‘Körperwelten’ (9)

Das Speisezimmer

Wenden wir uns heute einem Teil unseres Luxuskörpers zu, der allgemein das ‚Speisezimmer’ genannt wird und der sich im Verlauf unseres Lebens immer wieder verändert.

Bei einem Neugeborenen entspricht das Speisezimmer einem leeren Raum in einer Neubauwohnung. In mühevoller Kleinarbeit wird er liebevoll eingerichtet, doch nach einer gewissen Lebensdauer muss der eine oder andere Mieter aus unerklärlichen Gründen weichen.

Nach der Periode der Milchzähne kommt eine neue Generation von Mietern, unbeirrbar, voller Lebenskraft, mit denen wir kräftig zubeißen können, solange sie nicht mit roher Gewalt behandelt werden. Eine regelmäßige Pflege und Durchlüftung ist notwendig, sonst gibt es leicht Stinke- und Stänkereien.

Die respektable Hausgemeinschaft kann so lange in Ruhe und Frieden leben, bis sich vier Neunmalkluge  dazu gesellen wollen. Das klappt nicht immer reibungslos, denn niemand will etwas von seinem eingenommenen  Platz abgeben. Entweder, die Bewohner arrangieren sich mit den Neuankömmlingen, genannt Weisheitszähne,  oder setzen alles daran, sie wieder frühzeitig loszuwerden.

Der Zahn der Zeit macht auch im friedlichsten Speisezimmer keine Ausnahme. Erste Schönheitsoperationen stehen an, dem Zahn wird mächtig an der Wurzel gerüttelt, ein neues Outfit, oft sehr kostenintensiv, lässt so manche kariöse Zahnruine wieder im rechten Weiß  erstrahlen.

Im allergrößten Notfall schlägt der Doktor der Zahnheilkunde eine Totalsanierung vor und die dritten Zähne erstrahlen im neuen Glanz, auch wenn das Konto danach leer ist.

Doch ein Fremdkörper bleibt ein Fremdkörper. Meist betrachtet er sich als Tagesgast in einer Fremdwohnung, verbringt er die Nächte lieber im Kukident-Wasserglas.

Je nach Lebensweise und Lebensart sind die Bewohner eines Speisezimmers friedliche Gesellen. Im Eifer des Gefechtes kann der eine oder andere schon mal an Fassung verlieren, seine Krone in einzelne Porzellanstückchen zerfallen oder das Zahnfleisch zieht sich konsequent zurück.

Gesellen einer besonderen Spezies sind der Kuchenzahn, als ein Relikt längst vergangener Zeiten, der Wackelzahn, der in seiner Körperspannung stark eingeschränkt ist und der süße Zahn, an dem keine Leckerei unbemerkt vorbeikommt.

Selbst die alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin wurde bisher als ‚hohler Zahn’ betitelt. Warten wir die Sanierung und deren Ergebnis ab.

Im täglichen Leben begegnet uns der Geselle Zahn öfter, als wir denken. In wie vielen Situationen müssen wir die Zähne zusammenbeißen, wenn uns das Leben herausfordert. Am Ende unserer Kräfte, wenn wir uns an einer Aufgabe die Zähne ausgebissen haben,  laufen wir auf dem Zahnfleisch. Und wenn wir gearbeitet haben wie ein Pferd und wie ein Kaninchen zu essen bekommen, ist das lediglich etwas für den hohlen Zahn.

In der heutigen Zeit sind manche bis an die Zähne bewaffnet, um sich in Gefahrensituationen wehren zu können. Oftmals geht es nach der Devise „Auge um Auge – Zahn um Zahn“.

 

Zähne machen Geschichte,

stehen uns gut zu Gesichte.

Und am Ende eines Lebens

war der Aufwand nicht vergebens.

Doch schließt sich hier der Kreis,

was jeder Mensch auch weiß.

Das Speisezimmer ist oft leer,

es gibt keine Bewohner mehr.

 

© G. B. 5/2011

Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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40 Antworten zu ‘Körperwelten’ (9)

  1. Super, war gerade heute beim Zahnarzt. Sie noch alle drin, zum Glück! LG Rana

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  2. Synapse schreibt:

    Ich gestehe, dass ich einen künstlichen Zahn habe. Als wir noch unsere Berner Sennen Hündin hatte, habe ich einen vorderen Schneidezahn eingebüßt. Sie sprang voller Freude mit ihren 52 kg Kampfgewicht an mir hoch und knallte mit ihrem Kopf an meinen Zahn. Zack, da war er ab. Ein neuer wurde eingepflanzt, so dass das Speiseservice komplett ist….

    Toll geschrieben, liebe G. !

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    • Anna-Lena schreibt:

      Oh je, aber einem Hund verzeiht man doch gern alles, oder?
      Wichtig ist, dass alles wieder komplett ist.

      Liebe Grüße zu dir und nimm dich vor Vierbeinern in acht :mrgreen:
      Herzlich,
      Anna-Lena

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  3. fudelchen schreibt:

    Bei mir alles ok, lediglich eine Brücke kam hinzu, die sitzt aber fest.
    Aber fein geschrieben und gedichtet 😉

    Liebe Grüße zum Abend

    Marianne ♥

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  4. Traveller schreibt:

    zwei Tage vor unserem Urlaub habe ich einem meiner Bewohner das Speisezimmer gekündigt – wegen mehrfacher Belästigung des Vermieters und der Nachbarn 😉

    immer wieder nett, was du in deinen Körperwelten so zusammenträgst

    lieben Gruß
    Uta

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  5. Träumerle Kerstin schreibt:

    Oh man, ist das witzig geschrieben! Ich bin echt am Grinsen 🙂
    Also ich habe noch ein gut bestücktes Speisezimmer und hoffe, das bleibt noch eine Weile so.
    Liebe Grüße von Kerstin.

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  6. Frank schreibt:

    Hallo, liebe Anna-Lena…

    Ja, es stimmt… Diese Zahnangelegenheiten begleiten uns auch durch’s ganze Leben…

    Aber ich bin jetzt hauptsächlich hierher gekommen, um wieder ein kleines Lebenszeichen zu senden… und eine gute Woche für Dich zu wünschen…

    Mit einem lieben Abendgruß hierher… Dein Blogwanderer Frank…

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    • Anna-Lena schreibt:

      Hallo Frank,

      schön, dass du wieder einmal vorbeischaust.
      Was ist nun mit einem eigenen Blog? Oder überlegst du noch?

      Ich schicke dir auch herzliche Grüße,
      Anna-Lena 😉

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  7. Himmelhoch schreibt:

    Wenn das Konto nach einer Totalsanierung oder Anschaffung dritter Zähne leer ist – dann übernachten diese aber nicht im Kukidentglas, denn diese zahlt überwiegend die Kasse – sondern sie behaupten sich fast so gut wie die zweite Generation, da sie künstliche Wurzeln haben, die ganz vornehm „Implantate“ heißen – und die sitzen astfest und übernachten im Mund.

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    • Anna-Lena schreibt:

      Nicht jeder hat bei den dritten Zähnen den Luxus von Implantaten, oder ist das mittlerweile normal? In Ermangelung der dritten Zähne habe ich da eine Wissenslücke 😆

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      • Himmelhoch schreibt:

        Auf keinen Fall sind Implantate normal – aber die üblichen dritten Zähne werden weitestgehend von der Kasse bezahlt und da ist wohl danach kaum bei jemandem das Konto leer. – Ich erwähnte es nur, weil du diesen Umstand angeführt hast. Also entweder leeres Konto, dann gefüllten Mund, auch in der Nacht – oder volles Konto, dafür evtl. leeren Mund in der Nacht oder auch am Tag, falls es drückt.

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        • Anna-Lena schreibt:

          Da bin ich ja beruhigt, liebe Clara, dass mich die Krankenkasse meines Vertrauens nicht enttäuscht, sollte ich mal eine Komplettsanierung benötigen 😆
          Danke für die beruhigende Auskunft.

          LG Anna-Lena 😉

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  8. Himmelhoch schreibt:

    Du vergaßest den „steilen Zahn“

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  9. Karl schreibt:

    ein guter Innenarchitekt bringt oft wieder Leben ins leere Speisezimmer :-))
    lg
    Karl

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  10. rosadora schreibt:

    und was mein zahnarzt gerade in meinem esszimmer für partys veranstaltet, will ich dir lieber nicht verraten.
    du fühlst ja mal wieder ganz schön auf den zahn, anna-lena. ins weisse getroffen.

    schönen tag dir
    rosadora

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  11. freidenkerin schreibt:

    Seit einer gründlichen Sanierung meines Speisezimmers vor etlichen Jahren, zwei Mitbewohner sind da wegen permanentem Radau machen entsorgt worden, einige andere bekamen ein hübsches Mäntelchen und Krönchen verpasst, funktioniert da drinnen zum Glück alles tipptopp… 😀
    Gar herrliche Beschreibung der Futterluke! Danke dir dafür! 😀
    Herzliche Grüße!

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  12. Brigitte schreibt:

    Sehr kurzweilige Speisekammer-Geschichte! Ideen hast du immer!

    Auf dem Zahnfleisch laufe ich nicht mehr, und nun ist noch zu hoffen, dass das Speisezimmer nicht zu bald leer wird. Aber noch ist das ganze Geschirr da, auch wenn nachgekauft werden musste. Wegs Unfall.

    Lieben Gruss, Brigitte

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  13. dorosgedankenduene schreibt:

    Nachdem ich gerade bei Bigi tröstende Worte wegen ihrer morgigen Wurzelresektion hinterliess, passt dein Beitrag hier wie Faust auf Auge. Wenn ich die Kommentare hier so lese, bin ich wohl die einzige, die schon die Totalsanierung hatte? Aber wir, also meine Beisser und ich schlafen nie getrennt, da kann kommen was will 😉 Kukident und Glas ist out. Und tuttikompletti schröpft auch das Konto nicht so, das ist noch erschwinglich.
    Aber deine Erklärungen sind einfach wunderbar.
    ♥liche Grüsse Doro

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    • Anna-Lena schreibt:

      Nun, fast jeder(r) kommt mal in eine solche Lage, liebe Doro.
      Mögen deine Beisser dir immer gute und zuverlässige Gesellen bleiben.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena ♥

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  14. Frau Momo schreibt:

    Kein gutes Thema…. in meine Speisekammer müßte ich tausende investieren 😦

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  15. bruni kantz schreibt:

    Renovierungen sind immer unangenehm. In diesem besonderen Speisezimmer sind sie ganz besonders unangenehm. Ich bin der größte aller Hasenfüße und drängele mich nicht gerne vor. Es geht auch noch, einiges ist modernisiert und Alt mit Jung funktioniert gut. Ich hoffe, es will mir nun niemand auf den Zahn fühlen und wissen wollen, warum ich ein Hasenfüßchen bin. Es gab ein traumatisches Erlebnis, als ich ca. 20 Jahre alt war und seitdem warne ich alle Zahnärzte vor. Sie reißen dann alle Fenster auf und fragen alle 2 Sekunden, wie es mir geht. Ist eigentlich auch ganz schön ☺ ☺ ☺ LG von Bruni

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    • Anna-Lena schreibt:

      Liebe Bruni,

      du machst es spannend, verrate uns doch, was damals passiert ist 😯
      Ein Hasenfuß bin ich zwar nicht, aber ich kann mir durchaus etwas Schöneres als den Gang zum Zahnarzt vorstellen 😆

      LG in den frühen Morgen,
      Anna-Lena

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  16. Quer schreibt:

    Schöne „Abhandlung“ dieses heiklen Themas. Hoffen wir, der Zahn der Zeit nage nicht zu sehr an unseren Zähnen!
    Liebe Mittwochmorgengrüsse,
    Brigitte

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  17. CK schreibt:

    Der Zahn der Zeit nagt überall, auch in unseren Speisezimmern! Eine nett geschriebene Geschichte 😛
    Und für die Finanzierung der letzten Bewohner gibt es ja noch diverse Vorsorge und Finanzierungsprogramme 😉
    LG, Christiane

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  18. Ocean schreibt:

    🙂 liebe Anna-Lena, das ist so klasse geschrieben. Mußte ja sehr grinsen wegen den „Neunmalklugen“ 🙂 Oh je, bei mir gab’s schon einige Renovierungen, und es stehen noch weitere an .. muss ja zugeben, dass ich ein bisschen auf Kriegsfuß mit diesen speziellen Handwerkern stehe 😉

    Liebe Grüsse an dich,
    Ocean

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  19. minibares schreibt:

    Boah Anna-Lena,
    das ist ein wunderbarer Abriß der Zahngeschichte vieler, vieler Menschen.
    Bei mir hat sich nicht nur das Zahnfleisch, nein gleich der Oberkiefer auf einer Seite zurückgezogen. Ganz nett! (teuer) !!!
    Implantate sind so teuer wie ein Kleinwagen. Und immer ist was drunter vom Essen. Am liebsten möchte ich mit dem Fingernagel drunter, nur die neuesten, die nun unten rechts sind, sind ziemlich hinten…. Man stelle sich vor, ich krauche da herum. Pruuuuuuuust.
    Also hilft nur, wenn unterwegs, Mund ausspülen. Das hilft meistens.

    Von Zähnen und deren Behandlung und „Erschaffung“ könnte ich Geschichten erzählen… will ich aber nicht mehr als nötig.

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  20. BeaNeu schreibt:

    Liebe Anna Lena,
    ich habe mich köstlich über Deine sehr humorvoll geschriebene Geschichte amüsiert!
    Ich habe in meinem Mund lediglich einen meiner Untermieter gekrönt, ansonsten sind sie alle noch mehr oder weniger vollständig erhalten. Nur bei zweien der Neunmalklugen, da musste ich leider letztendlich ein Machtwort sprechen, und ihnen die Kündigung ausstellen. Sie konnten sich nicht an die Regeln der Hausgemeinschaft halten, da gibt es keinen anderen Weg :mrgreen:
    Liebe Grüße von:
    Beate

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