Kein Einzelfall

Ich setzte mich in Ruhe hin, trank noch einen Kaffee und löffelte genüsslich mein Müsli, als das Telefon klingelte. Die angezeigte Nummer sagte mir nichts und ich wappnete mich innerlich gegen ein neues Krankenkassenangebot, ein Wechselangebot zu einem neuen Stromanbieter oder sonst irgendeinen Blödsinn, der morgens um die Frühstückszeit gern meine Ruhe störte.

„Guten Morgen, Frau Anna-Lena, hier ist der …..-Verlag. Wie schön, Sie gleich anzutreffen… (Verunsichert schaute ich aus dem Fenster, ob diese Dame vielleicht schon vor der Haustür stand) . Mein Name ist…. Ich bedanke mich für Ihre Treue (Welche Treue? Ich habe da seit gefühlten hundert Jahren nichts bestellt). Ich möchte Ihnen heute als Dankeschön…für ihre Treue…. Zeitschrift…. Vorzugspreis….. Bücher – ein Gesamtpaket und preiswert obendrein, die ideale Urlaubslektüre ….. Kosmetikartikel…… also, ICH bin begeistern und ich schätze, Sie werden es auch sein… (Gute Frau, wir haben gewiss nicht zusammen im Buddelkasten gespielt und kennen uns definitiv NICHT). Also, die Kosmetik…ein Traum, anti-aging, Falten verringern sich sichtbar….verlieren an Tiefe….“

Gelassen aß ich mein Müsli zu Ende und fragte mich, ob da ein Band abläuft oder ob diese Frau voller Quasselwasser steckte. Ich hörte sie nicht atmen. Hin und wieder versprach sie sich sogar mal, ein wahrer menschlicher Zug, der wiederum gegen eine Bandaufnahme sprach.

Nachdem ich den letzten Bissen verschluckt hatte, unterbrach ich den ermüdenden Redeschwall der Dame am anderen Ende der Leitung.
„Sehr geehrte Frau Quasselwasser, nun hören Sie MIR bitte mal zu. Erstens bin ich keine treue Kundin, denn hätten Sie Ihre Hausaufgaben gemacht, würden Sie feststellen, dass ich bei Ihnen seit Ewigkeiten nicht mehr bestellt habe. Zweitens habe ich genug Lesestoff und werde mir keine Zeitschrift von Ihnen aufschwatzen lassen. Bücher, die ich lesen möchte, suche ich mir selbst aus und kaufe sie mir auch selbst vom Anbieter meines Vertrauens und meine Kosmetik wähle ich auch selbst.“ „Ja, aber… denn…schade…so ein Angebot , dann darf ich mich sicher in zwei bis drei Monaten wieder bei Ihnen melden?“ „Nein, denn Sie wissen sicher, dass Telefonwerbung nicht statthaft ist!“ Stutz – grübel… Wusste sie es nicht oder wollte sie es nicht wissen oder überlegte sie, ob sie es überhaupt wissen wollte?
„Gut, Frau Anna-Lena, ich melde mich dann in zwei bis drei Monaten wieder…“
„Nein, das tun Sie nicht, denn Sie werden mich bitte aus Ihrer Kartei streichen und mich nicht mehr belästigen“.
Die Verabschiedung der Dame war kurz und schmerzlos, geschäftlich im Ton und hoffentlich auf Dauer.

G.B. 7/15

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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26 Antworten zu Kein Einzelfall

  1. Beate Neufeld schreibt:

    So viel Geduld und langen Atem habe ich in solchen Fällen nicht. Bei mir geht das recht kurz und schmerzlos zu. 🙂 Freundlich aber bestimmt! 🙂

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  2. Winnie schreibt:

    … aber liebe Anna-Lena, sie macht doch auch nur ihren Job, der gewiss noch nicht einmal gut bezahlt ist und auf ein tatsächlich abgeschlossenes Geschäft hinausläuft. :-/ Aber ich verstehe zu gut, mach ich nicht anders!

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    • Anna-Lena schreibt:

      Liebe Winni, jeder ist in seinem Job menschlichen Regungen ausgesetzt. Ich darf nicht darüber nachdenken, was mir Eltern schon bei Gesprächen an den Kopf geworfen haben. Von Schülern schweige ich mal lieber… Man darf sich das einfach nicht persönlich zu Herzen nehmen. 😉

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  3. lifetellsstories schreibt:

    Liebe Anna-Lena,
    diese Telefonate kenne und hasse ich. Ich sage, dann auch immer unmissverständlich, dass ich kein Interesse habe. Du hattest Glück, dass Du noch eine Verabschiedung bekommen hast. Meist wird dann nämlich wortlos der Hörer aufgelegt.
    Ich wünsche Dir einen schönen Tag und schicke Dir liebe Grüße
    Astrid

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  4. freiedenkerin schreibt:

    Bei solchen Anrufen bin ich zumeist sehr, sehr unhöflich, und lege einfach mitten im Redeschwall von Frau oder Herrn Quasselwasser kommentarlos auf. :mrgreen:

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  5. bruni8wortbehagen schreibt:

    *lach*, ich hoffe sehr, daß Du auch wirklich Frau Quasselwasser zu ihr gesagt hast, liebe Anna-Lena. Ich vermute aber nun, daß die Arme sich ein Knötchen ins Öhrchen macht, um Dich nicht doch noch mal anzurufen 🙂

    Liebe mitfühlende Grüße von Bruni

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  6. Frau Tonari schreibt:

    So halte ich es auch. Freundlich, aber bestimmt auf das verbot der Telefonwerbung hinweisen.
    Ach ja, und Steuern sparen will ich auch nicht 😉

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  7. minibares schreibt:

    Wir bekommen oft Anrufe von Meinungsforschern. Aber da machen wir inzwischen auch nicht mehr mit.
    deine Bärbel

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  8. Agnes schreibt:

    Nervig, einfach nervig diese Typen.
    Wobei mir dann immer der Gedanke kommt, dass solche Anrufe und ein Abschluß für die Damen wahrscheinlich das Gehalt bestimmen.
    Aber ich kann mir nicht etwas kaufen, nur damit die Dame leben kann, auch wenn es vielleicht sehr traurig für sie ist.

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  9. klatschmohnrot schreibt:

    Liebe Anna Lena,
    gut geschrieben!!!
    Ich bin ein höflicher Mensch – immer – bis auf eine Ausnahme, nämlich genau dann wenn ich so einen Anruf bekomme und man mich nicht beim ersten Mal versteht, wenn ich sage, dass ich nicht interessiert bin. Dann werde ich auch schonmal etwas lauter und und mache unmissverständlich klar, dass ich mich belästigt fühle!
    Liebe Grüße zu dir
    Regina

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  10. Ingrid schreibt:

    Früher habe ich schon mal ironisch reagiert oder geschimpft. Heute lege ich einfach nur auf, weil mir da jede Minute zu schade ist.

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  11. Lutz schreibt:

    Bei mir hat mal abends gegen 21,00 Uhr eine Versicherung angerufen und mir ebenfalls ein super Angebot unterbreitet. Ich hab ihm erklärt, das ich gerade eine Versicherung suche. Er fragte mich, was für eine. Ich hab ihm erklärt, eine Versicherung gegen die Versicherungen. Der hat sofort aufgelegt und nie wieder angerufen. Dir ein schönes Wochenende.

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  12. ernstblumenstein schreibt:

    Klar, musstest Du länger zuhören, um diese schöne Geschichte, die auch in der Schweiz regelmässig abläuft, so treffend zu schreiben. Ich nerve bei solchen Anrufen die Anrufer mit glasklaren Gegenfragen so stark, sodass ich jeweils sofort Ruhe habe.
    Allerdings tun mir die Leute, die diesen Job machen müssen leid ! 🙂

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