Risiken und Nebenwirkungen

Eingehend betrachtete sie sich im Spiegel. Die Narben waren fast völlig verheilt und ein  zufriedenes Gesicht lächelte ihr entgegen. Ihr Blick glitt an ihr herab und was sie sah, erfüllte sie mit innerer Genugtuung. Sie hatte es geschafft und sich einen Traum verwirklicht.

Ein langer, harter  Weg lag hinter ihr. Trotz der Schmerzen, die sie noch hatte, war sie glücklich und hatte einen Elan, den sie in den letzten Jahren oft vermisst hatte.

Sie hatte ihren Koffer gepackt. In einer halben Stunde würde ihr Taxi zum Flughafen kommen und am Nachmittag würde sie zu Hause sein, nach vier langen Wochen.

Sorgfältig schminkte sie sich. Sie hatte sich ein eng anliegendes Kostüm für die Reise gekauft, das ihrer Figur schmeichelte.

Wie in jedem Jahr hatte sie vorgegeben, ihre vier Wochen Urlaub in Bulgarien  zu verbringen. Das war ihr jährliches Highlight, im Juni mit einem Koffer voller Sommerbekleidung und ausreichend Büchern für vier Wochen allein ans Meer zu fahren und sich zu erholen. Sie liebte es, völlig alleine zu sein, in den Tag hinein zu leben und zu tun, was ihr gefiel. Und sie hatte Zeit zu lesen. Im Urlaub verschlang sie alles, was sie in Buchform  in die Hände bekam.

In ihrem Beruf als Maklerin war sie erfolgreich und verdiente sehr gut.

Ihre Ehe war glücklich, die Kinder waren aus dem Haus.

Trotzdem  war sie schon lange mit sich selbst nicht mehr zufrieden gewesen und ein grauer Schleier hatte sich hartnäckig auf ihre Seele gelegt.

Die Geburt von drei Kindern hatte deutliche Spuren auf ihrem einst makellosen Körper hinterlassen. Besenreiser und Krampfadern ließen sich nicht überschminken. Ihre Brüste hatten an Straffheit eingebüßt. Der Beginn der Wechseljahre hatte zudem ein Pfund nach dem anderen an Bauch, Hüfte und Po hinzugefügt und gegen ihre regelmäßigen Fressattacken konnte ihre einst bemerkenswerte Disziplin nur hin uns wieder etwas ausrichten. Sie hatte Unmengen von Geld in Anti-Falten-Cremes gesteckt, aber die Augenringe und die immer tiefer werdenden Falten um Augen und Mund blieben. Ihre einst volle blonde Mähne hatte alle Spannkraft verloren und zur Abdeckung der grauen Strähnen musste regelmäßig Farbe her.

Sie konnte ihr Spiegelbild nicht länger ertragen. Trennkost und der Besuch bei den Weight Watchers brachten ihr nicht den erwünschten dauerhaften Erfolg. In ihrer Nordic Walking Gruppe fühlte sie sich wie das kleine häßliche Entlein, das immer das Schlusslicht bildete und in die gemischte Sauna ging sie schon lange nicht mehr, weil sie den Anblick wohlgeformter straffer Brüste, schlanker Taillen und knackiger Hintern nicht  mehr ertragen konnte.                            Nicht nur, dass sie im nächsten Monat fünfzig wurde, sie fühlte sich wie siebzig und fand, dass sie mindestens wie fünfundsechzig aussah.

So konnte es nicht weiter gehen, beschloss sie eines Tages und  warf ihre Antidepressiva sowie  ihre Sojaisoflavonen in den Mülleimer Sie hatte sich intensiv vorbereitet, Bücher gelesen, Fachärzte konsultiert, sich über Risiken und Nebenwirkungen hinreichend informiert und nach langer Suche die für sie geeignete Klinik gefunden.

Während ihr Mann sie wie in den Jahren zuvor in Bulgarien wähnte, verbrachte sie vier harte Wochen in einer Berliner Klinik für Plastische Chirurgie, Ästhetische Lasermedizin und Medizinische Kosmetik.

Sie nahm den Kampf des Fettabsaugens gegen Fettzellen und Fettpölsterchen auf, die trotz Sport und Diät immer sehr schnell wieder gekommen waren, wenn sie nur ein wenig nachlässig wurde. Ihr Erscheinungsbild wurde wieder sportlich und jugendlich.

Diverse Faltenunterspritzungen hatten die markanten Falten in ihrem Gesicht geglättet oder zumindest augenscheinlich gemindert. Die Straffung der Stirn, die Anhebung der Augenbrauenpartie und der Ober- und Unterlider  verliehen ihr ein frisches Aussehen.

Sie konnte wieder tiefe Ausschnitte tragen, die ihren gestrafften und vergrößerten Busen zur Augenweide machten und nach diversen gezogenen Krampfadern musste sie ihre wohlgeformten Beine nicht mehr in Hosen verstecken.

Die Unmengen von Geld, die sie in der Klinik gelassen hatte, störten sie nicht. Sie hatte erreicht, was sie wollte. Sie gefiel sich, nahm sich selbst an und konnte wieder herzhaft lachen. Alle Depressionen  hatten sich wie ein Frühnebel aufgelöst.

Sie konnte es kaum erwarten, ihrem Mann gegenüberzutreten. Jedes Detail hatte sie minutiös geplant, die Zeit, die sie zu Hause benötigte, um sich frisch zu machen, das enge schwarze, tief ausgeschnittene Kleid anzuziehen  und die Zeit, die er vom Büro zum Restaurant brauchte. Er war verwundert, dass er sie nicht vom Flughafen abholen sollte. Aber sie konnte ihm plausibel erklären, dass sie nach vier Wochen bulgarischer Küche unbedingt erst mal etwas Heimatliches zu essen brauchte.

Sie war lange vor ihm da und betrachtete aufgeregt jeden herein kommenden Gast. Der eine oder andere anerkennende Blick streichelte ihre Seele. Sie war wieder wer, nicht das alternde, kleine graue Mäuschen, für das sie sich selbst lange Zeit gehalten hatte.

Er kam, suchte prüfend alle Tische ab und – erkannte sie nicht. Erst nachdem er alle Tische abgesucht, unsicher  auf seine Armbanduhr geschaut hatte und zum zweiten Mal den Blick suchend in die Runde warf, verweilten seine Augen einen Moment auf ihr. Irritiert kam er langsam  auf ihren Tisch zu.

Er sah sie an wie eine Fremde. Sein Gesicht drückte alles gleichzeitig aus, Freude sie wieder zu sehen, Irritation über ihr neues Aussehen, Verlegenheit  und Skepsis.

„Was hast du gemacht?“ kam es fast flüsternd über seine Lippen. „Ich erkenne dich kaum wieder.“ „Ich habe mir selbst etwas Gutes angetan.“ „Aber wir wollten doch gemeinsam alt werden. Wie stehe ich denn nun da?“ Seine rechte Hand fuhr automatisch über die inzwischen schütter gewordenen Haare, die linke strich verlegen über seinen deutlichen Bauchansatz.

Er setzte sich und betrachtete sie eingehend. „Du siehst großartig aus. Aber ich muss mich erst daran gewöhnen. Lass mir etwas Zeit, ja?“

Er würde sich daran gewöhnen, dessen war sie sich sicher. Lange genug hatte er unter ihren Stimmungsschwankungen gelitten, sie getröstet, dass der erste Lack nun ab war und dass er jedes Gramm und jede Falte an ihr liebte.

Zu ihrem fünfzigsten Geburtstag gab sie ein großes Gartenfest und sie war der absolute Mittelpunkt. Ihre Freunde und Bekannten beglückwünschten sie zu ihrem Entschluss. Es blieb ihr doch nicht verborgen, wie einige hinter ihrem Rücken tuschelten und den Kopf schüttelten, andere ihren Mut bewunderten und wieder andere einfach nur neidisch an sich selbst heruntersahen.

Diejenigen, deren Reaktionen ehrlich und herzlich gemeint waren, blieben ihre Freunde. Alle anderen strich sie danach gnadenlos aus ihrem Adressbuch.

©G.Bessen, 2009, in  „Schillernd wie Seifenblasen“

 

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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12 Antworten zu Risiken und Nebenwirkungen

  1. Karl schreibt:

    schnell einmal herein geguckt :-))
    Beim Lesen des Buches hatten meine Frau und ich schon darüber debattiert. Für uns beide nicht nachvollziehbar, denke da muss mehr dahinter stecken um so etwas zu machen, noch dazu heimlich.
    Ehemann, Umfeld, Freunde u.s.w. Es ist für viele auch schön gemeinsam die *Straffheit* zu verlieren,
    warum das Liebenswerte entfernen? Aber, jeder ist seines Glückes Schmied 😉
    Liebe Grüße aus der Ferne, bis bald
    Karl

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  2. Himmelhoch schreibt:

    Liebe Anna-Lena, auch ich kann und konnte es beim Lesen nicht nachvollziehen, und das nicht nur aus finanziellen Gründen. Aber diese Frau bist ja nicht du, sondern eine von dir erschaffene, wie sie zu Tausenden und mehr herumlaufen. – Ich habe beim Lesen gedacht: „Und, hat sie einen jüngeren Mann auch gleich mitgekauft?“ – Wenn sein „Ich liebe jede Falte und jedes Gramm an dir“ echt gemeint waren, wird er sich mit ihrer heimlichen Umwandlung sehr schwer tun, sie vielleicht nicht akzeptieren können, weil es – da heimlich geschehen – mir so wie ein kleiner Verrat erscheint.
    Doch für dich ein schönes WE, teils in Kladow, wünscht dir Clara

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  3. GZi schreibt:

    Ich hatte diese Geschichte noch nicht in Deinem Buch gelesen… insofern las ich sie mit Spannung.
    Doch manchmal gehen solche gravierenden überraschungen auch nach hinten los… Würde sie denn auch ihren Ehemann gnadenlos aus ihrem Adressbuch streichen? Natürlich macht man/frau das in erster Linie für sich… aber der Partner gehört doch zu einem und es gäbe keinen Grund, sowas nicht vorher zu besprechen…

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  4. rundumkiel schreibt:

    Super… dann lese ich die Geschichte nachher in deinem Buch… wünsche noch einen schönen Tag… LG von rundumkiel

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  5. Follygirl schreibt:

    Wie immer sehr gut geschrieben, nur das Thema ist so gar nicht meins… wie armseelig, sich nur über Äußerlichkeiten zu definieren.
    Na klar, ich weiß genau, worüber Du schreibst…. aber ich ich würds nicht machen. Egal, wieviel Geld ich hätte.
    Aber Du hast den Zeiteist zu gut getroffen… man wird ja schon gemustert, wenn man seine grauen Haare nicht überfärbt.

    Wünsche Dir ein schönes Wochenende, liebe Grüße Petra

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  6. Brigitte schreibt:

    Auch ich hatte meine Probleme damit. Denn ich finde, dass man zu sich stehen sollte.

    Aber ich denke mir, dass du mit dieser Geschichte auf die Problematik aufmerksam machen wolltest. Und von daher fand ich sie sehr gut!

    Lieben Gruss, Brigitte

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  7. chinomso schreibt:

    Eine sehr mitreissende Geschichte. Schwer nachvollziehen für mich, dass sie das alles mit sich allein ausgemacht hat.
    Was ist das denn für eine Ehe? Und die Überraschung ist ihr ja wohl nicht gelungen. Der Mann war mehr oder weniger schockiert und fühlte ich alleine gelassen.

    Eine traurige Geschichte. Aber sehr gut vorstellbar, dass es sowas tagtäglich gibt. Denn es gibt einfach viele Menschen, die sich dem Schönheits-, Jugend- und Vitalitäts-Gebot beugen um weiterhin dazu zu gehören.

    Wie wenig muss man sich akzeptieren und vorallem lieben, wenn man sich so generalüberholen lässt??

    Das hast du wieder mal ausgesprochen gut in Worte gefasst.

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  8. Anna-Lena schreibt:

    @all:
    Danke für die spannende Diskussion.

    Außer in der Promiwelt, wo Schönheitsoperationen an der Tagesordnung sind, gibt es sicher auch genügend Frauen, die an sich herumschnippeln lassen. Warum?

    – um sich in der Lebensmitte neu zu definieren?
    – aus Angst, der Partner könnte sie nicht mehr attraktiv
    finden und sich eine Jüngere suchen?
    – aus Angst, mit dem Alter nicht fertig zu werden?

    Sicher gibt es unzählige Gründe. Und ich möchte nicht wissen, wieviele Frauen sich das wirklich antun.

    Das Problematische an der Geschichte ist auch für mich der Alleingang, mit dem der Partner vielleicht gar nicht zurecht kommen wird. Und da stimmt schon was Grundsätzliches in der Ehe nicht, wenn kein Vertrauen da ist, so etwas zumindest gemeinsam zu bereden.

    Beide Charaktere sind vollkommen erfunden, alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

    Stehen wir also zu unserem „Verfallsdatum“ und dem der Partners, denn ‚geteiltes Leid ist halbes Leid‘.

    Liebe Grüße ins Wochenende,
    Anna-Lena 😉

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  9. freidenkerin schreibt:

    Also, ganz ehrlich gesagt, mir ist es schon einige Male durch den Kopf gegangen, sollte ich eines Tages irgendwie zu viel Geld kommen, mir das Doppelkinn bzw. den Blähhals entfernen zu lassen. Ob ich das dann im Falle eines Falles auch in die Tat umsetzen würde, sei dahin gestellt. Wahrscheinlich aber eher nicht. Höchstwahrscheinlich würde ich mich sehr über die Summe freuen und die nächste große Reise damit finanzieren… 😉
    Wünsche dir und deinen Lieben ein gutes und schönes Wochenende!
    Herzliche Grüße!

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ein Doppelkinn und einen Blähhals habe ich bei dir noch nicht entdeckt. Sei nicht zu kritisch mit dir selbst.
      Und für das Geld würde ich auch eher eine Reise finanzieren.

      Liebe Grüße und auch dir ein schönes Wochenende,
      Anna-Lena 😉

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  10. ahora schreibt:

    Wie lange hält eine solche Verschönerung an?
    Ein paar Jahre vielleicht.

    Dann muss sie zum Seelenklempner.
    Wäre sie zuerst dorthin gegangen, hnätte sie sich vielleicht diese ganze Prozedur ersparen können.

    Was, wenn ihr Mann sie so runderneuert gar nicht gewollt hätte?
    Liebe Grüße
    Barbara

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