Mit einem Satz sprang er zu ihr ins Bett, kuschelte sich unter ihre warme Bettdecke und fragte, ungeachtet der nachtschlafenden Zeit: „Mama, warum habe ich keinen Papa?“ Sie war mit einem Schlag hellwach. Der Wecker zeigte sieben Minuten vor fünf, und das an einem Sonntagmorgen, an dem eine allein erziehende Mutter sich nichts sehnlicher wünscht, als auszuschlafen.
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“ murmelte sie mit einem lapidaren Unterton in der Stimme und deckte ihren knapp fünfjährigen Sprössling sorgfältig zu. Mit dieser Frage hatte sie schon lange gerechnet, aber eine plausible Antwort, die ein wissbegieriger Junge ihr mitten in der Nacht stellte, hatte sie nicht, noch nicht. „Alle Kinder in meiner Gruppe haben einen Vater, nur ich nicht“, lautete die resignierte Antwort. „Natürlich hast du auch einen Vater. Jeder Mensch hat einen Vater.“ „Aber meiner kümmert sich nicht um mich. Er kommt nie und ich kenne ihn nicht.“ „Nein, Florian, das stimmt nicht. Du weißt doch, dass er am anderen Ende der Welt lebt. Er schickt dir zu jedem Geburtstag einen Brief und ein Päckchen.“ „Ja, schon“, überlegte Tobias, „trotzdem kenn ich ihn nicht wirklich.“ „Irgendwann wirst du ihn kennen lernen. Und nun schlaf noch, es ist mitten in der Nacht.“
Tobias schlief wieder ein. Aber zum Frühstück bohrte er erneut. Es war zu früh, ihm zu erklären, was mit seinem Vater passiert war. Wie sollte er das auch verstehen? Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte ihm erzählt, sein Vater sei tot. Aber der erfreute sich bester Gesundheit. Als Tobias im Garten spielte, rief sie Paula an. „Tobias hat wieder nach dir gefragt.“ Stille in der Leitung. „Und – was hast du ihm gesagt?“ erklang Paulas tiefe Stimme. „Das, was ich ihm immer in der Situation sage, ausweichende, beschwichtigende Notlügen.“ Wieder Schweigen. „Du kannst ihm nicht die Wahrheit sagen, er versteht das noch nicht.“ ‚Ist das mein Problem?’ wollte sie ins Telefon schreien, aber sie beherrschte sich und biss sich auf die Unterlippe. „Soll ich kommen?“ „Nein, davon hat er auch nichts.“ „Lea, bitte, wir haben eine Abmachung. Wir sagen es ihm, wenn er alt genug ist, um das zu verstehen.“
Lea verabschiedete sich kurz. Wieder hatte sie diesen fürchterlichen Kloß im Hals. Sie griff nach ihren Beruhigungstabletten. Sie konnte es immer noch nicht ertragen. Und sie würde es nie völlig verarbeiten. Sie war mit Tobias im dritten Monat schwanger, als Paul ihr eröffnete, dass er im falschen Körper lebte. Sie fiel aus allen Wolken, der Boden schien sich unter ihr aufzutun, als Paul ihr erklärte, dass er bereits einen Operationstermin habe und sich zur Frau umoperieren lassen würde. Nachdem Paul ausgezogen war, verfiel sie in schwerste Depressionen. Nur das Ungeborene hielt sie am Leben.
Paul, die Liebe ihres Lebens, verwandelte sich nach und nach zur Frau. Sie brachte alles Verständnis auf, zu dem sie fähig war. Paul, nun Paula, kümmerte sich rührend um sie, besuchte mit ihr die Schwangerschafts-Vorbereitungskurse und erlebte voller Glück, wie sein Sohn geboren wurde. Für Tobias war Paul Tante Paula, die beste Freundin seiner Mutter. Er freute sich immer, wenn sie kam und unternahm auch gern etwas mit ihr. Er spürte, dass Tante Paula ihn auf eine ganz besondere Art sehr lieb hatte. Lea und Paul hatten im Laufe der Jahre eine besondere Freundschaft entwickelt. Sie sahen sich sehr oft, redeten oft stundenlang und verbrachten gemeinsam viel Zeit mit ihrem Sohn. Als Paul sich in einen Mann verliebte und mit ihm zusammen zog, fiel Lea wieder in ein tiefes Loch und konnte ihr Leben nur noch mit Beruhigungstabletten einigermaßen meistern. Obwohl Paul sich zu einer bildhübschen Frau mit straffen Brüsten und einer schmalen Taille oberhalb der wohlgeformten langen Beine verwandelt hatte, war er immer ihr Paul geblieben, der Mann, mit dem sie eine Familie gründen und zusammen alt werden wollte. Sie liebte Paul immer noch. Wie sollten sie Tobias irgendwann einmal erklären, dass Tante Paula früher ein Mann namens Paul und sein Vater war?
copyright: Anna-Lena
Veröffentlicht in “Schillernd wie Seifenblasen”




Liebe Anna-Lena,
eine hochinteressante Geschichte, die ich sehr gern gelesen habe!
Lieben Gruß
ELsa
Liebe Elsa,
ich kannte jemanden, der in einem falschen Körper lebte und erst zufrieden war, als er sich umoperieren ließ. Es ist eine gewaltige psychische und physische Belastung. Hut ab vor denen, die diesen Schritt konsequent gehen.
Liebe Grüße
Anna-Lena
Ich habe auch großen Respekt vor dem Mut, liebe Anna-Lena.
Herzlich,
Elsa
PS: Danke für deinen schönen Gästebucheintrag bei mir.