon. Denen ist nur nichts heilig, wie es scheint.“ Jochen Werner schaute überrascht zu seinem Kollegen. Den traf im selben Moment der erste Stein über dem rechten Auge. Er taumelte unter dem Jubel der Menge, die bis auf zwanzig Meter heran gekommen war. Werner lief zu Schramm hinüber, aber der wehrte ihn ab. Aus der Platzwunde lief ihm ein Faden Blut ins Auge, aber das war jetzt nicht so wichtig.
„Stehen bleiben! Letzte Warnung. Sie bringen sich und viele Menschen hier in Gefahr, wenn sie weiter näher kommen. Die Terroristen haben gedroht, den Platz zu sprengen, wenn sie weiter laufen. Bringen Sie sich sofort in Sicherheit!“ Blut lief auf das Mikrofon in Schramms Hand. Er wischte es achtlos zur Seite. Ihm war schlecht, er sah farbige Schlieren vor sich, aber er war auch stink sauer. Was weder Nazis noch Schwarzer Block bisher geschafft hatten, war einem dieser braven Bürger gelungen, ihn zu verletzen!
„Einsatzzentrale, hier Siegfried sieb – vier. Wir stehen hier an der Rostocker. Uns gegenüber eine ziemlich aufgebrachte Menge Zivilpersonen, die offenbar von Angehörigen der rechten Szene aufgestachelt werden. Ein Beamter durch Steinwurf verletzt. Wir brauchen sofort Verstärkung!“
„Zentrale verstanden. Die Kollegen sind auf dem Weg zu euch. Sollten in ein paar Minuten vor Ort sein.“
„Zentrale, wir haben keine paar Minuten mehr!“
„Habt ihr alle den Verstand verloren? Wollt ihr uns alle umbringen?“
Alle Blicke richteten sich nach oben. Aus dem Fenster im zweiten Stock schaute eine ältere Frau heraus. Ihr Gesicht war eine Maske aus Wut und Empörung. Sie schüttelte energisch ihre Fäuste. Damit hatte in der Menge niemand gerecht. Ein zweites Fenster öffnete sich, diesmal im ersten Stock, keine zehn Meter vom Streifenwagen entfernt. Ein hoch gewachsener Mann mit kurz geschnittenem weißem Haar beugte sich heraus.
„Ihr solltet euch was schämen, alle zusammen. Steine auf Polizisten werfen, anonym, aus der Menge! Feiges Pack. Macht, das ihr weg kommt!“
„Opa, halt’s Maul, sonst kommen wir dich holen!“, erklang es hasserfüllt.
„Na dann komm!“, rief der Alte. Geraune ging durch den Menschenauflauf. Plötzlich schien man sich nicht mehr ganz so einig zu sein, wer hier Freund und Feind war.
Wichtige Sekunden verrannen.
Dann erklang das Trappeln von Stiefeln auf dem Kopfsteinpflaster. Ausrüstung schlug an einander. Vor dem Streifenwagen bauten sich Polizisten in voller Montur auf, Helme, Visiere, Schilde und Knüppel. Einige in der Menge begannen zu pfeifen, jemand versuchte erneut, „Wir sind das Volk“ zu skandieren. Allein, er setzte sich nicht durch.
Das Kräftemessen hatte begonnen.
Ein Sanitäter legte Wilfried Schramm eine Hand auf die Schulter. Der lehnte, sichtlich benommen, am Kofferraum des Streifenwagens und hielt sich den Kopf.
Der Truppführer der Einsatzkräfte wandte sich an Werner.
„Habt ihr gesehen, wer den Stein geworfen hat?“ Werner verneinte grimmig.
„Wilfried hat den Leuten erzählt, wir hätten eine Drohung von den Terroristen bekommen. Die glauben jetzt alle, da ist eine Bombe. Ist da eine Bombe? Ich habe nur das kleine Mädchen mit dem Koffer gesehen.“
„Die glauben, das ist die Bombe“, sagte der Truppführer und gab Werner ein Klaps auf die Schulter.

10:36 Alte Bahnhofsstraße in O.

Sahar hatte den Weg unterschätzt. Es wurde ihr schon auf der Hälfte klar, aber sie war geradezu von den Gedanken besessen, diese Sache endlich hinter sich zu bringen. Dabei gingen ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem Platz mit dem Kind. Je weiter sie kam, umso verzweifelter wurde sie. Tränen rannen ihr über das Gesicht, sie bekam kaum noch Luft und ihr Mund war ausgedörrt. Ihre Beine schmerzen und in ihrer linken Wade wütete ein Krampf.
Aber Sahar lief weiter.
Es schien ihr Schicksal zu sein, immer weiter zu laufen. Seit sie aus dem Vorort von Kabul im Morgengrauen aufgebrochen war, schien sie eigentlich nichts anderes mehr zu tun als zu laufen. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon lief. Das Gefühl für Zeit hatte sie verloren. Sie hatte auf diesem entsetzlich langen und gefahrvollen Weg so viele Gefühle verloren: Scham, Würde und Selbstachtung eingeschlossen. Die Taliban hatten ihr ihre Liebe aus dem Leib gerissen, als sie ihren Mann und ihre Kinder vor ihren Augen ermordeten. Sie hatten sie halb tot geschlagen und zum Sterben liegen gelassen.
Das Sterben hat sich Zeit gelassen.
Sie war auf die Beine gekommen und geflohen.
Sie wusste nicht mehr genau, wo sie das Kind dann fand und sich seiner annahm. Sich glaubte manchmal noch, sich daran zu erinnern, dass es irgendwo im Grenzgebiet zwischen Griechenland und Serbien gewesen sein muss. Die Kleine saß am Wegesrand und starrte nur vor sich hin. Sie sah zum Fürchten mager aus, ihre Augen waren entzündet, ihr Gesicht mit Schmutz und Schrunden bedeckt. Sie war mehr tot als am Leben.
Sahar wusste heute nicht mehr, was sie dazu bewogen hatte, das Kind aufzuheben und mit zu nehmen. Sie trug es bis zur Grenze. Dort wurden sie mit Lastwagen weiter gekarrt. Die Kleine verstand kein Wort von dem, was Sahar zu ihr sagte. Die leise gesummten Lieder, die verstand sie.
Viele Erinnerungen an diesen scheinbar endlosen Weg von Afghanistan nach Deutschland waren für Sahar wie hinter Nebel verloren. Manchmal fragte sie sich, woher sie die Kraft genommen hatte, sich und das Kind bis hier her zu bringen.
Und jetzt hatte sie sich verschätzt mit diesen paar hundert Metern von der Unterkunft am Stadtrand bis zum Bahnhof. Sie hatte den Bus nehmen wollen, der von dort bis zu der Behörde fuhr, bei der sie sich melden sollte. Die Sozialarbeiterin hatte es ihr in ihrem seltsam klingenden Englisch erklärt. Aber dann hatte Sahar das Papier auf dem Bett liegen gelassen und musste den ganzen Weg zurück laufen. Saida – Sahar hatte das Mädchen so genannt – war zu schwach gewesen um ihr schnell genug folgen zu können. So hatte Sahar ihr eingeschärft, sich nicht von der Stelle zu rühren und den Koffer nicht aus den Augen zu lassen. Sahar war sich nicht sicher gewesen, ob die Kleine das alles verstanden hatte. Aber sie hatte sich nicht anders zu helfen gewusst. Später fiel ihr ein, dass sie hätte jemanden fragen können, der sich um das Kind und den Koffer hätte kümmern können. Aber Sahar lernte erst seit ein paar Wochen Deutsch und traute sich kaum, die Menschen anzusprechen. Sehr viele waren nett, aber manche schauten finster und ablehnend und riefen ihr Dinge nach, die sie nicht verstand aber von denen sie vermutete, dass sie nichts Gutes bedeuteten.
Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust und die Straße begann unter ihren Füßen zu schwanken. Sie lief langsamer, blieb schließlich stehen. Die Welt um sie herum verlor zunehmend Farbe und Kontur. Das Papier gegen die Brust gedrückt ließ sich die Frau schwer auf den Bordsteinrand plumsen. Sie spürte die nahende Ohnmacht und kämpfte dagegen an.
„Kann ich Ihnen helfen?“, erklang die Männerstimme plötzlich vor ihr. Sie erschrak heftig, was zumindest für einen Moment ihre Lebensgeister neu entfachte. Sie sah hoch, beschirmte mit der mageren Hand die Augen. Der Mann war blond, trug einen rötlichen Vollbart und eine komische Brille mit runden Gläsern. Er sah auf diese fremdartige Weise der Deutschen freundlich aus. Er reichte ihr eine Plastikflasche mit Wasser. Sie trank gierig ein paar Schluck und hätte sich fast übergeben. Aber das Wasser half. Sie erhob sich, deutete eine Verbeugung an und sagte „Danke!“. Dann deutete sie in Richtung Bahnhof und setzte sich in Bewegung.
„Halt warten Sie, dort können Sie nicht hin. Ist alles abgesperrt! Street is closed by police. They said, there is a bomb. You understand?” Der junge Mann sprach auch dieses seltsame Englisch, aber Sahar verstand das Wesentliche: Bombe. Ihre Augen weiteten sich vor Schrecken. Das Kind! Das Kind war dort! Sie wandte sich um und wollte los rennen, aber ihre Kraft reichte nicht. Die Beine versagten. Der Mann fing sie auf.
„Saida, my baby is there!“, rief sie und deutet in Richtung Bahnhof. Der jungen Mann – Pfarrer der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde und auf dem Weg zum Bahnhof um seine Hilfe anzubieten – verstand nicht sofort.
„How old is your baby?“, erkundigte er sich. Die Frau hob erst vier, dann fünf Finger. Er sah sie irritiert an. Sie wusste es nicht genau? Er war unschlüssig.
„Saida is there at bus stop with our suitecase. Gebäck”, versuchte sie es mit einem deutschen Begriff, der ihr gerade einfiel. Er deutete mit der Hand zum Mund, kaute zum Schein. Sie schüttelte den Kopf, wollte sich wieder aufraffen.
„Suitecase, you mean Gepäck!“, rief er plötzlich aus und schlug sich vor die Stirn, dass ihm fast die Brille von der Nase flog. Mit nur ganz wenig Verzögerung kam ihm ein schrecklicher Verdacht. Es hatte sich herum gesprochen, worum es bei der Sache am Bahnhof ging. Aber die Gerüchte waren widersprüchlich und verworren gewesen. Offenbar hatte es einen Aufmarsch von ein paar verwirrten Bürgern gegeben. Jetzt aber machte alles einen Sinn.
Mit fliegenden Händen wählte er mit seinem Smartphone die Nummer des Notrufs.
Es dauerte endlose Minuten, bis er der Frau am anderen Ende glaubhaft versichert hatte, dass er kein durchgeknallter Spinner wäre sondern ein Bürger, der wichtige Informationen für die Einsatzzentrale hätte. Einige Male schien es fast, als würde die Verbindung nie zustande kommen, aber schließlich hörte er am anderen Ende die schneidend ungeduldige Stimme Petermanns, der ihn mit der Information begrüßte, er habe genau fünfzehn Sekunden, dann würde er, Petermann, auflegen.
„Ich habe hier die Mutter zu der Kleinen beim Koffer. Es ist keine Bombe in dem Koffer. Bitte unternehmen Sie nichts und lassen Sie uns zu Ihnen kommen, damit es kein Unglück gibt.“
In diesem Moment fielen zwei Schüsse.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Diese Geschichte könnte in diesem Land nie passieren, denn in der Verfassung dieses Landes steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

© 2016 Andreas E. Jurat

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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15 Antworten zu Am Bahnhof

  1. leonieloewin schreibt:

    Liebe Anna-Lena. Eine sehr beeindruckende Geschichte, die mich sehr gefesselt hat. Hoffentlich wird sie wirklich nicht passieren….

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  2. Arno von Rosen schreibt:

    Sehr schön geschrieben und sagen wir mal so, die Geschichte dürfte so eigentlich nie passieren – liebe Grüße zu dir!

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  3. regenbogenlichter schreibt:

    Ich hoffe sehr, dass das so nie passiert!
    Liebe Grüße
    Ute

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  4. Gänsehaut … und das schlimme ist – es wäre vorstellbar. 😦 So klasse geschrieben!

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  5. freiedenkerin schreibt:

    Ich fürchte, dergleichen könnte sich heutzutage in unserem Lande tatsächlich zutragen… Die Menschenrechte sind im Grundgesetz scheinbar fest verankert – scheinbar. Immer deutlicher zeigt sich jedoch, wie geduldig Papier ist…

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  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    Beim Immerweiterlesen habe ich Kopfscmerzen bekommen, immer stärkere und ich dachte unentwegt, warum, warum nur, warum bleibt die Geschichte nicht beim menschenfreundlichen Polizeitbeamten stehen, warum geht wie weiter und weiter, wird von immer mehr Dickicht verwirrt und ich war herzlich froh, als sich am Ende doch wieder einer der simplen Wahrheit stellte und alles ins rechte/richtige Licht rückte.

    Sehr gut aufgebaut und dieses schneeballartige Aufgebausche passt haarscharf in die Mentalität der Menschen und ich glaube, wir Deutschen können es viel zu gut und der gesunde Menschenverstand wird schnell unter Aktenstößen vergraben und bis ihn da wieder jemand ans Licht heben kann, dauert es meist viel zu lange und das wartende Kind ist bis dahin schon lange in den imaginären Brunnen gefallen…

    Liebe Grüße am Morgen von Bruni

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    • Anna-Lena schreibt:

      Mich hat diese Geschichte auch sehr gepackt, entsetzt und mir vor Augen geführt, wie schnell so etwas wirklich geschehen kann. Ich hatte beim Lesen mehrere Gänsehäute.
      Anna-Lena grüßt nach einem langen Tag erst am Abend,
      🙂 ♥

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  7. Pingback: Andreas E. Jurat: Begegnungen | Mein Lesestübchen

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