Abschied

Die heutige Geschichte ist eine reale und traurige.  Sie geschah vor einem Jahr in der Verwandtschaft meines Mannes.

Steyl Mutterhaus, Pforte

Mit einem freundlichen Lächeln schien er die Anwesenden begrüßen zu wollen. Seine Augen, umrahmt von einer dunklen Brille, und sein dunkler Vollbart um den lächelnden Mund strahlten Zuversicht und Lebendigkeit aus. Ein Bild, so wie ihn jeder kannte und ihn in Erinnerung behalten würde. Das Foto in einem buchefarbenen Rahmen  war der Strohhalm, an den sich jeder der Anwesenden klammerte, um  nicht der Realität ins Auge sehen zu müssen.

Die Realität war eine andere, verkörpert durch den hellen  Sarg aus Buche, der, umgeben von einem Blütenmeer aus  Lilien und Rosen, schräg hinter dem Foto stand.

Stille, ab und zu unterbrochen durch das leise Schluchzen und Schneuzen einzelner  Trauergäste. Unmöglich, die Brücke zwischen dem Foto eines Mannes, in der Mitte seines Lebens jäh rausgerissen aus der Liebe seiner Familie und dem Verstorbenen im Sarg  zu schlagen. Unfassbar, dass diese Zusammenkunft mit ihm die letzte sein sollte, sein letzter Weg, auf dem alle Anwesenden ihn begleiten wollten.

Nur wenige Tage hat es gedauert, bis die Organe in seinem Körper nach und nach versagt hatten, ohne dass es den Ärzten gelang, eine Ursache festzustellen und eine Behandlung für ihn zu finden.

Abschied aus einem Leben, das geprägt war von der Liebe zu seiner Familie, für die er immer wie eine starke Festung war. Für seine beiden angenommenen Töchter, die erwachsen waren und nicht mehr im Elternhaus lebten, für die er aber immer ein offenes Ohr hatte und die immer gerne nach Hause kamen. Für seine Frau, die gerade nach einer Brustamputation so weit genesen war, dass sie wieder arbeiten konnte und ohne ihn diese schwere Zeit nicht durchgestanden hätte.

Seinem Nesthäkchen galt stets seine besondere Fürsorge und Liebe. Was verstand sie von all dem, was um sie herum vorging? Ihr Rollstuhl stand vor seinem Sarg, ihre Augen wanderten ruhelos durch die Kapelle, so weit sie ihren Kopf zu drehen vermochte. Hier war sie noch nie gewesen.  Hin und wieder kam ein unverständlicher Laut aus ihrer Kehle, mit dem sie ihre Gefühle ausdrücken wollte. Dazu bewegten sich ihre Hände unkontrolliert hin und her, ihre Beine ließen sich nicht bewegen.

Als die Orgelmusik einsetzte, lauschte und lachte sie, das schien ihr zu gefallen.

Ihre Schwester streichelte ihr ununterbrochen die rechte Wange und lächelte sie unter Tränen an. Selbst, wenn Julchen nicht verstand, was um sie herum vorging, sie würde ihren Vater vermissen, die vielen gemeinsamen Stunden mit ihm, wenn er sie wickelte und anzog, an ihrem Bett saß und mit ihr redete, wenn er im eigens für sie gebauten Swimmingpool mit ihr plantschte, was sie so sehr liebte.

Trotz der kühlen Temperaturen an diesem grauen Julitag, durchwärmten die Worte der Pastorin die kleine Kapelle, als sie sein Leben in Einzelheiten schilderte. Einzelheiten, die sein Leben noch einmal Revue passieren ließen, für die, die ihm am nächsten standen und Stationen aus seinem Leben, für die, die ihn nicht mehr näher kennen lernen konnten.

Als sich der Trauerzug in Richtung Grabstelle in Bewegung setzte, begann der Himmel aufzureißen und die ersten kleinen, blauen Fetzen wurden sichtbar. Die Stille des Friedhofes wurde nur durch das AVE MARIA  des Trompeters durchbrochen. Selbst die Vögel schienen zu lauschen.

Der letzte Abschnitt. Sechs Träger ließen den schweren Sarg  in die Gruft hinab gleiten. Ein letzter Gruß, ein Sträußchen Blumen, Rosenblätter und Sand fallen fast lautlos auf den Sarg.

Und auf allen Gesichtern die unbeantwortete Frage: WARUM?

© Text und Foto: G.B.

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Über Anna-Lena

Lehrerin im Vorruhestand, mit vielen Hobbys, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Ich lese viel, schreibe gern selber und fotografiere, was mir vor die Linse kommt.
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16 Antworten zu Abschied

  1. syntaxia schreibt:

    Immer bleibt sie unbeantwortet, diese Frage, Anna-Lena. Wir werden nicht gefragt, ob wir bereit sind zu gehen.

    Da liegt eine Menge Kraft in der Familie, die sie sicher immer wieder auch braucht!

    ..grüßt dich Monika berührt

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    • Anna-Lena schreibt:

      Ja, Monika, diese Familie hat ein schweres Schicksal zu tragen, aber sie halten zusammen, sonst wäre es sicher nicht zu schaffen.

      Liebe Grüße zum Abend,
      Anna-Lena

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  2. bruni kantz schreibt:

    Dieses verdammte WARUM wird nicht beantwortet werden, weil es keine Antwort gibt.
    Da aber alles einen Sinn hat, MUSS die Antwort irgendwo versteckt sein. Sie MUSS. Wäre sie nicht irgendwo, was wäre dann? Wo könnten dann noch Trost und Hoffnung sein?

    Das von Licht und Farben durchbrochene Kreuz auf Deinem Foto ist vielleicht ein kleiner Teil der Antwort. Der Himmel, der aufreisst, vielleicht steckt auch hier ein Teilchen.

    Dann wäre die Antwort also im Licht zu finden…

    LG von Bruni

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    • Anna-Lena schreibt:

      Wir Menschen neigen dazu, immer eine Antwort auf all unsere Fragen zu bekommen. Das Nicht-Wissen und somit zu GLAUBEN fällt vielen in der heutigen Zeit schwer.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  3. Katinka schreibt:

    Die Antwort darauf wird niemand geben können…..vieles ist so ungerecht und geschieht dennoch….

    Liebe Grüße
    Katinka

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  4. Quer schreibt:

    Ein tief trauriger, sehr persönlicher Abschiedstext.

    Ach, ein Tod wirft immer so viele Fragen auf, die nicht beantwortet werden können!

    Liebe Grüsse
    Brigitte

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  5. Thomas schreibt:

    Eine sehr traurige Geschichte, die ich gerade an einem solch schönen und gut gelaunten Sommertag gar nicht gerne gelesen habe…

    Besonders der unserer Ansicht nach viel zu frühe Tod eines geliebten Menschen bringt immer wieder die Frage nach dem „Warum“, – aber selbst, wenn es darauf Antworten gäbe, machten sie uns nicht glücklicher. Vielleicht würden die Antworten uns in der Trauer helfen, aber selbst das glaube ich nicht.

    Liebe Grüße, Thomas

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    • Anna-Lena schreibt:

      Lieber Thomas

      ich habe ja bewusst darauf hingewiesen, dass es heute eine traurige Geschichte gibt.

      Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.
      Ich weiß auch nicht, was besser ist: Zeit haben, von jemandem Abschied zu nehmen und ihn zu begleiten, bis er die Augen schließt oder jemanden von jetzt auf gleich zu verlieren.

      Die Lücke, die bleibt, wird nie geschlossen werden.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  6. giocanda schreibt:

    Gibt der christliche Glaube keine Antwort? keinen Trost?

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    • Anna-Lena schreibt:

      Schwer zu sagen, liebe Barbara.

      Durch einen ärztlichen Kunstfehler ein schwerst behindertes Kind zu bekommen (Jule ist Ende 20), selbst an Brustkrebs mit Amputation zu erkranken und kurz darauf den Mann zu verlieren, das ist schwer zu ertragen.

      Ich kann mir vorstellen, dass man da den Glauben verlieren kann.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

      @all: Danke für Eure zahlreichen Kommentare. Diese Situation vor einem Jahr hat uns sehr betroffen gemacht und erst mit dem Schreiben der Geschichte konnte ich auch ein Stück verarbeiten.

      Unserer Cousine, die nie die Todesursache trotz Obduktion erfahren hat, geht es mittlerweile entsprechend besser.
      Sie hat einen lieben Partner gefunden (aus dem früheren Freundeskreis der beiden), der sie sehr in der Betreuung und Pflege von Jule unterstützt.

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  7. Holly schreibt:

    WARUM darf man nie fragen weil man sonst verzeifelt, es gibt keine Antwort.

    Für mich ist das Wort NIE MEHR genauso schrecklicher weil es so endgültig ist.

    fühl dich gedrückt liebe Anna-Lena
    Holly

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  8. Samantha schreibt:

    liebe Anna-Lena,

    es hat mich jetzt richtig traurig gemacht das zu lesen. und noch trauriger macht es mich, dass man auf die ewige frage „warum“ nie eine antwort bekommen wird. wenn man einen geliebten menschen verliert, hat man oft das gefuehl es geht nicht mehr weiter….man kann einfach nicht mehr. wo soll man die kraft bloss hernehmen mit dem verlust fertig zu werden? das leben ist oft so grausam und reisst menschen die mitten im leben stehen einfach von uns fort. ich habe auch schon so viele menschen in meinem leben verloren, mitunter auch meine kleine tochter die in meinen armen gestorben ist. ich habe mich oft gefragt warum nur….warum? ich kann aber keine antwort auf diese frage finden, niemand kann es.

    es ist so traurig, dass jeder einmal gehen muss. daran aendern wir nichts. das einzigste was wir tun koennen, ist jede stunde mit den menschen die wir lieben zu geniessen. denn wir wissen nicht wann die letzte stunde kommt….

    liebe gruesse
    Sammy

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  9. Anna-Lena schreibt:

    Ein Kind zu verlieren, ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Danke, Sammy, für Deine Offenheit.

    Alles Liebe,
    Anna-Lena

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  10. Pingback: Jeder hat eine Leiche im Keller | Anna-Lenas Lesestübchen

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