„Lieber lustig mit fuffzig, als ranzig mit zwanzig! Lebenslustige Witwe, Anfang fünfzig, schlank, durchaus noch vorzeigbar, sucht gleichgesinnten Herrn für gemeinsame Unternehmungen ………….“
Sie zögerte, bevor sie den Brief in den Postkasten steckte. Entschlossen straffte sie jedoch die Schultern und steckte den Brief ein. Es hatte sie eine enorme Überwindung gekostet, diese Anzeige aufzugeben. Aber was hatte sie zu verlieren? Eigentlich konnte sie nur gewinnen, wenn sie auf diesem Weg jemanden finden würde, mit dem sie ins Kino, ins Theater oder einfach nur spazieren oder mal Essen gehen könnte.
Nachdem Klaus vor zwei Jahren plötzlich gestorben war, fiel sie in ein tiefes Loch, aus dem sie nur sehr schwer wieder herauskrabbelte. Sie hatte Freunde, die ihr zur Seite standen und sich sehr um sie kümmerten. Aber wer wollte schon auf Dauer das dritte Rad am Wagen sein?
Ein glückliches Familienleben konnte sie lange Zeit nicht um sich herum ertragen.
Es ging ihr auch gar nicht um eine neue Beziehung. Sie hatte wieder Lust, etwas zu unternehmen, wie sie es mit Klaus in all den Jahren ihrer Ehe gewöhnt war. Er hatte gut für sie gesorgt. Sie konnte das Haus weiterhin behalten, kümmerte sich liebevoll um ihren prächtigen Garten und stundenweise war sie in ihrem gemeinsamen Buchladen. Sie konnte sich durchaus als unabhängig und wohlhabend bezeichnen.
Nach Klaus’ Tod wollte sie alles aufgeben und in eine andere Stadt ziehen, denn alles erinnerte sie schmerzlich an den großen Verlust, den sie erlitten hatte. Aber sie hatten sich alles zusammen aufgebaut und sie hätte es als Verrat Klaus gegenüber empfunden, sein Lebenswerk in andere Hände zu geben. Deshalb war sie geblieben.
Nach vierzehn Tagen, nachdem sie die erste Kontaktanzeige ihres Lebens aufgegeben hatte, erhielt sie einen großen braunen Umschlag mit siebenundzwanzig Zuschriften. Feierlich öffnete sie einen gute Flasche Rotwein, setzte sich auf die Terrasse und widmete sich den vielen Briefen. Nach etwa drei Stunden hatte sie drei Stapel vor sich liegen, fein säuberlich sortiert in ‚ ausgeschlossen’, ‚na ja – den könnte ich mir ja mal ansehen’ und ‚ unbedingt ansehen’.
Ein Brief war übrig geblieben, der erst auf dem ersten, dann auf dem zweiten und letztendlich auf dem dritten Stapel lag. Er passte eigentlich nirgends hin, denn der Absender war fünfzehn Jahre jünger als sie. Und trotzdem las sie seinen Brief mehrmals und betrachtete das Foto, als könne sie wie in einem Spiegel alles über ihn erfahren.
Das Foto zeigte einen jungen, blonden Mann, Mitte dreißig mit strahlend blauen Augen, einigen süßen Lachfältchen in dem sonnengebräunten Gesicht und vollen sinnlichen Lippen. Neben ihm der Kopf eines etwa fünfjährigen Jungen, der dem Papi wie aus dem Gesicht geschnitten schien.
So ein Mann läuft nicht freiwillig als Single herum und wäre sie zwanzig Jahre jünger gewesen, hätte sie ihn gewiss nicht von der Bettkante geschubst. Er war Witwer. Seine Frau war an Krebs gestorben, genau wie Klaus. Und er hatte seinen Sohn Tim, der ihm über die schwere Zeit hinweg geholfen und ihm seinen Lebenswillen erhalten hatte.
‚Ausgeschlossen’ – er war zu jung und hatte ein Kind, ein Geschenk, das Klaus und ihr leider versagt geblieben war.
In den nächsten Tagen beantwortete sie alle Briefe des Stapels ‚ausgeschlossen’. Der Stapel ‚ na ja – den könnte ich mir ja mal ansehen’ wurde auch beantwortet und sie plante Termine mit dem einen oder anderen.
Es war eine Lebenserfahrung für sie, sich über einen Zeitraum von vierzehn Tagen mit fremden Männern zu treffen und sich ihre Lebensgeschichten anzuhören. Der Stapel ‚ausgeschlossen’ wuchs, denn sie wollte weder Hausfrau, Köchin, Kranken- und Pflegeschwester, Tochterersatz, Aushängeschild, noch sonst etwas spielen und die neuesten, abgefahrenen Sexspiele mit Latex und Leder, Stiefeln und Peitsche, mit regelmäßigen Besuchen des Sexmessen in ganz Europa waren auch nicht das Ziel ihrer Wünsche.
Blieb noch der Stapel ‚unbedingt ansehen’ und der junge Witwer übrig.
Als ihre engsten Freundinnen zum Grillen kamen, nahm sie sich ein Herz und erzählte von ihren Erlebnissen. Kontaktanzeigen sind ein willkommenes Tratschthema in einer Frauenrunde. Alle waren sich einig, dass sie es ganz mutig fanden, auf diesem Weg einen neuen Partner zu finden.
„Ich will keinen Partner, sondern einen Begleiter“, stellte sie entrüstet klar.
„Nun hab dich nicht so, du bist noch knackig und hast Gefühle, oder? Zwei gesunde Hände sind nur vorübergehend erlaubt!“ scherzte Ines.
„Da sind noch drei, die du dir ‚unbedingt ansehen’ wolltest“, konterte Elke.“ Mach das und wenn da wieder nichts für dich bei ist, gibst du eine neue Anzeige in einer anderen Zeitung auf.“ „Oder ich nehme dir einen ab, bei Helmut ist die Luft im Bett sowieso raus“, kicherte Melanie.
Sie holte das Foto des jungen Witwers. Den Brief hatte sie in ihrem Schrank gelassen, der war zu persönlich, um von den Freundinnen zerredet zu werden. „Was haltet ihr von dem?“ Sie reichte das Foto herum. „Was für ein leckeres Kerlchen“, platzte Melanie heraus. „Boah, den hätte ich mir zu allererst angesehen!“ war Ines’ Meinung. „Entschuldige, der könnte fast dein Sohn sein“, entrüstete sich Elke. „Der ist doch höchstens dreißig!!“
Sie verzog das Gesicht. Elke hatte Recht, das hatte sie ja auch von Anfang an gedacht und genau aus diesem Grund das Thema beiseite gelegt. Aber da war dieser offene und ehrliche Brief, in dem er betonte, der Altersunterschied sei kein Problem für ihn.
Und sofort entstand eine Grundsatzdiskussion über das Thema ‚junger Mann – ältere Frau’. Sie hörte sich alle Argumente dafür und dagegen an:
„Junge Männer zieht es zu reifen Frauen hin, sie sind unabhängig und lebenserfahren“.
„Er sucht nur eine Ersatzmutter für sein Kind! Wenn du das Kind in den Kindergarten oder in die Schule bringst, denken die, du seiest die Oma!“
„Wenn er merkt, dass du wohlhabend bist, bleibt er bei dir, nutzt dich aus und betrügt dich mit einer Jüngeren“.
„Das kann nicht gut gehen, irgendwann verlässt er dich wegen einer Jüngeren.“
„Miete dir einen, mach dir mit ihm einen schönen Abend und dann geht er wieder. Du kannst dir das finanziell leisten und hast keine Verpflichtungen.“
„Genieße einfach, solange es geht, ohne zuviel Gefühl zu investieren.“
„Gib dir und ihm eine Chance, wenn es zwischen euch funkt.“
Die Argumente dafür und dagegen nahmen kein Ende.
Die Diskussion ging aus wie das Hornberger Schießen und sie merkte, dass sie das alleine für sich entscheiden musste. Und sie entschied, sich mit ihm zu treffen, ganz unverbindlich.
Sie trafen sich in einer kleinen gemütlichen Kneipe. Beider Nervosität verflog recht schnell und sie unterhielten sich, als würden sie sich bereits seit Jahren kennen. Es war der Funke, der sofort übersprang. Sie trafen sich immer häufiger, verbrachten die Wochenenden miteinander.
Den kleinen Tim hatte sie schnell ins Herz geschlossen und er sie.
Sie genoss und sie liebte. Ihre Freundinnen ahnten nichts, sie hatte weitere Fragen zu ihren ‚Kontaktmännern’ fantasievoll und nicht immer ganz ehrlich beantwortet und erweckte den Eindruck, inzwischen mit ihrem Single-Dasein sehr zufrieden zu sein, so dass langsam Gras über die Sache wuchs. Trotzdem blieb es niemandem verborgen, dass sie wie das blühende Leben aussah und weniger Zeit als sonst hatte.
Sie heirateten heimlich in einer kleinen Dorfkirche, mit seinen Eltern, ihrer Schwester und dem kleinen Tim. Nach der Hochzeit lud sie zu einem großen Gartenfest ein und stelle ihren Mann allen Freunden und Bekannten vor.
Verblüfft bis ungläubig reagierten die Freunde bei dieser Neuigkeit. Die Gemüter erhitzten sich mächtig. Die Freundinnen, manche blass vor Neid, warfen ihren älteren, oft nicht mehr ganz frischen Ehemännern einen verstohlenen Blick zu. Den Single-Damen war sofort der Wind aus den Segeln genommen, als sie resigniert feststellten, dass schöne Augen bei diesem Prachtexemplar von Mann absolut zwecklos waren, denn er hatte nur Augen für seine Frau. Die Männer nahmen den ‚Neuen’ unkompliziert in den Freundeskreis auf. Mancher von ihnen verglich den eigenen Bierbauch mit seinem Waschbrettbauch und seufzte den vergangenen Tagen hinterher. In einem Kreis von Männern mit beginnender bis hin zur vollen Glatze wirkte sein blonder voller Schopf wie eine Trophäe.
Heute, noch viele Jahre später, lachen sie herzhaft über die verdutzten Gesichter der Freunde auf dem Video, das an diesem Abend gedreht wurde. Und sie sind immer noch glücklich und verliebt, wie am ersten Tag.
© Anna-Lena
Veröffentlicht in “Schillernd wie Seifenblasen”




..schmunzel…
Ja, Anna-Lena,
so etwas kann passieren. Es ist wohl jede Richtung offen, was Beziehungen angeht. Das klassische Modell muss nicht zwangsläufig das beste sein.
..grüßt dich Monika
Das sehe ich genau so, liebe Monika.
Es ist immer noch ganz normal, wenn der Mann älter als die Frau ist. Im umgekehrten Fall scheiden sich die Geister.
Soll jeder nach seiner Fasson glücklich werden.
Liebe Grüße
Anna-Lena
Hallo Anna-Lena,
danke dir für deinen Besuch auf meinem blog. Neugierig wie ich nun mal bin, bin ich sofort zu einem Gegenbesuch aufgebrochen, heute morgen. Dann hatte ich leider keine Zeit mehr.
Aber ich bin zurück gekehrt, um hier zu lesen. Diese Geschichte finde ich richtig gut, und eine wahre ähnliche Geschichte kenne ich zufällig. Es geht seit vielen, vielen Jahren gut. Ich sehe sowie so nicht ein, warum es umgekehrt nicht klappen sollte.
Lieben Gruss, Brigitte
Danke, Brigitte, für deinen Besuch bei mir und Deinen Kommentar.
Ja, wo die Liebe wirklich und dauerhaft hinfällt, ist das Alter nicht wichtig.
Lieben Gruß an Dich,
Anna-Lena
Immer wieder Vorurteile, immer wieder pauschale Kommentare. Dabei hängt es doch bei einer Partnerschaft von den beiden Einzelpersonen ab, ob die Sache funktioniert.
Ich mag diese Geschichte und ich mag auch das Happy End, weil ich jeder/jedem wünsche, dass sie/er sein Leben so gestalten kann, wie sie/er möchte.
Lieben Gruß
Uta
Zum Glück lassen sich heute die Frauen nicht mehr durch die Vorurteile davon abhalten, ihr Glück zu finden.
Glück und Liebe lassen sich nicht nach gesellschaftlichen Vorgaben bestimmen. Und das Alter spielt keine Rolle dabei, ob man sich versteht oder nicht.
Die Männer, die mich glücklich machten und machen (also jeweils einer
) waren/sind mal älter mal jünger als ich.
Recht so!
Habs gern gelesen, Anna-Lena!
LG
Elsa
Liebe Uta, liebe Elsa,
auch Euch lieben Dank für Euren Besuch und Euren Kommentar.
Habt einen gemütlichen Abend,
Anna-Lena