Stecken geblieben

Mit einem knarrenden Geräusch öffnete sich die mächtig zerkratzte und leicht zerbeulte Fahrstuhltür.
‚Na endlich’, dachte sie erleichtert, umschloss ihre Handtasche ein wenig fester und stieg mit einem knappen „Morgen“ ein.

Der junge Mann, der lässig an der hinteren Fahrstuhlwand lehnte, betrachtete sie interessiert. Er hatte ihr Gesicht nur kurz gesehen  und was er gesehen hatte, gefiel ihm. Nun drehte sie ihm den Rücken zu. Versonnen betrachtete er ihr kastanienbraunes schulterlanges Haar, von dem ein betörender Duft ausging. Sei Blick ging abwärts und blieb ein paar Sekunden auf ihren Hüften und dann länger interessiert an langen, wohlgeformten Beinen  hängen, die in  beigefarbenen Pumps steckten.

Nachdem die rote Fahrstuhlanzeige gerade noch die rote Acht angezeigt hatte, gab es einen deutlichen Ruck und dann war Stille. Hektisch drückte die junge Frau mehrmals die Erdgeschoss-Taste, aber nichts rührte sich. Sie drehte sich zur Seite und sah ihr Gegenüber ratlos an. Ihr flehender Blick bedeutete ihm ‚Tu was!’. Aber sie sagte nichts.
„Scheint so, als seien wir stecken geblieben.“
„Und nun?“
„Wir müssen warten. Irgendjemand wird uns hier schon rausholen.“
Nervös blickte sie auf ihre Armbanduhr und im fahlen Licht der Beleuchtung schien sie sehr blass geworden zu sein.
Sie drehte ihm wieder den Rücken zu, drückte wieder die E-Taste und wartete.
„Das wird nichts nützen.“ Er stellte sich neben sie, berührte dabei wie zufällig ihren linken Arm und drückte die Notruftaste. Als sich eine dunkle Männerstimme meldete, beschrieb er die Situation und nachdem die Stimme aus dem Lautsprecher versprach, sich darum zu kümmern, postierte er sich wieder in seine Ecke.
„Sehen Sie, wir müssen etwas warten, alles wird gut.“
„Ich kann aber nicht warten, ich habe es eilig.“

Amüsiert blickte er sie an.
„Hier ist eine Luke im Dach. Wollen Sie vielleicht vorher aussteigen? Wenn wir eine Räuberleiter machen, kommen Sie da hoch.“
Strahlend weiße Zähne erschienen inmitten seines Drei-Tage-Bartes und seine blauen Augen strahlten belustigt.
„Sie brauchen sich gar nicht über mich lustig zu machen“, antwortete sie giftig.
„Sorry, das wollte ich nicht.“
Es war ihm nicht entgangen, dass ihr Blick nervös hin und her ging und sich leichte Schweißperlen auf ihrem Gesicht gebildet hatten, die in winzigen Rinnsalen ihre Wangen hinunterliefen. Ihr dezent geschminktes Gesicht verlor zusehends an Frische.
Er öffnete seinen Rucksack, fingerte eine kleine Plastikflasche Apfelsaftschorle heraus und reichte sie ihr.
„Trinken Sie, das macht die Warterei leichter.“
Mit einer Zeitung begann er, ihr Luft zuzufächeln.
„Lassen Sie das, ich schwitze nicht.“
Irritiert schaute er sie an.
„Und warum läuft Ihnen der Schweiß das Gesicht runter?“
Sie zögerte. Was ging ihn denn an, dass sie unter Claustrophobie litt? Aber da er sich schon so um sie kümmerte, warum sollte er nicht wissen, wie ihr zu Mute war?
„Ich habe Probleme in geschlossenen Räumen. Normalerweise nehme ich die Treppen, aber heute habe ich einen wichtigen Termin, zu dem ich nicht abgehetzt kommen wollte.“

Verzweifelt schaute sie auf ihre Armbanduhr.
„Das hat sich sowieso erledigt, wenn wir hier noch ewig warten“, setzte sie resigniert hinzu.

Er schaute sie mitfühlend an. Hoffentlich kollabierte sie nicht. Fieberhaft überlegte er, was er im Falle eines Falles zu tun hätte, falls er bei ihr Erste Hilfe leisten müsse. Gegen eine Mund-zu-Mund-Beatmung hatte er nichts einzuwenden. Was aber sollte er tun, wenn sie anfangen würde, hysterisch zu schreien?  Oder vor lauter Panik auf ihn losginge?
Ablenkung ist immer gut.
„Wo müssen Sie denn hin? Vielleicht schaffen Sie es doch noch?“
„Ich habe einen Termin in der Nürnberger Straße und wenn mir nicht gleich an der nächsten Ecke ein Taxi zu Hilfe kommt, platzt der Termin.“
„Das Taxi ist schon da“, bemerkte er grinsend.
Ihre graugrünen Augen blickten ihn irritiert an.
„Im Ernst, ich habe ein Taxi, das ich nur aus der Tiefgarage fahren muss.“

Im Treppenhaus waren von Ferne Schritte zu hören.
„Hallo, wo sind sie?“, fragte die tiefe Stimme von vorhin aus dem Lautsprecher.
„Hier,“ antworteten beide, wie abgesprochen und sahen sich an verblüfft an. Sie schauten sich an und zum ersten Mal sah er das süßeste  Lächeln, das er je im Gesicht einer Frau gesehen hatte.
Mit diversen Werkzeugen wurde die ohnehin nicht mehr intakte Fahrstuhltür aufgebrochen.
Und nun das! Sie steckten zwischen zwei Stockwerken. Da gab es nur eine Möglichkeit, sie mussten runterspringen, wenn sie nicht auf eine komplette Reparatur warten wollten.

Warten Sie, ich springe zuerst, dann Sie. Ich fange sie auf.“
Er war ein schlanker, sportlicher Typ, der die Höhe von etwa ein Meter und fünfzig locker wie eine Treppenstufe nahm.
„Kommen Sie,“ rief er ihr ermutigend zu.
Sie sprang direkt in seine Arme und einem inneren Impuls nachgebend, drückte er sie einen Moment ganz fest an sich.
„So, nun aber los.“
Er nahm ihre Hand und gemeinsam rannten sie die Treppe hinunter zur Tiefgarage.

Während er sicher, aber ausgesprochen zügig die Berliner Innenstadt durchquerte, betrachtete sie ihn von hinten.
Sie wohnten offenbar in einem Haus und sie hatte ihn noch nie gesehen. Dabei wäre ihr jemand wie er sofort aufgefallen. Als sie mit quietschenden Reifen vor dem besagten Gebäude hielten, wurde sie aus ihren Überlegungen gerissen.
„Beeilen Sie sich, Sie haben noch drei Minuten Zeit, das können Sie schaffen.“
„Aber, was…“ Sie wollte ihn fragen, was sie ihm schuldig sei.
Er lächelte sie an und sagte: „Ich bin in einer Stunde wieder hier. Und wenn ich Sie dann wieder sehen sollte, gehen wir frühstücken und Sie erzählen mir, welch wichtigen Termin Sie gerade noch geschafft haben.“
„In Ordnung“, antwortete sie und dachte beim Aussteigen, dass es das erste Vorstellungsgespräch in ihrem Leben war und welche Umstände sie auf Umwegen  hierher geführt hatten.

© Anna-Lena 2009

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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28 Antworten zu Stecken geblieben

  1. Himmelhoch schreibt:

    Liest sich ja richtig schnuckelfetzig, nur ich möchte nicht mit Klaustrophobie in so einem engen Fahrstuhl stecken, denn nicht immer hat man so einen „Traumprinz“ als Begleiter. – Das Gespräch kann nur gut ausgehen.
    Gute Nacht wünscht Clara

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  2. GZi schreibt:

    Oh – wie schön, dass es eine Geschichte ist, da kann man sich ein Doppel-Happy-End denken!

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  3. chinomso schreibt:

    Toll. Eine schöne Geschichte mir allem was es braucht, um eine Fortsetzung zu schreiben. Du wärst sicher sogar in der Lage, da ein Buch draus zu machen.

    Ich seh sie richtig vor mir, die Beiden. Und ich würde gerne Mäuschen spielen, wenn sie sich wieder sehen.
    Werden sie?

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    • Anna-Lena schreibt:

      Eigenlich nicht – zumindest hatte ich das nicht geplant.

      Für einen Roman habe ich schon ein Konzept, aber vor den Sommerferien ist da gar nicht dran zu denken :-(.

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  4. april schreibt:

    Danke für die Samstagmorgengeschichte. Und wieder so geschrieben, dass man gerne eine Fortsetzung hätte.
    Einen tollen Samstag wünsch‘ ich dir,
    herzliche Grüße
    Ingrid

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  5. Gedankenkruemel schreibt:

    wie schön diese Geschichte..so romantisch.

    Aber Klaustrophobie, die Ärmste.

    Danke..ja ich hätte auch gerne eine Fortsetzung.
    Vieleicht schreibst du sie für uns.

    Liebe Grüsse
    Elke

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ich glaube nicht, liebe Elke, dazu habe ich zu viele andere Dinge vor.

      Hab eine wunderbare London-Reise, mit vielen schönen Eindrücken und besonders gutem Wetter :-).

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  6. Gedankenkruemel schreibt:

    Danke liebe Anna-Lena,
    ich freu mich so.
    Pass auf dich auf..
    Ein dickes Drückchen back 🙂
    Elke

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  7. Brigitte schreibt:

    Die Fortsetzung deiner Geschichte bleibt nun wohl unserer Fantasie überlassen!

    So wird man gefordert!

    Weiterhin gutes Schaffen, und natürlich auch zwischendurch eine schöne Pause! Lieben Gruss, Brigitte

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  8. Lilie schreibt:

    Hach, wie schön, trotz Klaustrophobie …
    Lieben Samstagsgruß zu dir
    Iris
    P.S. Mail habe ich soeben beantwortet 😉

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  9. Follygirl schreibt:

    Ich konnte so richtig mitleiden… aber es ging ja gut… nun könnte das ja noch eine tolle Liebesgeschichte werden.
    Hat mit gut gefallen…danke!
    Liebe Grüße, Petra

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  10. farbenreich schreibt:

    Von mir erhältst Du liebe Sonntagsgrüße, denn ich habe diese schöne Geschichte gerade erst gelesen.

    Also ich fahre auch nicht in allen Aufzügen. Es gibt welche, da fahre ich echt nicht gerne alleine oder betrete sie erst gar nicht, und wenn ich zu Fuß in den 6. Stock muss!

    Und, wenn ich mir so eine Situation vorstelle, dann wäre ich da mit meinem real gewordenen – dehalb nun eben zum Glück nicht mehr vohandenen – „TRAUM“Prinzen. 😉 Er ist vielmehr mein REAL-Prinz 😉 ;-). Und die Geschichte, wie wir uns wieder getroffen haben, ist ein Kitschroman, der wirklich so passiert ist … Vielleicht schreibe ich das auch mal für Euch und andere in meinen Blog …

    Schade eigentlich, dass es keine Fortsetzung von Deiner Geschichte gibt!

    Einen schönen Sonntag
    wünscht Dir Sabina

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  11. Andrea schreibt:

    Eine tolle Geschichte, liebe Anna-Lena,

    ich hätte mich auch über eine Fortsetzung gefreut. Da das nicht möglich ist, wär es vielleicht mal eine Idee, andere dazu zu animieren? Vielleicht ist der Taxifahrer gar keiner solcher und wir werden es niemals erfahren …

    Liebe Sonntagsgrüße,
    Andrea

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  12. Anna-Lena schreibt:

    @all:

    Diese Geschichte ist in meinem „Kirschmundgeflüster“ bereits veröffentlicht.

    Und jetzt eine Fortsetzung zu schreiben, wäre für mich so wie ‚kalten Kaffee‘ aufwärmen.

    Andreas Idee, dass jemand von Euch eine Fortsetzung schreibt, finde ich toll.

    Nur zu – das kann ein tolles Projekt werden.

    Liebe Sonntagsgrüße zu Euch,

    Anna-Lena

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  13. Elfe schreibt:

    Liebe Anna-Lena

    Mit Deiner Geschichte hast Du mich jetzt auch ein wenig ins Schwitzen gebracht. Ein wichtiger Termin und ein Fahrstuhl, der steckenbleibt ist gerade das letzte was man sich wünscht. Da hat wohl das Leben eingegriffen um zwei füreinander Bestimmte zusammenzubringen *lächel*.
    Herzliche Grüsse in Deinen Sonntag
    Elfe
    P.S. Die Illuminati werde ich mir auch noch als Film anschauen, ist bestimmt interessant wie der Regisseur darin die Personen darstellt.

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  14. Ocean schreibt:

    Hallo liebe Anna-Lena 🙂

    was für eine schöne und romantische Geschichte .. mit gutem Ende, einfach toll zu lesen!

    hihi, soviel Glück hatte ich nicht, als ich damals im Fahrstuhl steckengeblieben bin – war allein drinnen (aber nach einer Viertelstunde wurde ich dann auch „gerettet“ vom Hausmeister) ..wenn man dann Klaustrophobie hat, oh oh ..

    Einen schönen Sonntagabend dir, und eine nicht zu stressige neue Woche wünscht dir mit lieben Grüßen
    Ocean 🙂

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  15. Quer schreibt:

    Zufälle gibt es, die sind wie geschaffen für die Liebe… 🙂
    Schööön!

    Liebe Grüsse,
    Brigitte

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  16. Mamü schreibt:

    Liebe Anna-Lena,

    ich wollte schön länger mal hier vorbeischauen und ein paar Grüße dalassen. Jetzt tue ich es einfach mal. 🙂

    Ein süße Geschichte. Schön geschrieben. Manchmal hat eben auch das vermeintlich Schlechte etwas Gutes. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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    • Anna-Lena schreibt:

      Hallo Martina,

      hab ganz lieben Dank für deinen Besuch bei mir und deinen netten Kommentar.
      Sobald ich wieder etwas Luft habe, schaue ich auch bei dir vorbei.

      Bis dahin,
      liebe Grüße
      Anna-lena

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  17. Martha schreibt:

    Ich bin auch mal in einem Fahrstuhl stecken geblieben. Leider hat dort kein schnuckeliger Mann auf mich gewartet. Der Fahrstuhl war gläsern und ziemlich hoch oben, mit Blick auf die Straße. Man, ich hatte wirklich Angst. Ich rief panisch die Polizei an, die dann mit Feuerwehr und Notarzt nach einer geschlagenen Stunde aufkreuzte. Ich musste dann über eine Leiter nach draußen klettern. Naja, jetzt nehme ich lieber die Treppe, denn die Notrufknöpfe funktionieren irgendwie nie. Ist ja auch besser für die Figur. Und wenn ich sehe, dass mein Traumprinz in den Fahrstuhl steigt, dann husche ich einfach doch noch mit hinein. Man sollte ja keine Chance verpassen 😉

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    • Anna-Lena schreibt:

      Hallo Martha,

      wenn der Traumprinz einsteigt und du das Glück hast, noch hinterher zu huschen, kannst du ja für den Fall der Fälle den Stop-Knopf drücken. Meist bleibt so ein Fahrstuhl dann nicht einfach stecken ;-), da muss Frau nachhelfen ;-).

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  18. Traveller schreibt:

    na, das ist ja nochmal gut gegangen
    ein hübscher kleiner Film, den man in aller Ruhe weiterspinnen kann

    lieben Gruß
    Uta

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