Jeder hat eine Leiche im Keller

Wenn ich manchmal in ihrer Nähe bin, juckt es mich, zu ihr zu fahren und Klartext mit ihr zu reden. Wenn er manchmal nach Hause kommt und von ihr erzählt, würde ich am liebsten zum Hörer greifen und ihr sagen, was für eine unmögliche Person sie ist.

Aber wozu? Mittlerweile habe ich den Punkt erreicht, dieses Thema auszusitzen. Der Zeitpunkt wird kommen, an dem ich ihr meine Meinung sagen kann, ohne dass sie wieder den Hörer aufknallt. Nein, von Angesicht zu Angesicht werde ich es ihr sagen.

   Ich hasse sie  nicht, sie ist mir mittlerweile egal. Und wenn sie stirbt, weiß ich nicht, ob ich zu ihrer Beerdigung gehe. Ich bin ein Mensch, der harmoniebedürftig ist, aber nicht  um jeden Preis, nicht mehr.

   Menschen, die nur auf hohem Niveau jammern, nur sich sehen und nur von sich reden, andere ausnutzen, um sie danach wie einen Scheuerlappen in die Ecke zu schmeißen, mit denen habe ich nichts am Hut. Es gibt Menschen in dem Haus, in dem sie lebt, die sich von ihr benutzen und herumkommandieren  lassen.

   Dabei fand ich sie zuerst ganz nett, als ich sie kennen lernte  und war entsetzt, wie er manchmal von ihr sprach. Aber im Laufe der vielen Jahre habe ich sie von vielen Seiten kennengelernt und sie fällt in die Kategorie von Mensch, die ich nicht brauche und von denen ich mir nicht  auf meinen Nerven herumtrampeln lasse. Das weiß sie und deshalb ruft sie mich nicht an. Die Angst, mich am Apparat zu haben, geht so weit, dass sie ihn zu bestimmten Zeiten nur übers Handy anruft. Obwohl sie so geizig ist, hat sie dafür Geld. Und sie ruft sowieso nur an, wenn sie etwas benötigt und ihn zum Laufburschen einsetzt. Dann hat sie einen Anflug von Familiengefühl, aber auch nur dann.

Als wir heirateten, lebte sie noch in Niedersachsen. Obwohl sie die Bushaltestelle zum Omnibusbahnhof fast vor der Tür hatte, war es ihr mit einem gebrochenen Handgelenk angeblich  nicht möglich, zur Hochzeit ihres einzigen Kindes zu kommen. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag lebte sie schon in Berlin, nicht sehr weit von uns. Auch dafür war ihr das Taxigeld zu teuer.

Manchmal hat sie mich um Rat gefragt. Wenn ihr mein Rat nicht passte, hat sie einfach den Hörer aufgelegt. Und als ich sie mal ganz ruhig fragte, ob ihre Gespräche sich auch um etwas anderes drehen könnten, als nur um sie selbst, ihre Gesundheit und ihr Geld, hörte ich auch sehr schnell nur das Knacken in der Leitung.

Als ihr angeheirateter Neffe vor ein paar Jahren starb und eine an Brustkrebs erkrankte Frau und ein schwerstbehindertes Kind zurückließ, hatte sie nicht einmal den Anstand zu kondolieren. Im letzten Jahr starb der andere Neffe innerhalb weniger Stunden an den Folgen eines Aortenaneurysma,  keine Reaktion. Auf beiden Beerdigungen waren wir froh, dass niemand nach ihr fragte und ersparte uns damit peinliche Antworten.

Vielleicht wir sie irgendwann einsam und verbittert sterben. Sie wird im Juli zweiundneunzig und ist für ihr Alter geistig noch völlig auf der Höhe. Das Laufen wird ihr  immer mehr zum Problem, aber das ist in dem Alter nicht verwunderlich. Sie redet vom Sterben und hängt am Leben. Sie jammert über ihren Gesundheitszustand und fühlt sich vom Leben betrogen. Sie hat vier Männer unter die Erde gebracht und im Nachhinein noch gut beerbt.

Scheinbar will sie da oben niemand haben.

***************

Ich bin eigentlich kein Mensch, der schlecht über andere redet, schon gar nicht, wenn sie noch leben. Aber da ich hier schon mal die eine oder andere Spitze losgelassen habe, fühlte ich mich mal doch in Erklärungsnot.

So manche von euch haben keine guten Beziehungen zu ihren Müttern oder Vätern und manches hört sich hart an, wenn man selbst nicht in dieser familiären Situation mit den eigenen Eltern stand oder steht.

Wenn die Chemie nicht stimmt, dann kann man sich auf den Kopf stellen, dann ist es eben so.

Deshalb mag ich den Spruch:

„Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte nicht“

Schwiegermütter sind ein besonders Kapitel…..

Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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48 Antworten zu Jeder hat eine Leiche im Keller

  1. Sie wird es irgendwann begreifen. Vielleicht ist es dann zu spät aber das ist selbst gemachtes Leid. Die Hauptsache ist, dass Du Dich / Ihr Euch davon nicht unnötig herunter ziehen lasst. Eine Frage der Prioritäten eben. Wie so oft.

    Mit einem gebrochenen Handgelenk konnte sie nicht mit dem Bus fahren? Hm.

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    • Anna-Lena schreibt:

      Nein, herunter zieht uns das nicht, nicht mehr.
      Meine und ich bin sicher, auch deine Eltern, wären sogar mit zwei gebrochenen Beinen gekommen.

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      • Ich auch!

        Was beim Busfahren mit gebrochenem Handgelenk kuddelig werden kann, ist das Festhalten an den Haltestangen. Es ist ungefährlicher, einen Sitzplatz zu bekommen. Ich hatte ja monatelang das durchaus zweifelhafte Vergnügen. Aber mit Öffis zu fahren war nun sicher keines meiner ernst zu nehmenden Probleme.

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        • Anna-Lena schreibt:

          Das glaube ich dir gerne 🙂 .
          Ein Freund von uns, ein Taxifahrer, hätte sie auch für einen Freundschaftspreis geholt, aber auch das war ja unzumutbar. Wir hatten ja alle Hände voll zu tun, Vorbereitungen treffen usw und konnten letztendlich auch gut ohne sie heiraten :mrgreen: .

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  2. Ruthie schreibt:

    Oh, dann hast Du ja auch schon einiges an Ärger und Sorge und Traurigkeit hinter Dir. Das Leben könnte so schön und unbeschwert sein, oder?
    Es tut mir leid! Ich drück Dich mal…

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    • Anna-Lena schreibt:

      Das ist lieb, liebe Ruth, aber ich leide nicht. Geärgert habe ich mich schon sehr oft, aber man kann einen Menschen nicht umkrempeln. Mein Mann kümmert sich zwar um sie, aber er hat ein sehr distanziertes Verhältnis zu ihr.

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  3. regenbogenlichter schreibt:

    Mir würde es wohl wie dir gehen…
    Liebe Grüße
    Ute

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  4. karlswortbilder schreibt:

    aber es gibt auch die andere Seite, Wenn Schwiegertöchter mit den Kindern die Straße wechseln damit die Kids den Opa nicht sehen … heute sind die Kids groß und sehr viel bei den Großeltern
    „Das Leben ist wie eine Hühnerleiter, kurz und besch …“
    lg
    karl

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    • Anna-Lena schreibt:

      Das glaube ich gern, lieber Karl. Familienkonstellationen sind vielfältig und nicht immer einfach. Oft fehlt auch der Mut, Klartext zu reden und unliebsame Dinge so aus der Welt zu schaffen.

      LG Anna-Lena

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  5. Doro schreibt:

    EIn so wahres Wort, Familie kann man sich nicht aussuchen. Ich bin froh, daß du es, so wie es sich hier liest, nicht so sehr an dich heranläßt. Es ist fast, bis auf ein paar Fakten, übrigens unsere Geschichte. Allerdings hat mein Mann 2005 einen endgültigen Schlussstrich gezogen und war danach wie ausgewechselt, losgelöst. 2008 ist sie gestorben, er ist noch mit zu Beerdigung gegangen, und hat auch versucht das Verhältnis zu seiner einzigen Schwester zu kitten, aber da sie der Klon ihrer Mutter ist, war das leider nicht mehr möglich 😦
    Liebe Anna-Lena, gut, daß wir wissen, daß wir, wenn wir einmal sterben nicht Gefahr laufen, sie wieder zu treffen, denn solche Biester landen definitiv in der Hölle und wir alle hier treffen uns irgendwann zu ner Riesenbloggerfete im Himmel 😉
    Das mit Eurer Hochzeit und dem 50 sten