Zerreißprobe

Das  Geräusch war kaum zu ertragen und hielt seinen Körper von Kopf bis Fuß in Schach. Es kroch bis an den Haaransatz. Von dort aus setzte es sich wie Erdbebenwellen über die gesamte schwitzende  Kopfhaut fort und rann den Rücken hinunter, Wirbel für Wirbel. Die Oberschenkel waren so verkrampft, dass ein Kribbeln  von den Schenkelinnenseiten über beide Kniekehlen über die Waden bis in die Fußspitzen rann.

Er spürte seine  Schulterblätter, die sich nach außen drückten, als könnten sie dieses dumpfe, durchdringende Geräusch dadurch besänftigen.  Die Fingerknöchel, weiß und bleich,   hoben sich von  seinen sonst gut durchbluteten Händen deutlich ab.

Hektisch sog er die Luft durch die Nasenöffnung. Dabei blähten sich seine Nasenlöcher wie die Nüstern eines Pferdes hoch und runter. Die Augen hielt er geschlossen und doch hatte er das Gefühl, direkt in das gleißende Licht der Lampe zu schauen. Sein Gesicht war mit kaltem Schweiß überzogen und schien gleichzeitig  feuerrot zu glühen.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Obwohl er nur weg wollte, hatte er keine Chance, seinen Körper zu bewegen. Er war starr, vor Schreck und vor Anspannung, die sich durch jeden Muskel seines Körpers zog. Gleichzeitig rauschte der Puls in seinem  Trommelfell bis in die Innenseiten seiner Schläfen.

Eine zunehmende Feuchtigkeit im Mund ließ ihn innerlich erzittern Es war Blut, das konnte er förmlich riechen.

Ein Ruck ging durch seinen Körper und eine schier grenzenlose Erleichterung  überfiel ihn.

Nun konnte sein Körper langsam in den Normalzustand zurückkehren.

„Das wäre geschafft! Dieses Biest wird Sie nicht mehr quälen!“, sagte der Zahnarzt und zeigte ihm den soeben entfernten Weisheitszahn.

© Anna-Lena

Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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32 Antworten zu Zerreißprobe

  1. Himmelhoch schreibt:

    Hallo, hier ist Nachteule zwo! Der Anfang liest sich ja wie eine Anatomievorlesung bei der Stasi – jedes Körperteil wird aufgezählt und er muss in gleißendes Licht blicken.
    Was für eine Freude, dass der Blutschmecker nur beim Zahnarzt sitzt.
    Du kannst einen ja richtig auf die Folter spannen.
    Gut’s Nächtle von Clara, die für dich ein Ostergeschenk hat

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  2. Wow, das war spannend!

    Super aufgebaut und erzählt!

    Danke!

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  3. Karl schreibt:

    danke für die Zeilen,
    Di. habe ich einen Termin :-))
    Liebe Grüße,
    Karl

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  4. Brigitte schreibt:

    Ja, das liebe ich! Diese totalen Überraschungsmomente am Schluss!

    Lieben Gruss, Brigitte

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  5. syntaxia schreibt:

    Bei einer solchen Erfahrung, würde ich den Zahnarzt wechseln.. 😉

    ..grüßt syntaxia

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  6. Coralita schreibt:

    Ich dachte schon, es wäre etwas Schlimmes passiert! ;-))
    Gefällt mir, die Geschichte!
    Liebe Grüße aus dem heute sonnigen Berlin.
    Coralita

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  7. Quer schreibt:

    Na, du kannst ja dramatisieren!!! So schlimm kann das Zahnziehen doch gar nicht sein – heutzutage…

    Aber, wenn dein Mann das so schildert… 😉

    Liebe Grüsse in einen entspannten Tag,
    Brigitte

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  8. rosadora schreibt:

    das ist mir auch zu dramatisch. soviel schiss kann doch selbstein mann beim zahnarzt heutzutage nicht haben.
    ich sehe, du liebst solche geschichten…

    schöne grüsse
    rosadora

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  9. GZi schreibt:

    Ach, Du kennst meinen Liebsten, wenn er beim Zahnarzt ist? So in etwa beschreibt er es auch. Ich komme aus so einem Haus und für mich haben andere Ärzte viel größere Schrecken 🙂

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  10. GZi schreibt:

    Aber toll erzählt – das wollte ich natürlich NICHT vergessen zu schreiben!

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  11. Chinomso schreibt:

    Ach du Schande….. immer diese Warmduscher. 🙂

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  12. Lilie schreibt:

    Na, dann bin ich auch ein Warmduscher 😉
    Drei Weisheitszähne sind mir auch schon gezogen worden, bei zweien haben die Spritzen nicht angeschlagen, weil die Zähne entzündet waren … Seitdem bin ich traumatisiert 😉 Das Gefühl hast du ganz zutreffend beschrieben, geht mir schon bei dem Gedanken ans Zähne ziehen genau so …
    Lieben Gruß
    Iris

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  13. Follygirl schreibt:

    Auaaa…schon beim Lesen brach mir der Schweiß aus…
    …und ich muß am Montag wieder zum Zahnarzt. Sehr nett, so deutlich daran erinnert zu werden.
    Lieb Grüße, Petra

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  14. ahora schreibt:

    Liebe Anna-Lena, spannend geschrieben und gut dazu.

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  15. rundumkiel schreibt:

    Zahnarzt: Das ist der Horror für mich. Du hast das sehr schön beschrieben… Ich habe dazu auch schon einmal gebloggt. Hier beschreibe ich meine Angst… http://rundumkiel.de/2009/12/03/angst-vorm-zahnarzt-oder-die-dunkle-arena/

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  16. april schreibt:

    Autsch-autsch, das tut weh beim Lesen. Du hast das supergut beobachtet und beschrieben. Genau so schrecklich ist es.

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  17. skriptum schreibt:

    Boah, nee! :-))

    Ich gucke nebenbei gerade Jurassic Park. Ein wenig mehr Rücksicht und Koordination mit dem Fernsehprogramm wäre schon nett, liebe Anna-Lena! *g

    Super geschrieben!

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  18. Anna-Lena schreibt:

    @all:

    So viele Kommentare mit unterschiedlichen Befindlichkeiten :-).

    @Brigitte: Du weißt, dass ich Überraschungsmomente liebe :-).
    @GZi und rundumkiel:
    Ich habe rundumkiels Bericht gerade gelesen. Vielleicht handelt es sich auch um meine Zahnärztin ;-).

    @Quer und Rosadora:
    Ihr kennt die Männer und ihr Schmerzempfinden nicht :-).

    @Alle, die nicht gern zum Zahnarzt gehen und bei denen ich einen wunden Punkt getroffen habe: ihr habt mein vollstes Mitgefühl, ich gehe zwar regelmäßig, aber bin froh, wenn es vorbei ist.

    Nun, ich muss einiges ergänzen und die Männer hören bitte mal weg:

    Dass wir Frauen wesentlich mehr in puncto Schmerzen abkönnen, ist ja hinlänglich bekannt ;-). Wenn Männer krank sind, jammern sie einem permanent die Ohren voll, wollen aber auch ihre Ruhe haben – meiner jedenfalls.

    Der Mann an meiner Seite ist eine Frohnatur, immer guter Dinge und kein Jammerer, es sei denn, er ist krank.
    Durch eine verschleppte Nasennebenhöhlenentzündung litt er wochenlang unnötig, denn er meint, was von alleine kommt, geht auch alleine. mein Drängeln, zum Arzt zu gehen, stieß auf taube Ohren, lieber litt er vor sich hin – so sind Männer nun mal. Zum HNO geprügelt, bekam er Antibiotika und es ging ihm schnell besser, aber nicht gut.

    Mein Gatte hat erstaunlich gute Zähne, so gut wie keine Plombe und schon gar keinen Zahnersatz. Die HNO riet ihm, sich einen Zahn entfernen zu lassen. Das fand mein Häuptling nicht sonderlich schlimm, aber der Zahnarzt hat gleich drei auf einen Schlag rausgerupft, wobei einer so entzündet war, dass die Spritze gar nicht betäubte.

    Das war natürlich der blanke Horror für ihn, entsprechend seine Schilderung, die ich mit Phantasie nachgewürzt habe ;-).

    Nun geht es ihm wieder blendend und er ist ganz der Alte.

    Eine Zahnentfernung finde ich auch nicht so dramatisch, viel schlimmer ist das Abschleifen und besonders der Abdruck, bei dem man den ganzen Mund voller ekliger Knete hat.
    Aber diese Erfahrung steht ihm noch bevor.

    Ich wünsche euch allezeit einen kräftigen Biss :-).

    Herzlichst,
    Anna-Lena

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  19. freidenkerin schreibt:

    Huh! Das war ja Nervenkitzel pur! 😯
    Passiert halt nicht Jedem, dass er unterm Zahnziehen im Behandlungsstuhl einschläft… 😉

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  20. skriptum schreibt:

    Mein Zahnarzt ist mittlerweile mein persönlicher König unter allen Ärzten: Ich habe mich jahrelang mit übelsten Kopfschmerz-Attacken gequält. Hausarzt, Neurologe etc. etc. etc. keiner konnte eine Ursache feststellen; nur die gleiche Intensität wie bei Migräne. Das es aber keine Migräne war, halfen auch die entsprechenden Medikamente nichts. Also galt bei jeder Attacke, durchhalten und hoffen, dass es nach zwei, drei Tagen vorbei ist. Und diese Tagen können verdammt lang sein.

    Als ich mal wieder bei meinem Zahnarzt war und meinen jährlichen Check machen ließ, fragte er mich im zweiten Jahr in Folge, ob es sein kann, dass ich massiv mit den Zähnen knirsche, weil ich mir regelrecht den Zahnschmelz wegschreddere. Ich war mir keiner Schuld bewusst und er empfahl mir, für nachts mit einer Knirsch-Schiene vorzubeugen. Das erzählte ich einer Bekannten, die eine Beiß-Schiene hatte. Warum? Weil sie im Schlaf immer so extrem die Zähne zusammen gebissen hatte, bis sie am nächsten Tag vor Kopfschmerzen nicht mehr aus den Augen gucken konnte.

    In dem Moment ging bei mir natürlich alles auf Alarm. Ein Gespräch noch mit meinem Zahnarzt, seine Vermutung, dass mein Knirschen meine Kopfschmerzen verursacht und der Kopf am nächsten Tag regelrecht verkrampft ist, was die Schmerzen auslöst. Dann machte er aus der Knirsch-Schiene eine kombinierte Beiß-Knirsch-Schiene et voilà: Meine Kopfschmerzen sind weg. Ich liebe diesen Arzt! ;o)

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ein toller Arzt, der das erkennt und ganzheitlich behandelt.
      Ich habe auch so eine Beißschiene, die ich nachts in extremen Stressituationen trage. Ursache waren auch bei mir vermehrte Kopfschmerzen :-).

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  21. promocia (elke) schreibt:

    hach..im gegensazt zu ihm..

    ich freu mich auf den Zahni am Dienstag (30/3)
    da bekomme ich endlich meinen neuen Zahn
    verpasst 🙂

    gehe also mit Freuden hin:-)))

    Liebe Grüsse..
    Elke

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  22. Traveller schreibt:

    drastisch geschildert, Anna-Lena !
    die Realität schreibt doch immer wieder die besten Krimis 😉

    lieben Gruß
    Uta

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