Randerscheinungen

Es ist Donnerstag Mittag. Geschäftig eilen die Menschen durch die Fußgängerzone der Altstadt, voll bepackt mit Tüten, aus denen weihnachtlich Verpacktes schaut. So kurz vor dem Fest wird das Geschiebe auf den Gehwegen immer schlimmer und die Menschen am Rande des Gehweges werden immer mehr verdeckt.

So auch die kleine Frau, die still in einer Ecke mit Blick auf den Dom sitzt. Vom Bauch an ist sie in einen blauen Müllsack gepackt. Eine Wolldecke umgibt ihren Unterleib und ihre Beine und ihren neun Monate alten pechschwarzen Hund, dessen verschiedenfarbige Augen aufmerksam das Geschehen rings herum betrachten. In einer anderen Mülltüte, ebenfalls in eine wärmende Decke eingehüllt, liegt ihr anderer Hund, ebenfalls jung und mit einem Leckerchen beschäftigt.

„Möchten sie eine Bratwurst essen?“, fragt eine elegant angezogene ältere Dame und blickt die Frau auf dem Gehsteig freundlich an.

Sie hebt den Kopf, lächelt die ältere Dame freundlich an und antwortet leise „Gerne“.

Ich weiß nicht, wie lange die Frau dort schon sitzt. Sie ist zierlich gebaut. Sie könnte vierzig, aber auch sechzig Jahre alt sein. Sorgenfalten ziehen sich durch ihr Gesicht. Sie trägt eine dunkle Wollmütze auf dem Kopf. Ihre zierlichen Hände stecken in schwarzen Handschuhen. Die Finger sind nicht bedeckt. Mit einer dicken Stopfnadel ist sie damit beschäftigt, dunkle Socken zu flicken.

Gelegentlich legt sie die Nadel beiseite, haucht in ihre erkaltenden Hände und streichelt liebevoll die Köpfe ihrer beiden jungen Hunde, die fast bewegungslos an ihrer Seite liegen und das bisschen Wärme der Wolldecken auf dem gefrorenen Boden genießen.

Hin und wieder bleiben Menschen stehen, betrachten die Frau nachdenklich und werfen ein paar Münzen in einen kleinen Filzhut, der vor ihr liegt. In diesen Momenten leuchten ihre Augen und ihre schmalen Lippen hauchen ein freundliches ‘Danke’.

Randgruppen

©G.B.

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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37 Antworten zu Randerscheinungen

  1. Folygirl schreibt:

    DAS geht mir wirklich nah… haben gerade auch solche Begegnungen gehabt und man fühlt sich einfach furchtbar… und man schämt sich..
    LG, Petra

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  2. finbarsgift schreibt:

    viele solche Menschen wagen sich derzeit auf die vollgestopften Weihnachtseinkaufsstraßen, Massen an Bettlern auch und Krüppeln, es ist nicht immer leicht ihnen „richtig“ zu begegnen…
    von vielen Menschen, vllt sogar den meisten, werden sie wie Luft behandelt, was ich unerträglich finde…
    LG vom Lu

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ich verstehe gut, dass die Menschen, die kaum etwas zum Leben haben, gerade in der Vorweihnachtszeit auf sich aufmerksam machen. Ist es nicht ein reeller Wunsch, etwas vom großen Glitzerkuchen abzubekommen?
      Auch ich finde es unerträglich, dass es in unserem Land diese immer größer werdende Schere zwischen arm und reich gibt.

      Liebe Grüße auch zu dir, lieber Lu.

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  3. moma58 schreibt:

    Sehr berührt. Manchmal scheinen die eigenen Probleme ein Stück weiter nach hinten zu rücken wenn man das beobachtet. Es ist schwer wie schon beschrieben ist richtig zu handeln. Ich habe bei den Freunden,wo wir auch immer Geschenke machten eine Überweisung für gute Zwecke gemacht und ihnen das geschenkt. Anstatt dass sie ein Geschenk bekamen. Und das finde ich schon mal eine Idee.
    Alles Gute

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  4. freiedenkerin schreibt:

    Es werden immer mehr…

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  5. regenbogenlichter schreibt:

    Sowas berührt einen. Die zwei Hunde sind sicher ihre besten Freunde. Und die alte Dame hat genau richtig gehandelt… sie hat sie nicht übersehen. Aber eigentlich würde man ihr und ihren vierbeinigen Freunden ein schönes Zuhause wünschen.
    Liebe Grüße
    Ute

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  6. Gudrun schreibt:

    Jetzt ist wahrscheinlich die schlimmste Zeit für all die, denen es gerade nicht so gut geht. Und während die einen der Meinung sind, dass jeder selbst Schuld ist an seiner Lebenssituation und mit ihren Tüten vorbeihasten, gibt es aber auch Menschen, die aufmerksam, rüchsichtsvoll und mitfühlend sind. Es hat mich sehr berührt, was du gesehen und aufgeschrieben hast, liebe Anna-Lena.
    Liebe Grüße von der Gudrun

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  7. kowkla123 schreibt:

    Es ist traurig, das in unserem reichen Land Menschen so leben müssen, Klaus

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  8. giftigeblonde schreibt:

    Sehr berührend.
    Mich entsetzt es, dass in unseren Zeiten in unserem Wohlstand soviele Arme Menschen unter uns leben.
    Helfen kann man, am besten im unmittelbaren Umfeld, und wenn man aufmerksam ist, hat man da genug zu tun…

    Liebe Grüße!

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  9. minibares schreibt:

    Oh, liebe Anna-Lena, sowas rührt das Herz an.
    Vor allem, wenn sie nicht so aggressiv jeden fragen, da steckt dann echte Armut hinter.
    Diese stille Menschen, sie müssen beachtet werden.
    Mit Geld kann man helfen, mit einem Lächeln, wohl auch mit einem Gespräch.
    Ganz liebe Grüße Bärbel

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  10. Quer schreibt:

    Die Not drängt die Armen unter uns an den Rand. Da ist jede Hilfeleistung und jede echte Fürsorge ein Geschenk an sie!
    Danke für deine aufrüttelnde „Reportage“.

    Lieben Gruss,
    Brigitte

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  11. bruni8wortbehagen schreibt:

    eine Geschichte, hinter der sich so vieles verbergen kann. Würden wir immer die Hintergründe kennen, würden wir besser verstehen und das Verstehen ist der Anfang für wirkliches Helfenkönnen.

    Liebe Grüße von Bruni

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ich glaube aber auch, dass Verstehen oft durch genaues Hinsehen ohne viele Worte passieren kann. Im Fall dieser Frau erging mir das jedenfalls so 🙂
      Herzliche Grüße auch zu dir, liebe Bruni.

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  12. Träumerle Kerstin schreibt:

    Und schon habe ich feuchte Augen. Mich rührt so was immer sehr. Ganz besonders, wenn Tiere dabei sind. Ich denke dann immer: haben sie zu saufen, haben sie zu fressen, wie und wo müssen sie schlafen? Sie wärmen die Frau und geben ihr ihre Hundeliebe. Und umgekehrt liebt die Frau ihre Hunde und gibt ihnen das Gefühl von Geborgenheit.
    Ich glaub, ich hätte eine Bratwurst für die Frau geholt und zwei Würste für die Hunde 🙂
    Ich werde mit so etwas kaum konfrontiert hier „auf dem Lande“, doch bei euch in der Großstadt ist das schon was ganz anderes.
    Liebe Grüße von Kerstin – und gib Deiner lieben Dackeldame einen Schmuser von mir.

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    • Anna-Lena schreibt:

      Die Dackeldame grunzt zufrieden und freut sich 🙂 .
      ich wohne ja auch auf dem Lande, aber doch vor den Toren Berlins und sehe so etwas öfter. Gerade jetzt zur Vorweihnachtszeit stößt mir dieser Kontrast zwischen klingelnden Kassen, Glanz und Glitter und armen Menschen besonders auf.

      Einen lieben Gruß und einen schönen 3. Advent,
      Anna-Lena

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  13. bruni8wortbehagen schreibt:

    klar, das stimmt, liebe Anna-Lena, doch manchmal meine ich, wir müßten wissen, wie es ihr oder ihm passiert ist, daß er/sie nun in dieser Situation ist u. dann könnte dann irgendwo konkret ansetzen u. nicht nur diese sehr kurzfristige Hilfe in einen Becher oder ein anderes Behältnis werfen… *seufz*

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  14. Hallo Anna-Lena,
    dich habe ich gestern erst zufällig in der KS von minibares entdeckt, und dann erst Mal die beiden Teile deiner jüngsten Kurzgeschichte (Valentina) gelesen. Nun wurstel ich mich so durch deine Internetpräsenzen, um dich und deine Werke etwas kennen zu lernen und zu genießen.
    Du bist von Norden in die Stadt gekommen. Dort in der Altstadt bin ich fast nie. Die Obdachlosenhilfe ist dort auch nicht sonderlich ausgeprägt, weil es die meisten in die Innenstadt zieht. Muss aber auch nicht sein, dass die Frau keine Bleibe hat. Du bist sicher auch über die Altersarmut von Frauen informiert. Vor über zehn Jahren hieß es „versteckte Armut“, aber inzwischen sind die Seniorinnen dermaßen arm, dass sie sich kaum noch verstecken können. Wenn durch Trennung die Witwenrente fehlt… aber besonders hart trifft es Seniorinnen aus der ehemaligen DDR. Das ist wirklich eine große Schande für Deutschland – für unsere PolitikerInnen, aber auch für uns BürgerInnen, weil es insgesamt zu wenig Engagement / Lobby für die alten Frauen gibt.
    Beste Grüße nach Brandenburg, und schreib schön. 🙂
    Wieczora (◔‿◔)

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    • Anna-Lena schreibt:

      Danke und herzlich Willkommen in meinem Lesestübchen 🙂 .
      Du sprichst ganz wichtige Themen an und die Schere zwischen arm und reich wird immer größer, natürlich auch bei Seniorinnen und Senioren.
      Da wir immer länger leben und immer älter werden, wird mir Angst und Bange, wohin das führen kann.

      Ich habe gerade mal in deinem Blog gestöbert, aber nicht gefunden, wo ich kommentieren kann.

      Nachbarschaftliche Grüße
      Anna-Lena

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      • Gut, dass ich hier noch mal ‚reingeschaut habe. Auf meinem Fotoblog klickst du am Ende des Posts auf „weiterlesen hier“. Dann erfolgt eine Umleitung auf einen gemischten Blog, auf dem ich Kommentare annehmen. Gleichzeitig habe ich auf beiden Blogs ein Gästebuch, ein Kontaktformular und auf den meisten Fotos steht sicherheitshalber auch noch mal meine eMail-Adresse. 🙂
        Diese Angst ist bei mir auch ganz massiv, und zwar nicht mehr nur im Hinterkopf. Verstärkt weil ich auch bereits Einblicke in Seniorenheime hatte. 😦
        Die Zeit verfliegt so wahnsinnig schnell, dass dieser Begriff „versteckte Armut“ sogar schon älter als 10, vermutl 15 oder gar 20 Jahre alt ist. Ich erinnere mich noch, dass ich im Wertheim Steglitz damals eine Szene mitbekam, bei der eine Seniorin an einem Werbestand nach einer kostenlosen Zeitung fragte, aber keine Verpflichtungen eingehen wollte/konnte. Das begründete sie recht kleinlaut mit Armut. Da bin ich natürlich weiter gegangen, weil alles andere viel zu neugierig und aufdringlich gewirkt hätte.
        Grüssle aus xBerg, Wieczora (◔‿◔)

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