Unterwegs

Er eilte durch die Bahnhofshalle des Berliner Hauptbahnhofes. Sein Blick wanderte nervös zwischen seiner Armbanduhr und der Gleisanzeige hin und her. Der Regionalzug aus Werder war mit fast zehn Minuten  Verspätung eingelaufen. Um den Anschlusszug zu erreichen, musste er sich beeilen. Kein Problem, wäre da nicht das dringende menschliche Bedürfnis gewesen, das ihn in der Lendengegend peinigte.

Der Anschlusszug fuhr donnernd ein. Nervös trat  er von einem Fuß auf den anderen. Reisende stiegen aus, mit Koffern und Taschen beladen. Sein Blick suchte das stille Örtchen. Aufatmend ließ er sich in der Sitzreihe in Reichweite der breiten Toilettentür, die gleichzeitig auch für Behinderte im Rollstuhl ausgerichtet war, nieder und schloss die Augen. In wenigen Minuten fuhr der Zug ab und er konnte seine Notdurft  verrichten.

Langsam fuhr der Zug an. Doch was war das? Er hatte die Toilettentür fast durchgängig im Auge behalten, saß auf dem Sprung und nun leuchtete die rote Lampe, ein Zeichen, dass die Toilette bereits besetzt war. Panik stieg in ihm auf. Er starrte auf die Tür und versuchte sich zu erinnern, in welchem Moment er den Blick abgewendet hatte.

Ein junger Mann kam die Treppe hinunter, nach ihm eine junge Frau. Beide hatten offensichtlich dasselbe Bedürfnis, starrten verdutzt die breite Tür des WC an und fixierten den roten leuchtenden Knopf in der Tür.

Der Zug hatte seine volle Fahrtgeschwindigkeit erreicht. Nichts tat sich. Wie eine große leuchtende Tomate zog die rote Lampe die Blicke dreier Menschen magisch an.

Der junge Mann bekam Zweifel und prüfte als erster, ob die Toilette auch wirklich verschlossen war. Sie war verschlossen, es gab keine Zweifel. Die junge Frau erwachte als erste aus ihrer Starre, setzte sich entschlossen in Bewegung und steuerte zügig  eine andere Toilette an.

Wie auf ein Wunder wartend, fixierten der junge Mann und der Mann neben mir weiterhin die Tür.

„Neun Minuten, so lange braucht kein Mensch, um seine Angelegenheit dort zu erledigen“, stöhnte der Mann an meiner Seite. Der junge Mann vor der Tür nickte ihm wortlos zu. Einer plötzlichen Eingebung folgend, straffte er seine Schultern und schlug den Weg ein, den die junge Frau vor ihm gegangen war.

„Sicherlich ist dort ein Rollstuhlfahrer drin und der braucht einfach länger“, versuchte ich den Mann an meiner Seite zu beruhigen.

Nichts tat sich. Es waren auch keine Geräusche zu hören, niemand hatte den Notfallknopf betätigt oder um Hilfe gerufen. Die rote Lampe leuchtete weiterhin unerbittlich vor sich hin.

Mittlerweile hatte der Zug die Hälfte seiner Fahrstrecke hinter sich gelassen und fuhr in den Bahnhof Gesundbrunnen ein.

Wie auch am Hauptbahnhof stiegen Menschen aus, andere wieder ein. Der Zug setzte sich erneut in Bewegung und der Mann an meiner Seite auch. Mit verkniffenem Gesicht stand er auf und machte sich, wie die beiden vor ihm, auf die Suche nach einem anderen stillen Örtchen. Es ist kaum zu glauben, welche Faszination eine geschlossene Toilettentür auf Reisende ausüben kann. Man wagt kaum, den Blick in eine andere Richtung zu wenden, denn des Rätsels Lösung blieb nach wie vor offen.

Weitere Reisende mit einem ähnlich gelagertem Problem wurden mittlerweile umgehend zu einer anderen Stätte geschickt.

Etwa fünf Minuten vor dem Zielbahnhof war ein deutlich hörbares Zischen zu hören, das an das Entweichen von Kohlensäure aus einer Riesenwasserflasche erinnerte. Von links nach rechts schob sich die Toilettentür gleichmäßig auf. Das Innere der Toilette interessierte niemanden. Alle Augenpaare starrten wortlos auf ein junges, sehr lebendiges und unversehrtes  Paar, das selbstbewusst, Hand in Hand, aus der Kabine kam und zielgerichtet zur Tür ging. Ich erinnerte mich dunkel, dass dieses Paar ebenfalls am Hauptbahnhof eingestiegen war. Blitzartig erkannte ich die Frau, deren Schwangerschaftsbauch mir, wie eine Momentaufnahme, im Gedächtnis haften geblieben war.

Beide waren um die dreißig und sahen etwas übernächtigt aus.

Zweiundzwanzig Minuten hatten sie in dieser Toilettenkabine zugebracht, womit auch immer sie beschäftigt gewesen waren, ohne Rücksicht darauf, dass eventuell andere Mitreisende, womöglich Behinderte im Rollstuhl,  ein dringendes Problem haben könnten.

©Anna-Lena, 5/2011

Diese Geschichte ist eine wahre Begebenheit, von uns am vergangenen Sonntag live und in Farbe erlebt 😯

Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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47 Antworten zu Unterwegs

  1. GZi schreibt:

    Hmmm, normalerweise würde man ja an etwas Bestimmtes denken 😳 😉 gleich danach stellt sich die zweite Frage, ob sie vielleicht keinen Fahrschein hatten??? Auf alle Fälle ziemlich fies den Mitreisenden gegenüber, die diesen Ort wegen seiner eigentlichen Bestimmung dringend benötigen!

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    • Anna-Lena schreibt:

      An einen fehlenden Fahrschein habe ich auch erst gedacht, aber die Gesichter der beiden drückten klar etwas anderes aus.
      Mal abgesehen von der Unverschämtheit den Mitreisenden gegenüber, würde alleine der Gedanke an einen solchen Ort und seine Un-Hygiene Herpes in mein Gesicht zaubern 😯 .

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  2. Himmelhoch schreibt:

    Bloß gut, dass das „live und in Farbe“ nicht so weit ging, dass es mancher nicht mehr bis zur nächsten Toilette geschafft hat.
    LG von CC

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  3. Ocean schreibt:

    …uff, das was Clara geschrieben hat, dachte ich auch gleich. Und es ist wirklich rücksichtslos gegenüber den anderen – leider findet man sowas in der Art immer öfters, dass Leute nur an sich denken und keinen Gedanken daran verschwenden, ob andere dadurch Probleme kriegen.

    Liebe Grüsse an dich 🙂
    Ocean

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  4. Karl schreibt:

    ähnliches Erlebnis hatte ich einmal hoch über Indien, da kann man schon ins Schwitzen kommen. Für gewisse Dinge gibt es Sackerln (Tüten) 😉 aber eben nicht für alles.
    Liebe Grüße,
    Karl

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  5. april schreibt:

    So geschrieben, dass es richtig spannend ist und man auf die Auflösung fiebert. Aber ein Rätsel bleibt ja noch. Komisch, das Ganze. Was haben sie bloß gemacht? Vielleicht gibt das den besonderen Kick? ? Ich denke auch, dass dies ein Ort ist, wo man sich besser nicht zu lange aufhält, am besten gar nicht.

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  6. Synapse schreibt:

    Das letzte Mal bin ich mit dem Zug nach Dresden gefahren, um auf dem Weihnachtsmarkt zu gehen. Wir hatten diese Fahrt unseren Kindern zum Nikloaus geschenkt. Der Zug war überfüllt und es gab nur noch einen Platz an der Wand, wo man den Sitzherunterklappen konnte – genau dem WC gegenüber. Ich habe da so sitzend auch meine Studien abgehalten. Und wenn ich mich recht entsinne, musste ich mein Gesicht bei jedem Öffnen der Tür abwenden, um diesen Geruch anzuwenden. Und wenn ich mir nun vorstelle, dass man da Spaß haben kann? Graus oh Graus. Ich kann schon so kaum auf öffentlichen WC meinen Bedürfnissen nachgehen und dann …, nein, ich wage es nicht zu schreiben.
    Manche schrecken vor nichts zurück. Brrr und schüttel.

    Dein Bericht aber wieder einmal erstklassig. Danke liebe G.

    Herzlicher Gruß, Mandy

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    • Anna-Lena schreibt:

      Nee, Mandy, Spaß kann ich mir da auch nicht vorstellen. Ich würde es ja noch als den besonderen Kick verstehen, wenn der Reiz des Entdeckt-Werdens da gewesen wäre. Aber die Tür war definitiv gesperrt 😯
      Manche Leute haben eben einen besonderen Geschmack *kopfschüttel*

      Liebe Grüße auch zu dir 😉

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  7. Gudrun schreibt:

    Oh, oh, das ist ja ein Ding. Der arme Kerl hat bestimmt jetzt Muskelkater in den Oberschenkeln. Ich konnte das jetzt richtig mitfühlen.

    Liebe Grüße aus dem Spinnstübchen

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  8. Träumerle Kerstin schreibt:

    Krass! Da rätselt man wirklich, was da drinnen nun passiert ist. Hatten die es so nötig?
    Liebe Grüße von Kerstin.

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  9. Im ersten Moment hatte ich Mitleid mit den beiden – arm und verlassen….Aber du hast Recht: Es ist ganz schön dreist! LG von Rana

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  10. freidenkerin schreibt:

    Es scheint so, als würden manche den besonderen Kick suchen – ohne Rücksicht auf andere…

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  11. Emily schreibt:

    Ich hoffe, auf einen fehlenden Fahrschein. Über alles andere mag ich gar nicht nachdenken 😳

    Liebe Grüße, Emily

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  12. minibares schreibt:

    Aber alle Gequälten haben es irgendwie mehr oder weniger gesund überstanden?
    Tja, was mögen die da drinnen getan haben????

    Eigenartig, eigenartig, sehr, sehr eigenartig.

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  13. Quer schreibt:

    „Liebende sind asozial“ sagte Peter Bichsel in einem Film, den ich kürzlich sah. Und er hat Recht: Liebende sind asozial!

    Lieben Gruss, Brigittte

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  14. Follygirl schreibt:

    Das beweist mir wieder, ich bin ganz wunderbar zu Hause aufgehoben… glaube nicht, das ich das so einfach ohne Kommmentar hingenommen hätte.
    Hat denn keiner etwas dazu gesagt?
    Weiter will ich nicht darüber nachdenken…ist mir zu eckelig…
    LG, Petra

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    • Anna-Lena schreibt:

      Mein Mann war mächtig sauer und hat sie kurz vor dem Aussteigen angesprochen, dass so ein Verhalten unmöglich sei und ob sie sich vorstellen könnten, dass andere die Toilette auch benutzen wollten. Die Antwort war ein grinsendes „Na, und“?

      Was willst du da noch sagen?

      LG Anna-Lena

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  15. Brigitte schreibt:

    Es ist ja ganz egal, was sie dort drinnen erledigt haben. Ich finde es eine Unverschämtheit, einen Ort, der eindeutig für Behinderte deklariert ist, auf welche Art auch immer, zu gebrauchen.

    Das habe ich übrigens auch schon oft auf Behinderten- oder Frauenparkplätzen festgestellt. Das wird einfach ignoriert. Junge Dynamiker parken da mit ihren Touaregs besonders gerne. Ich habe da schon auch mal was gesagt, wobei dann derjenige derart überrascht war, dass er sofort weg gefahren ist.

    Doch, du hast es sehr gut geschrieben!

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    • Anna-Lena schreibt:

      Normalerweise kann ich meinen Mund auch nicht halten. Als die daraus kamen, war ich erst mal im wahrsten Sinne sprachlos.

      Was Frauenparkplätze im ‚meinem‘ regelmäßig besuchten Berliner Parkhaus anbelangt, habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Aber meist fahren die männlichen Besetzer nach einer kurzen Einführung in die Technik des Lesens wieder weg 😆 und suchen sich einen anderen Parkplatz.

      Hab einen feinen Tag, liebe Brigitte.

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  16. rosadora schreibt:

    liebende sind asozial, den film, liebe brigitte, sah ich auch. ich hab ihn sogar aufgenommen und später angesehen. na, dazu andernorts mehr.
    ich habe gedacht, eine spontangeburt…. (ich selbst hatte es so eilig).
    aber wo ist dann das baby?
    grund zu neuen spekulationen…

    es grüsst
    rosadora

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  17. ELsa schreibt:

    Nunja, irgendwie musste ich nach der Auflösung schon lachen, liebe Anna-Lena, ich finds herzerfrischend, Herpes hin und her. Zudem gibt es ja mehrere WCs in den Zügen, man kann ausweichen.

    😉

    Liebe Grüße
    ELsa

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  18. Keine Tickets oder andere „menschliche Bedürfnisse“?

    Hat niemand gegen die Tür geklopft und später getrommelt?

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    • Anna-Lena schreibt:

      Jeder war wohl gespannt, ob sich das Geheimnis der verschlossenen Tür noch lösen würde. Die ‚Notdürftigen‘ suchten sich eine andere Alternative und der Rest starrte gebannt auf die Tür. Vom breiten Grinsen bis zum Entsetzen waren alle Gefühlsregungen nach der Öffnung der Tür anzulesen 😉

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  19. chinomso schreibt:

    Leute gibts, die gibts gar nicht. Ich bin schon mal froh, dass es kein Geruchsbloggen gibt.

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  20. Susanne schreibt:

    Ich stelle mir gerade die Not vor, wenn man dringend muss und vor langer verschlossener Türe steht. Wenn dann noch offentsichtlich ist, was sich hinter der Tür abgespielt hat, dann wäre ich wahrscheinlich auch sprachlos gewesen. Das Verhalten der beiden ist absolut egoistisch, unverschämt und einfach nur billig.

    LG Susanne

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  21. buchstabenwiese schreibt:

    😀
    Anscheinend hatten die beiden auch ein dringendes Bedürfnis. :mrgreen:

    Amüsierte Grüße
    von
    Martina, die – die Hygiene mal unbeachtet – darüber lachen kann, da sie ja nicht mit einem anderen dringenden Bedürfnis vor der Türe gestanden hat 😉

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  22. bruni kantz schreibt:

    Dringende Bedürfnisse sollten befriedigt werden können … , bevor „bleibende “ Schäden zurückbleiben. ☺ Es wäre schon toll zu erfahren, warum sie wirklich da drin ausgehalten haben – so lange. Bequem ist es da sicherlich nicht.
    Sehr nachdenkliche Grüße von Bruni

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  23. Traveller schreibt:

    bei deiner Geschichte schwankte ich zwischen Schmunzeln und Stirnrunzeln
    einerseits gönnt man den beiden was-auch-immer
    andererseits ist das wirklich arg rücksichtslos

    auf jeden Fall zeigt sich mal wieder: das Leben schreibt einfach gute Geschichten

    lieben Gruß
    Uta

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    • Anna-Lena schreibt:

      Das sind die besten Geschichten, die das Leben schreibt. Ich war mit drängender Blase nicht betroffen, daher schwankte ich auch zwischen Entsetzen und Schmunzeln 😉

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