Schrecksekunden

Eingekuschelt in ihre warme Decke und für einen kurzen Moment im unendlichen Reich der Träume, schreckte sie hoch. Die Zifferblätter auf ihrem Wecker zeigten 23.23 Uhr. Im ersten Moment konnte sie das Geräusch,  das sie geweckt hatte, nicht zuordnen. Doch in seiner Penetranz begriff sie schnell, dass es das Telefon war. Mit dem Blick erst auf die Uhr, dann auf das Telefon, setzte auch der Biorhythmus der Nacht aus und Herz- und Pulsschlag begannen   eine rasante Achterbahnfahrt.

„Um Gottes Willen, was ist denn nun passiert?“ Sie setzte sich aufrecht in ihr Bett und griff nach dem Hörer.

„Hier ist ein R-Gespräch für Sie. Wollen Sie es annehmen? Die Gebühren betragen…“.

Sie hatte instinktiv aufgelegt. In ihrem Kopf schlugen  die Gedanken Purzelbäume.

R-Gespräch, das hatte sie schon einmal im Fernsehen gesehen. Wenn Menschen in Not sind und keine finanziellen Mittel mehr haben, rufen sie an und der Angerufene  übernimmt die Kosten.

Sie zitterte am ganzen Körper. Fieberhaft überlegte sie, wer da angerufen haben könnte und vielleicht ihre Hilfe brauchte. Ludwig, ihr Sohn, war mit seiner Familie im Urlaub auf Gran Canaria und hatte sie  erst heute  angerufen. Ihre Tochter Christine hatte sie heute Nachmittag zum Kaffee und Abendessen abgeholt und wieder nach Hause gebracht.

Abends hatten sie noch einmal telefoniert und sie hatte fernmündlich ihren beiden Enkelkindern eine gute Nacht gewünscht.

Es muss sich um eine Verwechslung gehandelt haben. Mit diesen Gedanken legte sie sich wieder hin und versuchte, erneut einzuschlafen. Doch die Unruhe blieb und die Nacht blieb mehr oder weniger schlaflos.

Trotz ihres hohen Alters stand sie jeden Morgen um sieben Uhr auf.  An diesem Morgen war sie von einer inneren Unruhe getrieben. Heutzutage konnte man nicht vorsichtig genug sein. Noch in der Nacht hatte sie alle Türen und Fenster ihres Hauses überprüft, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren allein lebte.

Egal, sie brauchte Gewissheit und rief ihre beiden Kinder zu Nacht schlafender Zeit an, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging.

Am späten Vormittag rief Christine nach einer Recherche im Internet zurück und verscheuchte ihre letzten Zweifel. Tatsächlich war  das eine neue Art der Telefonabzocke.

Sie hatte richtig gehandelt und klopfte sich insgeheim auf ihre zweiundachtzigjährigen , von Arthrose geplagten Schultern.

 ©G.B. 5/12

 Anmerkung:

„Bei einem „echten“ R-Gespräch, er erhält nicht nur die Information, dass es sich um ein R-Gespräch handelt, sondern auch der Name des Anrufers und die Kosten pro Gesprächsminute werden ihm mitgeteilt. Ist der gewünschte Gesprächspartner dann bereit das Gespräch anzunehmen, wird die Verbindung hergestellt und die Kosten werden in die Telefonrechnung des Angerufenen einbezogen.“

Quelle: http://www.n-tv.de/ratgeber/Faule-Tricks-mit-R-Gespraechen-article6121791.html

Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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18 Antworten zu Schrecksekunden

  1. april schreibt:

    Furchtbar, wenn so mit den Ängsten und Befürchtungen von Menschen gespielt wird.
    LG dir, April

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  2. Himmelhoch schreibt:

    Ja aber, wer soll der Initiator solcher „gelinkten R-Gespräche“ sein? Die Teledingsbums? Irgendein dubioser Telefonanbieter, der von den entstandenen Gesprächskosten profitiert. – Ich werde mal den Artikel lesen. – Ich jedenfalls hätte wohl erst aufgelegt, wenn ich festgestellt hätte, dass es keine mir bekannte Person ist.
    Na gut, jetzt habe ich es gelesen. Heutzutage, wo fast alle mit Handy und Internet im Urlaub ausgerüstet sind, denke ich auch, könnte man einen „Notruf“ auch anders absetzen. Wenn es bei den 1,69 € bliebe, hielte sich ja der Schaden in Grenzen, nur der Schreck kann schlimmer sein.
    Lieben Gruß für dich!

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  3. Da ich drei Telefonnummern habe, gebe ich die dritte an, sofern ich eine Nummer aus irgendwelchen Gründen angeben muss aber eigentlich nicht will. Wenn es auf dem Anschluss klingelt ist stets Skepsis angezeigt. Als eine Frankfurter Nummer anrief, recherchierte ich anschließend nur im Internet, nahm den Anruf aber nicht entgegen. Und siehe da: Du schriebst es oben bereits. Die rufen allerdings über Automaten so oft an, bis jemand rangeht. Beim schrillionsten Anruf nahm ich den Hörer, knallte ihn gleich wieder auf und dann war Ruhe.

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  4. minibares schreibt:

    Super geschrieben.
    Ich weiß noch, wie es war, als wir das aushäusige Büro hatten. Da war eine Warnanlage. Und die schlug oft nachts an. Dann ging das Telefon von der Überwachungsfirma. Aber es war nie was. Bis wir mal bemerkten, dass nachts die Lastwagen über die schmale Straße donnern mit einer ungeahnten Geschwindigkeit, und dadurch wackelte die Tür und damit auch der Kleiderbügel, der an der Tür hing, wo der „Fühler“ drüber angebracht war.
    Dann waren wir auch immer hellwach, das kann ich dir flüstern. Die Nacht war dann immer hin. Es war immer so gegen 1.30h bis 2.30h ungegefähr.

    Ja, diese Telefonabzocker lassen sich immer wieder was Neues einfallen, echt schlimm.
    Schon gemerkt? – Der HAKEN IST WEEEECK 🙂

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  5. M. schreibt:

    Solche Anrufe hat meine Mutti im letzten Jahr auch mehrmals gehabt. Zum Glück war auch sie so klug, diese nicht anzunehmen. Wahrscheinlich aber auch nur, weil in einer Sendung, die „Vorsicht, Abzocke“ heißt davor eindringlich gewarnt worden ist und sie diese gesehen hat.

    Ich kann solche Betrüger nicht verstehen. Mit immer neuen Machenschaften versuchen sie es, ahnungslosen Menschen Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich erinnere mich noch, dass ich viele Abzocken in live erlebt habe, als ich noch in der ambulanten Pflege tätig war. Da kamen auch Anrufe, wo z.B. Rentner ihre Kontonummer bestätigen sollten. Schlimm finde ich so etwas, ganz schlimm.

    Liebe Anna-Lena, ich wünsche dir und deinem Mann ein wunderschönes Wochenende!

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  6. die3kas schreibt:

    Bravo!!!
    Gerade mit ältere Mitmenschen wird ja dauernd irgend ein böses Spiel getrieben, was meistens recht teuer ist.
    Da war die Dame aber mitten in der Nacht auf zack!

    Komme gut ins Wochenende ♥

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  7. kowkla123 schreibt:

    es ist einfach schlimm, was die Kriminellen sich alles so einfallen lassen, um andere abzu zocken, oft werden aber diese Ideen auch in sehr schlechten Verhältnissen geboren, also, ist es auch ein gesellschaftliches Problem, KLaus

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  8. O.Ph. schreibt:

    Liebe Anna-Lena,

    nun habe ich erstmal deine schöne Nahaufnahmen-Serie nachgelesen und -geschaut ..hab ja so einiges verpaßt bei dir 😉

    Eine tolle Geschichte hast du da verfaßt, die zu denken gibt .. ich wußte bislang nicht, dass diese Art der Abzocke existiert – das ist ja ganz schön heftig. Danke für die Warnung! Ich weiß gar nicht, ob ich auch so geistesgegenwärtig gewesen wäre ..vor allem mitten in der Nacht ..man weiß ja nie – obwohl mir jetzt auf Anhieb niemand Bekanntes oder Verwandtes einfallen würde, der im Ausland sein könnte.

    Ich wünsch dir ein wunderschönes Wochenende,
    liebe Grüße an dich, Ocean

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  9. Brigitte schreibt:

    Ich würde ebenfalls gleich auflegen. Die Tricks werden immer dreister. Es ist wichtig, dass du in Verbindung mit der Geschichte gleich diesen Hinweis ins Netz gestellt hast. Einmal gelesen, merkt man sich das!

    Schönes Wochenende und einen lieben Gruß, Brigitte

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  10. pinseljulie schreibt:

    Das war ja wirklich eine Aufregung….puh,
    ich wäre wohl nicht mehr eingeschlafen, voller Panik!
    Ich wünsche dir ein erholsames Wochenende!
    ♥ Julie ♥

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  11. bruni8wortbehagen schreibt:

    Na, da muß ich ja aufpassen, wenn nachts das Telefon läutet… Nur ein mieser Trick also.

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  12. Ruthie schreibt:

    Coole Story! Da würde mir das Herz auch bis oben hin klopfen!

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  13. Anna-Lena schreibt:

    Ihr Lieben,
    danke fürs Vorbeischauen, Lesen und Mitreden.

    Der Hintergrund dieser Geschichte ist ein realer, denn meine Mutter bekam vor einigen Tagen so einen Anruf. Sie legte geistesgegenwärtig auf und rief mich besorgt an. Wir haben gerade niemanden, der irgendwo im Ausland ist oder in Not sein könnte. Durch Herrn Google stieß ich auf den angegebenen Link, den ich für sehr wertvoll halte und euch weitergeben wollte..

    Ich denke, gerade dass ältere Leute oft auf so eine Masche hereinfallen und auch diejenigen, deren Kinder, Partner oder wer auch immer gerade weit weg verreist sind. Aus lauter Sorge, es könnte jemandem etwas passiert sein, stelle ich mir vor, dass man gar nicht bis zum Ende hinhört und darauf reinfällt.

    Seid vorsichtig, es kann ja jeden treffen. Genau hinhören, vor allem, woher das Gespräch kommt und wer in Not ist und dann entscheiden. Das war mir einfach wichtig.

    Ich konnte meine Mutter an dem Abend beruhigen und unser beider Nachtruhen retten.
    Einen lieben Gruß in einen hoffentlich sommerlichen Samstag.

    Eure Anna-Lena 🙂

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  14. buchstabenwiese schreibt:

    Da hast du die Realität schön in einer kleinen Geschichte verpackt, liebe Anna-Lena. 🙂

    Davon hatte ich bisher noch nichts gehört. Nun bin ich auf jeden Fall vorgewarnt, sollte es auch hier mal vorkommen. Ich bin zwar generell misstrauisch, was fremde Anrufer angeht, aber man weiß ja nie. 🙂 Danke dir.

    Liebe Grüße,
    Martina

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  15. suebilderblog schreibt:

    Das ungute Gefühl, welches die alte Dame in Deiner Geschichte und auch Deine Mutter hatten, kann ich gut nachvollziehen. Mir wäre es wahrscheinlich ähnlich ergangen.
    Ich finde es super, dass Du dies hier erzählt hast. Habe noch nie von dieser Art der Abzocke gehört. Danke für die Aufklärung.
    LG Susanne

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  16. chinomso schreibt:

    Unglaublich sowas. Das muss ich mal meinen Eltern erzählen. Danke für den Hinweis. Und wieder so schön verpackt in eine Geschichte.

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  17. Traveller schreibt:

    es wird auch vor keiner Sauerei zurückgeschreckt …

    entrüstete Grüße
    Uta

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