Hautnah (2)

Wir Deutschen reisen gerne und die Bürger und Bürgerinnen der neuen Bundesländer haben viel nachgeholt, was sie während des DDR-Regimes nicht konnten. Wir Deutschen freuen uns, wenn man uns in Urlaubsländern freundlich und zuvorkommend behandelt. Umgekehrt sollte es nicht anders sein. Schwarze Schafe gibt es auf beiden Seiten oder „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück!“.

Im Laufe unserer eigenen Geschichte sind Menschen durch gezielte Vertreibung und Weltkriege auf der Flucht gewesen und hatten oft nicht mehr als das, was sie am Körper trugen. Diejenigen, die es geschafft haben, waren glücklich und dankbar, an einem anderen Ort mit Hilfe und Unterstützung eine neue Zukunft aufzubauen.

Als unser Land nach dem zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche lag, waren wir über jede Art von Hilfe froh, die uns zur Seite stand. Als das Wirtschaftswachstum langsam begann, holten wir uns Gastarbeiter ins Land, die pompös empfangen wurden und die heute noch mit Kindern- und Kindeskindern hier leben und sich mehr oder weniger integriert haben und unser Land auch als ihr Land betrachten. Die DDR hat sie Werkshelfer genannt, ihnen Verträge für fünf Jahre gegeben, sie in Heimen untergebracht und dafür gesorgt, dass sie das Land nach Vertragsende wieder verließen. Vielen gelang es trotzdem, in der DDR zu bleiben.

Und nun kommen sie in Scharen, aus Kriegsgebieten, in denen ihre Heimat zerstört ist und die Perspektivlosigkeit keinen Raum für Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben lässt. Die Bilder der verzweifelten Menschen im Mittelmeer, die alles in Kauf nehmen und ein wenig Hoffnung als letzten Lebensmotor haben, riskieren alles, um eine Zukunft zu finden.  60 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht.

Und wir in unserem blühenden und industrialisierten Deutschland, dem es uns doch vergleichsweise gut geht, das Millionen Euros vergeudet (ich erinnere mal wieder nur an den BER als eines von unzähligen Beispielen, dessen Eröffnung wieder mal auf den St. Nimmerleinstag verschoben wird), wir besänftigen unser Gewissen, in dem wir ein spendenfreudiges Volk sind, wenn es Naturkatastrophen gibt, die möglichst weit weg passieren. Dann schauen wir stolz auf die Untertitel, wenn das Fernsehen in Benefizveranstaltungen zeigt, dass Lieschen Müller einen Beitrag von tausend Euro gespendet hat, damit ein vom Erdbeben zerstörtes Kinderheim wieder aufgebaut werden kann. Weit weg – das ist die Devise. Ich habe gespendet und brauche keine weitere Tuchfühlung erwarten.

Es geht mir langsam mächtig auf die Nerven, wenn Landsleute sich aufregen, sie können das alles nicht mehr sehen und hören, unser Land hat selbst genug Probleme und zu wenig Arbeitsplätze.. bla bla bla. Die Scheuklappen werden aufgesetzt, es lebe die Vogel-Strauss-Mentalität.  Da sagen oft genau die Menschen, die selber die Arbeit nicht erfunden haben und ihr Leben auf Staatskosten leben. Wir haben leider auch viele Schulabgänger, die sich durch eigene Faulheit den Schulabschluss versaut haben und nun sehen müssen, wo sie bleiben. Die reißen den Mund sehr weit auf, hätten sie mehr für ihre Bildung getan, hätten wir vielleicht keinen Fachkräftemangel.

Wir Europäer, das so christliche Abendland,  haben in der Geschichte rücksichtlos andere Länder kolonialisiert, besetzt und beherrscht und uns an ihnen bereichert, ihre Resourcen ausgebeutet, andere Kulturen zerstört und uns als die Herren der Welt aufgeführt. Wir beliefern noch immer andere Länder mit Waffen und waschen unsere Hände in Unschuld, wenn andere durch die Politik der Europäer alles verlieren?

Nun sind wir zur Gegenleistung verpflichtet – mit Recht. Aber da fallen die Scheuklappen. Da war doch noch was? Nehmen erfordert immer ein Geben!

Wir können sicher nicht alle aufnehmen und ich denke, eine genaue Prüfung der Hintergründe, warum Menschen zu uns kommen ist vonnöten. Ich erinnere nur an unser Grundgesetz! Auch eine gerechte Aufteilung auf alle  Bundesländer und auf die europäischen Länder muss machbar sein. Dafür haben wir Volksvertreter gewählt. Und alles Gerede, es hätte nicht so weit kommen dürfen, nutzt uns auch nichts. Schon gar nicht  das Beschädigen und gar Anzünden von Flüchtlingsunterkünften, die noch gar nicht bewohnt sind. Armes Deutschland – Dunkeldeutschland. Es treibt mir nicht nur die Scham- sondern auch die Zornesröte ins Gesicht!

Sie sind da, die Massen von Menschen, die auf ein besseres Leben hoffen und sich hier eine Perspektive ausrechnen. Und es werden noch mehr kommen.  Seit Beginn der Ferien muss ich zwei Mal pro Woche als Begleitung auf das Gelände des ehemaligen Moabiter Krankenhauses und habe sie jedes Mal gesehen, die Massen von Flüchtlingen, die darauf hoffen, einen Asylantrag stellen zu können. Bei dieser Hitze campieren sie im Freien, haben oft nur eine große Pappe als Schlafunterlagen und wie inden letzten Tagen bekannt wurde, hat das LAGESO (Landesamt für Gesundheit und Soziales) in der Maobiter Turmstraße es bisher nicht einmal geschafft, die Leute hinreichend mit Essen und Trinken zu versorgen. Das nennt man eine Grundversorgung! Das machen nun Freiwillige, die hinfahren und die Menschen versorgen.

Es gibt sie noch, die Menschen mit Herz und der berühmten Berliner Schnauze, die selbstlos humanitäre Unterstützung organisieren, wenn Behörden versagen.

August 2015 Moabit (2) August 2015 Moabit (3) August 2015 Moabit (13) Text und Fotos: G.B. 8/15

Weitere Informationen: http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-08/berlin-moabit-lageso-asyl

http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/erstaufnahmestelle-moabit-campieren-vorlageso.htm/doc=!content!rbb!rbb!politik!thema!fluechtlinge!berlin!erstaufnahmestelle-moabit-campieren-vorlageso.html

http://www.welt.de/politik/deutschland/article144956995/In-Berlin-rangeln-Fluechtlinge-schon-ums-Essen.html Lohnenswert für Berliner und Randberliner ist auch die Seite: www.Kiezkartei.de

Weitere und wichtige Links von Frau Momo:

https://www.youtube.com/embed/i9kv-rmvGKg?version=3&rel=1&fs=1&showsearch=0&showinfo=1&iv_load_policy=1&wmode=transparent

http://www.sz-online.de/nachrichten/dirk-hilberts-rede-im-wortlaut-3167284.html

https://www.change.org/p/f%C3%BCr-ein-verbot-fremdenfeindlicher-demos-vor-fl%C3%BCchtlingsheimen-heimeohnehass/u/11670716?recruiter=44796941&utm_source=share_update&utm_medium=facebook&utm_campaign=facebook_link

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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29 Antworten zu Hautnah (2)

  1. piri schreibt:

    Die Flüchtlingsproblematik ist bei uns auf dem Dorf lange nicht so gravierend, wie in den Städten. Unsere Kirchengemeinde hat nun ein leerstehendes Pfarrhaus für Familien zu Verfügung gestellt. Wir sind alle gefordert und auch bei uns gibt es Vorbehalte gegenüber den ‚Asylanten‘, dennoch sind sie willkommen – eben, weil es auch Menschen sind!

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  2. Beate Neufeld schreibt:

    Hundertprozent: Ja!!!

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  3. leonieloewin schreibt:

    Sehr gut geschrieben und so wichtig….immer wieder darauf aufmerksam zu machen. Danke Anna- Lena

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  4. freiedenkerin schreibt:

    Nicht nur Dunkeldeutschland, sondern auch Nazi-Deutschland – und nicht nur oberflächlich, auch unterschwellig greift dieses in letzter Zeit geradezu atemberaubend wieder um sich, trotz der großen Hilfsbereitschaft und des Engagements vieler Menschen… Herr Gabriel unterhält sich mit Pegida-Anhängern, und Mutti tut wieder einmal das, was sie am besten kann: Nichts. Dabei wäre es dringendst notwendig, dass sich unsere obersten Volks(ver)treter klar und deutlich gegen den latenten Rechtsruck, gegen Fremdenfeindlichkeit und -hass aussprechen…

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    • Anna-Lena schreibt:

      Das Engagement der Menschen ist so wichtig. Es sind so viele herzliche und menschliche Schritte, die mehr bewirken können, als politische Parolen.
      Von unseren Politikern generell erwarte ich kaum noch was, da ist kein Charisma, keine Überzeugung, nur Macht, Geld und wirtschaftliche Interessen.
      Wenn ich schon die vielen Smiley-Fotos mit Händedruck und Zahnpastalächeln für die Kamera sehe, wird mir speiübel.

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  5. Frau Momo schreibt:


    Einer der besten Kommentare der letzten Zeit.
    In Dresden zeigt sich ja ein ähnliches Bild wie in Berlin und auch in Hamburg sind die Missstände gravierend. In Dresden werden öffentlich die diskreditiert, die sich einsetzen, die das tun, was eigentlich staatliche Aufgabe wäre. Trotzdem Hochachtung vor der Rede des Dresdener OB`s:
    http://www.sz-online.de/nachrichten/dirk-hilberts-rede-im-wortlaut-3167284.html

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  6. ernstblumenstein schreibt:

    Ein engagierter und treffender Bericht über dieses Drama, liebe Anna-Lena. Es geht ganz Europa an, also auch uns, die Nicht-EU-Länder. A. Reschke brachte es auf den Punkt. Leider werden die EU Staaten und die Uebrigen Länder es nicht schaffen, die Probleme mit Geld zu lösen. Die Situation ist sehr komplex. Grüess Ernst

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    • Anna-Lena schreibt:

      Lieber Ernst, Probleme lassen sich mit Geld allein nicht lösen. Unsere Einstellung dazu und die Akzeptanz dessen, was auf uns zukommt, ist ein wichtiger Beitrag und daher bin ich der Ansicht, dass wir uns damit auseinander setzen müssen und jeder auf seine Weise dazu beitragen muss, diese Probleme wenigstens im Großen und Ganzen in den Griff zu kriegen.
      Ich grüße dich herzlich aus dem heißen Brandenburg,
      Anna-Lena

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  7. minibares schreibt:

    Bei uns gibt es die Aktion Hoffnungsschimmer, von der Kirche her.
    Aber in der Zeitung lese ich, dass Familien je eine Flüchtlingsfamilie bei sich im Haus aufnehmen, das ist in Lüdinghausen.

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    • Anna-Lena schreibt:

      Hut ab vor denen, die Flüchtlinge zuhause aufnehmen, aber ich glaube das ist eine ganz kleine Minderheit.
      Heute war ich wieder dort und selbst die Akkus aus meiner Kühltasche haben Kinderhände ergriffen. Als ich ihnen klar machen wollte, dass ich die nicht spende und man die nicht trinken kann, nahm ein etwa Dreijähriger ein Akku an den Mund und sagte „Mama“. Zum Glück bekam ich alle wieder, die wachsamen Väter und Mütter sorgten dafür.

      Das Elend ist unvorstellbar. Heute habe ich zum ersten Mal einen Wagen der Berliner Wasserbetriebe gesehen. Eine Frau verteilte Becher mit kaltem Wasser. Das hätte schon Wochen früher passieren müssen.
      das Elend ist unvorstellbar.

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  8. Ingrid schreibt:

    Gelesen, zustimmend genickt, Kommentar versucht, abgebrochen, zu vielschichtig und komplex ist das Ganze.Es ist wie bei allen Sachen: nicht nur die Politik ist gefragt, auch die einzelnen Menschen und wenn es nur die Einstellung ist.

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  9. jetztdasein schreibt:

    Sehr berührend und aufrüttelnd deine hautnahen Beiträge zum Thema flüchtende Menschen. Ich habe deine Beiträge in meinem Blog verlinkt. Ist das okay für dich?
    Liebe Grüsse in deinen Tag
    Elfe

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  10. Ich gehe neurdings noch bewusster auf die Menschen zu, rede mit ihnen. Renne manchmal sogar Mauern der Scheu ein. Nie weiß man, ob man es richtig macht. Man spürte es erst hinterher – im Herzen.

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  11. bruni8wortbehagen schreibt:

    Liebe Anna-Lena, deutsche Worte, richtige Worte.
    Dunkel sollte es in unserem Land nicht sein, es sollte ein helles freundliches Deutschland sein und doch gibt es die Fremdenhasser und Fremdenverachter. Ich verstehe sie nicht. Es fällt für mich unter asoziales Verhalten und hat mit Menschlichkeit nichts mehr gemein, nur noch mit abgrundtiefer Gemeinheit und ich glaube nicht, daß es sich hier nur um Menschen handelt, die arbeitslos sind und nun Angst haben, die Flüchtlinge könnten ihnen Sozialleistungen wegnehmen, sondern dumme, bornierte Menschen, die mitleidlos und bösartig sind und in diesem Sinne handeln.

    Hoffen wir auf mehr Menschen, die sich einbringen und Hilfe anbieten können und daß es möglichst bald keine unwürdigen Zustände in den Flüchtlingsunterkünften mehr geben wird.

    Deine Aktionen, mit der Kühltasche unterwegs zu sein, finde ich wundervoll und drücke Dich dafür.
    Du bist eine tolle Frau.

    Herzlichst
    Bruni

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  12. aussteiger geno schreibt:

    wo aber ist europa? unser europa, vertreten durch die muppets (wie sie obama gerne nennt) ist inhuman und unsolidarisch, innen- und aussenpolitisch völlig überfordert. eine jämmerliche grossmacht, die keinen kollektiven willen zeigt, im mittleren osten politisch tätig zu werden, dort wo zentrale ursachen für die flucht liegen, in krieg und zerstörung, im terror des islamischen staates, in kollabierenden ländern wie dem irak und syrien. wir erleben dort den beginn einer völkerwanderung in einer dichte, die es vorher noch nie gegeben hat.

    das flüchtlingsthema ist gift für den wahlkampf der politclowns. wohl deshalb fehlt noch immer eine flüchtlingsstrategie in deutschland. die inkompetenz der deutschen behörden wird bei der unterbringung der verzeifelten angekommenen flüchtlinge offenbar. die zustände und die betreuung z.b. in berlin sind verheerend. nur dank der unzähligen und immer mehr werdenden haupt- und ehrenamtlichen helferinnen und helfer, kollabiert das flüchtlingschaos nicht endgültig.
    mehr hierzu: https://campogeno.wordpress.com/2015/09/02/europas-unpolitik-und-die-fluechtlingskatastrophe/

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