Sternengeflüster

Die Nacht erschien rabenschwarz und bitterkalt. Der kleine strahlende Stern rückte dicht an den alten Stern, dessen Licht infolge seines Alters bereits getrübt war.

„Lieber Stern, wie geht es dir heute?“

„Nett, dass du fragst, aber meine Leuchtkraft lässt von Nacht zu Nacht mehr nach. Erzähl mir, was es heute besonderes auf der Welt gab. Ich muss zugeben, dass ich heute immer mal wieder eingeschlafen bin. Hoffentlich habe ich nichts verpasst?“

„Die Menschen in meiner Sphäre waren heute wie ausgewechselt. So habe ich sie noch nie erlebt.“

„Was meinst du damit, wie ausgewechselt?“

„Schwester Sonne war heute reichlich übermütig. Sie schickte ihre Strahlen so intensiv auf die Erde, dass die Menschen, wie aus einem langen Winterschlaf erwachend, vor Energie nur so strotzten.“

„Das verstehe ich sehr gut,“ antwortete der alte Stern. „Weißt du, die Menschen hatten mal wieder einen richtigen Winter, und das über fast drei Monate. Das sind sie nicht mehr gewöhnt. Und viele, die so jung sind wie du, kennen das gar nicht mehr. Ich kann mich noch gut an die langen Winter erinnern, in denen die Menschen, warm eingepackt, gemeinsam an ihren Kohleöfen saßen und sich das Leben so angenehm wie möglich machten.“

„Stimmt,“ antwortete der junge Stern nachdenklich, „So viel Schnee wie in diesem Winter habe ich noch nie gesehen.“

Wie haben die Menschen denn diesen Tag erlebt?“, fragte der alte Stern, ein wenig ungeduldig.

„Sie haben gelacht, ihre Gesichter waren nach langer Zeit mal wieder richtig freundlich, als hätten sie ein lang erwartetes Geschenk bekommen.“

„Das haben sie der Schwester Sonne zu verdanken. Ihre Wärme ist der  Quell allen Lebens.“

Mit diesen Worten legte der alte Stern sein Haupt zufrieden auf die Seite und schlief ein.

©Anna-Lena

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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18 Antworten zu Sternengeflüster

  1. Himmelhoch schreibt:

    Von Nachteule zu Nachteule – noch vom Feedreader des alten Blogs her, da kann ich alles besser sehen. – Schöne Geschichte, aber der Stern muss doch nicht gleich dahinscheiden, nur weil endlich mal die Sonne geschienen hat. Das macht sie jetzt hoffentlich öfter!
    Gute Nacht wünscht dir Clara

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  2. Anna-Lena schreibt:

    Wir machen doch auch alle mal Platz für die Jungen. Das ist der Lauf der Welt.
    Schlaf gut, du Nachteule, mein Bettzipfel ruft schon ;-).
    Liebe Grüße zu dir!

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  3. Karl schreibt:

    es hilft den alten ein wenig länger zu strahlen, wenn die jungen manchmal fragen: „Lieber Stern wie geht es dir heute?“ 😉
    Liebe Grüße,
    Karl

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  4. Follygirl schreibt:

    Eine nette Geschichte.. mich begleitet sie jetzt ins Bett, da kann ich bestimmt schön träumen.
    Hab einen schönen Tag heute, liebe Grüße, Petra

    PS: Komisch, für mich ist heißt es immer Schwester Mond und Bruder Sonne… immer schon… so hat jeder eine andere Vorstellung.

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  5. rosadora schreibt:

    sonne, mond und sterne und die menschen – immer thema für neue geschichten…

    schönen gruss
    rosadora

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  6. ELsa schreibt:

    Ganz bezaubernd, liebe Anna-Lena!

    herzlich,
    ELsa

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  7. GZi schreibt:

    Eine schöne Geschichte, die auch an einem regenreichen Vormittag nicht ihre Wirkung verfehlt. Wo ist Schwester Sonne heute bloß hin? Trauert sie um den alten Stern und weint deshalbso große Regentropfen?

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  8. april schreibt:

    Dann hatte auch der alte Stern noch einen schönen letzten Tag 😉

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  9. Brigitte schreibt:

    Auf eine deiner hübschen Geschichten habe ich schon gewartet!

    „Schillernd wie Seifenblasen“ habe ich natürlich längst ausgelesen und ich muss sagen, dass das ein Buch ist, das ich auch sehr gerne nochmals lesen werde. Was heißt, das bleibt bei mir.

    Aber mir hat der erloschene Stern dann auch leid getan. Und auch, wenn es der Lauf der Welt ist, ich hab da noch keine Lust zu.

    Wünsch dir ein schönes WE mit liebem Gruss, Brigitte

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  10. Anna-Lena schreibt:

    @all:

    Nun habe ich die Sonne vorschnell gelobt, so dass sie heute vor Schreck weggeblieben ist :-(.

    Und der alte Stern – selbest, wenn er erloschen ist, wir leuchten weiter :-).

    @Brigitte: ich freue mich, dass dir die SEIFENBLASEN gefallen haben. Bald sind Osterferien, dann komme ich auch wieder zum Schreiben. Momentan ist die Zeit sehr knapp.

    Euch allen ein schönes Frühlingswochenende!

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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  11. bruni kantz schreibt:

    Schön, wenn das Sternchen dem greisen Opa erzählt und ihn so auf dem laufenden hält.
    Ich hätte ihn aber auch nicht sterben lassen. Ich hätte gedacht, daß er jetzt endlich wieder neugieriger wird, weil der Frühling so viel neues Leben zeigt.
    Ich denke, er schläft nur, weil er sooooooo viel Schlaf braucht.
    Dann wacht er auf und Sternchen erzählt eine neue Geschichte …
    Liebe Grüße von Bruni

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  12. Martha schreibt:

    eine schöne Geschichte – nur der Schluss – soo traurig. Aber ich denke, das ist meine Problem. Ich lerne das Loslassen so schwer,
    aber für heute lasse ich jetzt auch los und gehe schlafen, gute Nacht liebe Anna-Lena,

    Martha

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  13. Anna-Lena schreibt:

    @ all:

    Bei so viel Kümmernis um den alten Stern habe ich den Schluss geändert und ihn einschlafen lassen :-).

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  14. Quer schreibt:

    „Sag mir vieviel Sternlein stehen…“ Wie soll man da zählen können, wenn immer einer erlöscht, resp. einschläft, und andere aufscheinen! 😉

    Liebe Grüsse ins Wochenende,
    Brigitte

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  15. chinomso schreibt:

    Die Sterne haben aber auch ne gute Übersicht von da oben. Kein Wunder, dass die alles mitkriegen.

    Schöne Geschichte wieder. Vielen Dank.

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  16. bruni kantz schreibt:

    Liebste Anna-Lena, Du bist eben ein gütiger Mensch ☺
    Nun schläft er zufrieden, der alte Stern und wir können alle beruhigt unser Tagewerk vollbringen, ohne um den alten Stern trauern zu müssen … ☺

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