Mit dem Rücken an der Wand

Als er den Briefkasten öffnete, fiel ihm der  Umschlag entgegen. Sein Herz begann zu rasen, Schweißperlen bildeten sich auf der Haut. Er nahm die Post, schaute sich verstohlen um, als verfolge ihn jemand und ging zum Fahrstuhl.
Mit zitternden Händen goss er sich einen doppelten Whisky ein, trat auf den Balkon und suchte mit den Augen den Vorplatz des Hauses ab. Er konnte nichts Verdächtiges entdecken, niemand  war ihm auf den Fersen oder starrte zu ihm hinauf.

Aus dem dreiundzwanzigsten Stockwerk erschienen ihm die Grünanlagen vor dem Haus wie Miniaturbeete, die Menschen, die von der Arbeit kamen, bewegten sich wie Ameisen auf die Häuser zu und verschwanden flink in ihren Eingängen. Der Himmel über der Stadt war mit Schäfchenwolken überzogen, keine Anzeichen von nahenden Unwettern, die für den weiteren Verlauf des Abends und der Nacht angekündigt waren.

Er hatte sich schon oft ausgemalt, wie es sein würde, wenn er sein Leben mit einem Sprung von diesem Balkon beenden würde. Die Vorstellung, wie er nach solch einem Sprung – oder das, was von ihm übrig sein würde – aussah, hatte ihn dazu bewogen, seine Beerdigung bereits zu organisieren,  eine anonyme Urnenbeisetzung. So hatte er im Tod Ruhe vor denen, die sich gern an ihm rächen würden.

Der Whisky zeigte eine beruhigende Wirkung. Er goss sich das Glas wieder voll und setzte sich auf die Hollywoodschaukel, neben sich den Umschlag, einen Brieföffner und eine schwarze Schachtel, in der er alle bisherigen Schriftstücke des offenbar immer gleichen Absenders gesammelt hatte. Vorsichtig schlitzte er den Briefumschlag auf.

Alle Briefe ähnelten sich. In bunten Buchstaben aus verschiedenen Zeitschriften erschien jeweils ein markanter Satz in der Mitte eines weißen Blattes.

DU ENTKOMMST MIR NICHT! DU SCHWEIN!

Das war die heutige Botschaft an ihn.  Auch darin ähnelten sich alle Briefe, die einmal pro Woche kamen, seitdem er in diesem Haus wohnte.

Anfangs hatte er befürchtet, ein Mitbewohner sei ihm auf die Schliche gekommen. Aber er kannte niemanden näher und kaum jemand nahm von ihm Notiz.
Wenn die Polizei mit ihren Nachforschungen beginnen und die Nachbarn befragen würde, käme kaum etwas Bedeutsames ans Tageslicht. Höflich, unaufdringlich, ruhig – so könnten ihn die unmittelbaren Nachbarn beschreiben. Er gehörte zu denen, der jeden Morgen zur gleichen Zeit das Haus verließ, gegen siebzehn Uhr zurückkam und elegant gekleidet gegen neunzehn Uhr in seinem blauen BMW wegfuhr. Damenbesuch hatte er selten, dafür aber abwechslungsreichen.

Er wusste, dass es so nicht ewig weitergehen konnte. Was er aber nicht wusste, wer war ihm auf die Schliche gekommen, ihm, dem unauffälligen Beamten, der tagtäglich seinen Dienst verrichtete? Der so Vertrauen erweckend sein konnte, dass man ihm seine Wohnungsschlüssel überlassen und ihn bitten würde, während des Urlaubes den Briefkasten zu leeren und die Blumen zu gießen.
Das war die eine Seite seines Charakters als untadeliger, fleißiger Beamter. Die dunkle, unergründliche war eine andere, der Verbrecher, der einen immer intensiveren Kick brauchte, um das Leben lebenswert zu finden.
Jeder neue Brief brachte sein Kartenhaus mehr ins Wanken und brachte ihm die Gewissheit, dass sein Doppelleben  bald vorbei war.
Noch heute finanzierte er seine Besuche in kostspieligen Bars und Etablissements aus einem Banküberfall, den er akribisch geplant und genauso ausgeführt hatte. Die Polizei tappte im Dunklen und hatte keinerlei Anhaltspunkte gehabt. Als Gras über die Sache gewachsen war, suchte er nach anderen finanziellen Quellen.
Es erschien ihm zu gefährlich, einen weiteren Bankraub zu wagen. Er vertraute niemandem, außer sich selbst. Hin und wieder hatte er eine Glücksträhne im Casino, so dass er sich finanziell keine Sorgen machen musste.

Sein finanzielles Polster imponierte so mancher Frau. Er war eine außergewöhnlich attraktive Erscheinung und konnte sich vor Angeboten kaum retten. Kam ihm jedoch eine Frau zu nahe und plante eine gemeinsame Zukunft mit ihm, konnte er äußerst unangenehm werden.
Noch heute sah er die kalten, starren  Augen der beiden Frauen vor sich, die sich wie Blutegel an ihn hängten und nicht begriffen hatten, dass er nichts mehr von ihnen wollte. Sie waren ihm zu gefährlich geworden und er entledigte sich auf schnellste Art von ihnen. Eine ruhte im kühlen Waldboden, die andere hatte er dem  Moor übergeben.

Seine derzeitige Leidenschaft war das Zusammensein mit älteren wohlhabenden Witwen. Drei hatten ihm größere Summen ihres Geldes überschrieben, bevor sie auf ungeklärte Weise verschwanden oder einem plötzlichen Herztod erlagen.

Er war soweit zufrieden mit seinem Leben. Das einzige, was ihn beunruhigte, waren die Herkunftsorte der Briefe. Es gab eine Reihe von Menschen, die sich gern an ihm rächen würden, weil sie einen lieben Menschen verloren hatten oder um ihr Geld und Erbe gebracht worden waren.

Wo sollte er anfangen zu suchen? Es war die Stecknadel im Heuhaufen. Doch ahnte er, dass sich die Schlinge um seinen Hals immer enger zog. In seinem Arbeitszimmer hatte er eine Europakarte, an die er jedes Mal ein Fähnchen steckte, wenn ein neuer Brief kam und er den Poststempel las. Der erste Brief kam aus Amsterdam, die nächsten aus dem Ruhrgebiet, zwei weitere aus Mainz und  Heilbronn und der heutige war in Ulm abgestempelt. In west-östlicher Richtung zog sich eine gerade Linie der abgeschickten Briefe von Holland über Deutschland und rannte wie ein gefährlicher Virus auf seine Heimatstadt Innsbruck zu.
Wer machte sich die Mühe, sich ihm Kilometer für Kilometer zu nähern, um ihn dann mit einem Schlag zu vernichten?

Er packte den heutigen Brief in seine schwarze Schachtel und befestigte ein weiteres Fähnchen an der Europakarte. Alles würde so weitergehen wie bisher, solange ihm noch Zeit blieb. Er brauchte diesen Kick.  Er würde weiterhin die Nachrichten und die Presseartikel verfolgen, ob man ihm auf die Schliche gekommen war.
Und wenn der der Tag gekommen war, an dem man ihn überführen würde, würde er springen.
Jedoch bisher war er schneller und das wollte er auskosten, solange es ging.

© Anna-Lena

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Un-Ruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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18 Antworten zu Mit dem Rücken an der Wand

  1. steffi schreibt:

    Hi Anna Lena,

    Oh, was ein Verbrecher. Buch oder Kurzgeschichte, diese weiter geht? Klingt spannend. Aber auch die Chatgeschichte, ich wusste förmlich, da kommt das „dicke Ende“ Die Katze auf der Tastatur, der Hammer- so süß. Deine? Oder ausm Netz, hätte das Foto nämlich gerne, wenn es geht. (also runterspeichern kann ich selber, fragte wg. Copy… )

    wünsche dir ein kuschliges WE
    Steffi „Schreibweib“

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  2. Himmelhoch schreibt:

    Anna-Lena, was für einen dunklen Teil enthält deine Seele, dass ihr solche Geschichten entspringen können. Zuerst dachte ich, der Mann kommt aus dem Osten (Hochhaus) und fühlt sich von der Stasi verfolgt (anonyme Morddrohungen). Dann dachte ich, du hast in meiner Blogbeschreibung (Wohnungsschlüssel übergeben) geschmult und mich in männlich umgewandelt. damit es nicht gleich so auffällt. – Und dann dachte ich: tolle Geschichte, und bei letzter Auslegung bleibe ich.
    Offensichtlich ist der Schulstress noch nicht fertig verarbeitet, denn du greifst auf „Eingemachtes“ zurück.
    Lieben „wetterkalten“ Gruß von Clara

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ja, liebe Clara, ich bin immer noch sehr mit meinem Rotstift verbunden. Und daher muss man manchmal auf „Eingemachtes“ zurückgreifen.

      Dunkler Teil meiner Seele – ist gut.

      Wissen wir, welche Abgründe sich in uns auftun?

      Geschmult habe ich nicht, denn die Geschichte ist vermutlich älter als dein Blog. Zumindestens kannte ich dich vor einem Jahr noch nicht.

      Grüße aus der Saukälte :-(,
      Anna-Lena

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  3. Follygirl schreibt:

    Sehr spannend…wirklich, hat mich verwundert… mal eine kriminelle Sicht. Gefällt mir sehr!
    Wünsche ein gutes Wochenende, liebe Grüße, Petra

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    • Anna-Lena schreibt:

      Zu viele Tatorte gesehen?
      Zu viele Krimis gelesen?

      Mir hat die Geschichte auch Spaß gemacht. Es ist halt nicht alles Friede, Freude und Eierkuchen :-).

      Liebe Grüße und auch dir ein schönes Wochenende ;-),
      Anna-Lena

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  4. chinomso schreibt:

    Finsterer Geselle, der.
    Gruselig, dass es sowas wirklich gibt.

    Und an der Tatsache, dass er trotz enger werdender „Schlinge am Hals“ weitermachen will und den Sprung in die Tiefe als „Rettungsanker“ sieht, zeigt wie krank er ist. Ein armer Mensch.

    (meine Kinder würden an der Stelle wieder sagen: Mama, mach mal halblang!! Es ist nur ne Geschichte!!“
    Ich weiß, aber ich denke mich gerne in solche Leute rein und überlege mir, was ich ihm raten würde. Vielleicht sollte ich den Job wechseln?

    Dir ein schönes, rotstift-armes Wochenende. Aber na ja, wenn man die Arbeit liegen lässt, macht sie sich leider nicht von alleine.

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    • Anna-Lena schreibt:

      Fragen Sie Frau chinomso – die Beraterin in allen Lebenslagen :-).

      Das wäre bei deiner Vielseitigkeit durchaus überlegenswert.
      Danke für die Wochenendwünsche, der Rotstift kühlt mal gerade kurz runter :-(.

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  5. Quer schreibt:

    Ach, solche Briefe braucht der Kerl doch auch, um einen Kick zu haben.

    Eine rabenschwarze, aber sehr spannend geschriebene Story, von der man hofft, sie werde nie wahr…

    Einen schönen, erholsamen Sonntag wünscht dir
    Brigitte

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  6. Elfe schreibt:

    Echt spannend ist das wieder geschrieben, ich bin zwar nicht so der Krimifan, das ist mir meistens zu aufregend. Eine dunkle Seite hat wohl jeder, entdecken tut man/frau diese wahrscheinlich erst, wenn die äusseren Umstände dazu stimmen, dass diese zum Vorschein kommen kann.

    Ich wünsche Dir noch einen erholsamen Sonntagnachmittag liebe Anna-Lena, hoffentlich hast Du die Korrekturen schon durch, ich muss jetzt endlich an die Steuererklärung ran, keine Ausrede mehr, auch das Wetter stimmt dazu.
    Sei herzlich gegrüsst
    Elfe

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    • Anna-Lena schreibt:

      Liebe Elfe,
      danke fürt deinen netten Kommentar.

      Eine Steuererklärung stelle ich mir so aufregend vor, wie Arbeiten zu korrigieren :-(.

      Mein Berg schrumpft ganz langsam, so wie der weg- tauende Schnee auch nicht aus den Pantoffeln kommt.

      Also – Augen zu und durch ;-).

      Liebe Grüße und einen trotzdem schönen Sonntag,

      Anna-Lena

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  7. Lilie schreibt:

    Diese Geschichte hat mich schon beim Lesen deines Buches gegruselt … Eine Geschichte mit Nervenkitzel …
    Lieben Sonntagsgruß zu dir
    Iris

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  8. Anna-Lena schreibt:

    Liebe Iris,

    auch für dich einen schönen Restsonntag ;-).

    Liebe Grüße auch zu dir!

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  9. ahora schreibt:

    Ich würde zu gerne wissen, wie lange er noch unbehelligt bleibt.
    Vielleicht kommt man ihm nie auf die Schliche.

    Liebe Grüße
    Barbara

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  10. Brigitte schreibt:

    Man sieht eben immer nur die Fassade …

    Um ehrlich zu sein, ich möchte bei vielen Menschen nicht wissen wie es drinnen aussieht. Und die meisten davon, haben von aussen eine wunderschöne Fassade 😉

    Liebe Grüsse
    Brigitte

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